Zehn ostdeutsche Gymnasiasten

Zehn ostdeutsche Gymnasiasten

ziehen als Austauschschüler in den Westen

„Im Jahre 1990, wenige Monate nach dem Zusammenbruch des sozialistischen Regimes der DDR, aber vor der späteren Vereinigung der beiden deutschen Staaten im Oktober desselben Jahres, richtete die Atlantik-Brücke in Verbindung mit dem etablierten Austauschprogramm – Jugend für Verständigung – eine Stiftung ein, um es für 35 ostdeutsche Gymnasiasten finanziell zu ermöglichen, ein Jahr in den Vereinigten Staaten zu verbringen. Das war revolutionär, weil es das erste und letzte Mal war. Denn nie zuvor war es Ostdeutschen erlaubt worden, sich an einem Schüleraustausch für Unterprimaner im bösen kapitalistischen Westen zu beteiligen. Er blieb ein Einzelfall, da Ostdeutschland im folgenden Jahr zu existieren aufhörte. Als die 1990-Gruppe im Sommer 1991 nach Europa zurückkehrte, war ihr Land von der Bundesrepublik Deutschland absorbiert worden. Und obwohl Gymnasiasten aus dem östlichen Teil des nunmehr vereinten Deutschland seitdem am Austauschprogamm regelmäßig teilnehmen – und die Atlantik-Brücke das Programm weiterhin jährlich unterstützt – bleiben die 1990-Pioneere dennoch ein Sonderfall, weil allein sie ausschließlich in einer soziaistischen Kultur aufwuchsen und weil sie keine unmittelbare Vertrautheit mit dem Westen besaßen, als sie ins Ausland auf Abenteuer reisten.

Auf ging’s für die glückliche Gruppe der ostdeutschen Preisträger. Ein ganzes Jahr lang lebten sie bei amerikanischen Gastfamilien, die meisten in kleinen Gemeinden im Mittelwesten und im Bibel-Gürtel. Schnell lernten sie die englische Sprache. Alle besuchten die Schule und viele gingen zum Gottesdienst, sie lernten Baseball, Korbball und amerikanischen Fußball kennen, so wie auch Abschlussbälle, Fast-Food und Drive-ins. Sie gingen auf Dates und feierten Partys und erlebten sogar das eigentümliche Phänomen, „Amerika im Kriegszustand“ – in diesem Fall war es der Golfkrieg. Zwangsläufig formten sie sich ihre Ideen über das amerikanische Volk, die amerikanische Kultur und den „American Way of Life.“ Als sie in ihre Heimat zurückgekehrt waren, wollte die Atlantik-Brücke wissen, was diese Ideen waren, weshalb sie gebeten wurden, sie zusammen mit in ihren Eindrücken, Anekdoten und Meinungen in einen Aufsatz zu inkorporieren. Die zehn besten Aufsätze wurden ausgezeichnet und lieferten das Material für ein Buch, Ten Went West – East German Students between Three Worlds. [Vergriffen]. Jim Neuger, ein junger amerikanischer Journalist, und ich waren für die Zusammenstellung des Buches verantwortlich. Dabei erlebten wir beim Interviewen der Rückkehrer eine faszinierende Zeit.“ In: Susan Stern, These Strange German Ways and the Whys of the Ways. (Epilogue: These Strange American Ways: A Contrastive Approach to the Ways of (East) Germans and Americans, 227f. [Vergriffen]).

Man spreche von unerwarteten Meinungen! Amerika, das Land der Freien? Keineswegs, sagten unsere ostdeutschen Freunde. Sie meinten einstimmig, Amerikaner seien nur frei, wenn sie sich anpaßten. Das heißt, wenn sie „normale“ heterosexuelle Leben in „normalen“ Kleinfamilien führten, regelmäßig zur Kirche gingen, die Gemeinde unterstützten, einschließlich der örtlichen Sportmannschaften, das Intervenieren der USA im Ausland billigten, „unsere kämpfenden Jungs“ anfeuerten und jederzeit wahren patriotischen Geist demonstrierten. Die Freiheit anders zu sein—Homosexueller, unverheirateter Elternteil, Pazifist, Nudist—war nicht akzeptabel. Das schlichte Sich-solidarisch-Erklären mit derartigem sogenanntem abweichendem Verhalten—zumeist alles vollkommen akzeptables Verhalten in Ostdeutschland—wurde nicht bloß als ausgefallen betrachtet, sondern als ausgesprochen antisozial, und alle Schüler gerieten irgendwann in Schwierigkeiten für ihre andersdenkenden Meinungen. Sogar ihre Gewohnheit, die Schlafzimmertür zu schließen, wurde für eine schlechte Umgangsform gehalten: Was könnten sie nur hinter geschlossenen Türen tun? Es stimmt, sie wurden nicht ins Gefängnis geworfen oder auf schwarze Listen gesetzt; trotzdem, die jungen Ostdeutschen fanden es schwierig zu verstehen, warum Westländer gegenüber den ehemals kommunistischen Regimen so kritisch waren. Zugegeben, dort wo sie herkamen, gab es keine Redefreiheit, wenn es zur Politik kam und keine Reisefreiheit jenseits vorgeschriebener Grenzlinien, aber in anderen Hinsichten, dachten sie, daß die kommunistische Gesellschaft viel offener und toleranter dem Einzelnen und seinen schwachen Seiten gegenüber gewesen war. Sie sahen wenig Unterschied zwischen kommunistischer und kapitalistischer Indoktrination—beide Systeme seien selbstgefällig und selbstgerecht, überzeugt von ihrer eigenen Überlegenheit und davon bestimmt, daß alle anderen, mit denen sie Umgang haben, ihre Werte und Glaubenssätze als die einzig „wahren und richtigen“ annehmen sollten. Sie fanden die amerikanische „Love us or leave us“-Haltung engstirnig, amerikanischen Materialismus überwältigend und abträglich anderen, geistigeren Werten gegenüber, und den Ausdruck „gottesfürchtig“ allzu oft synonym mit „bigott“.
Sie fanden die Amerikaner auch warm, freundlich, freigebig und im Allgemeinen durchaus anständig, ungeachtet dessen, was sie als ihren Provinzialismus, Sexismus, ihre Prüderie und Intoleranz empfanden. Sie wollten alle eines Tages in die Vereinigten Staaten zurück—sie zu besuchen, aber nicht unbedingt dort zu leben.
Wir—Jim und ich—wiesen darauf hin, daß ihre Erfahrungen nicht „typisch“ sein mochten, daß „Kleinstadt USA“ keineswegs der „Großstadt USA“ gleicht, und daß sie in New York, Boston, Chicago, Los Angeles oder San Francisco alle Freiheit und Toleranz vorgefunden hätten, die sie vermißt hatten. Oder so glaubten wir. Nach einiger Zeit waren wir nicht so sicher. Je mehr wir die Begriffe (Freiheit, Toleranz, usw.) versuchten festzunageln, desto mehr entzogen sie sich uns. Mit anderen Worten, es erforderte eine Gruppe Ostdeutscher, uns zu veranlassen, eine Menge seltsamer amerikanischer Eigenarten in Frage zu stellen, denen wir vorher nicht viel Gedanken hatten zukommen lassen. (Susan Stern, These Strange German Ways and the Whys of the Ways, Berlin (Atlantik-Brücke) 2000, pp. 228-9. [Vergriffen]).

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