Vermessung der Welt 17

Vermessung der Welt 17

Die Vermessung der Welt, 17. Teil; Gauß unternimmt eine lange, sehr beschwerliche Reise nach Königsberg zu dem von ihm verehrten Immanuel Kant. Bei ihm spricht er sich über den Gehalt seiner Arbeit aus.

In einem Brief hielt Gauß um Johannas Hand an und wurde abgewiesen. Sie bezweifle, dass die Existenz an seiner Seite einem zuträglich sein könne. Sie habe den Verdacht, dass man in seiner Nähe zur Blässe und Halbwirklichkeit eines Gespensterdaseins verurteilt sei.
Er nickte. Er hatte genau diese Entscheidung erwartet, wenn auch keine so gute Begründung. Jetzt fehlte nur mehr eines.
Die Reise war fürchterlich. Seine Mutter weinte beim Abschied, und dann weinte auch er. Die Kutsche war voll übelriechender Leute, eine Frau aß rohe Eier mitsamt der Schale, ein Mann machte, ohne Atem zu holen, Witze, die nicht komisch waren. Gauß versuchte, das alles zu übersehen, indem er in der neuesten Ausgabe der „Monatlichen Korrespondenz zur Beförderung von Erd- und Himmelskunde“ las. Im Teleskop des Astronomen Piazzi war ein Geisterplanet aufgetaucht und, bevor man seine Bahn hatte bestimmen können, wieder verschwunden. Gauß schloss die Augen. Eine Weile sah er ein von Magnetlinien durchzogenes Firmament, dann Johanna, dann wachte er auf. Dass weitere elf Tage und Nächte kommen würden, war kaum vorstellbar. Wie schrecklich das Reisen war!
Als er in Königsberg ankam, war er fast besinnungslos. Die Straßen sahen fremd aus, die Geschäfte hatten unverständliche Schilder, und das Essen roch nicht wie Essen. Noch nie war er so weit von daheim gewesen.
Endlich hatte er die Adresse gefunden. Er klopfte, nach langem Warten öffnete ihm ein durch und durch staubiger alter Mann und sagte, der gnädige Herr empfange nicht.
Gauß holte Empfehlungsbriefe hervor.
Der Diener hielt die Papiere verkehrt herum, ohne einen Blick darauf zu werfen. Er überlegte, dann ging er hinein und ließ die Tür offen.
Gauß folgte ihm durch einen dunklen Flur in ein kleines Zimmer. Er sah ein verhängtes Fenster, einen Tisch, einen Sessel und darin einen in Wolldecken gewickelten, reglosen Zwerg, wulstige Lippen, vorspringende Stirn, eine scharfe, dünne Nase. Die halbgeöffneten Augen wandten sich ihm nicht zu. Die Luft war stickig, dass man kaum atmen konnte. Mit heiserer Stimme fragte er, ob das der Professor sei.
Wer sonst, sagte der Diener.
Gauß holte ein Exemplar der „Disquisitiones“ hervor, auf dessen erste Seite er etwas von Verehrung und Dank geschrieben hatte. Er hielt dem Männchen das Buch hin, es regte keine Hand.
Mit gedämpfter Stimme erklärte er sein Anliegen. Er habe Ideen, die er noch keinem habe mitteilen können. Die Wahrheit sei sehr unheimlich: Der Satz, dass zwei gegebene Parallelen einander niemals berührten, sei nie beweisbar gewesen. Er, Gauß, vermute nun, dass der Satz nicht stimme. Dies sei kein Gedankenspiel! Er behaupte etwa … Er ging auf das Fenster zu, aber ein erschrockenes Quieken des Männchens ließ ihn stehenbleiben. Er behauptete etwa, dass ein Dreieck von genügender Größe, aufgespannt zwischen drei Sternen dort draußen, bei genauer Messung eine andere Winkelsumme habe als die erwarteten hundertachtzig Grad, sich also als sphärischer Körper erweisen werde. Als er gestikulierend aufsah, bemerkte er die Spinnweben an der Decke, mehrere Schichten davon, filzig ineinandergewoben. Einstweilen benötige er die Meinung des einzigen, der ihn nicht für verrückt halten könne, der ihn verstehen müsse. Er ging in die Hocke, so dass sein Gesicht auf gleicher Höhe mit dem des Männchens war. Er wartete. Die kleinen Augen richteten sich auf ihn.
Wurst, sagte Kant.
Bitte?
Der Lampe soll Wurst kaufen, sagte Kant. Wurst und Sterne.
Gauß stand auf.
Ganz hat mich die Zivilität nicht verlassen, sagte Kant. Meine Herren! Ein Tropfen Speichel rann über sein Kinn.
Der gnädige Herr sei müde, sagte der Diener.
Gauß nickte. Der Diener berührte mit dem Handrücken Kants Wange. Das Männchen lächelte. Sie gingen hinaus. Von weitem hörte Gauß den Gesang dunkler Männerstimmen. Der Gefängnischor, sagte der Diener. Der habe den gnädigen Herrn immer sehr gestört.
In der Kutsche, eingeklemmt zwischen einem Pastor und einem dicken Leutnant, las er zum dritten Mal den Artikel über den rätselhaften Planeten. Natürlich konnte man seine Bahn berechnen! Ein paar Tage Arbeit, dann konnte man voraussagen, wann und wo er wiederauftauchen würde. Dann war er wieder zurück in Braunschweig.

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