Vermessung der Welt 16

Vermessung der Welt 16

Die Vermessung der Welt, 16. Teil: Gauß‘ Gipfelerlebnisse bei der Gewinnung neuen Wissens.

Von da an verließ er die Wohnung nicht mehr. Er musste sich beeilen, sterben ließ sich schnell. Manchmal kam Bartels und brachte Essen. Manchmal kam seine Mutter. Sie strich ihm über den Kopf, sah ihn mit vor Liebe verschwommenem Blick an und wurde rot vor Freude, wenn er sie auf die Wange küsste. Dann tauchte Zimmermann auf, fragte, ob er Hilfe bei der Arbeit brauche, begegnete seinem Blick und ging verlegen brummend seiner Wege. Briefe trafen ein, auch vom Sekretär des Herzogs, er las keinen davon. Zweimal hatte er Durchfall, dreimal Zahnweh und eines Nachts so heftige Koliken, dass er meinte, nun sei es soweit. In einer anderen Nacht kamen ihm plötzlich die Wissenschaft, seine Arbeit, sein gesamtes Leben fremd und überflüssig vor, weil er keinen Freund hatte und außer seiner Mutter niemanden, dem er etwas bedeutete. Aber auch das ging, wie alles, vorüber.
Und eines Tages war er fertig. Er legte die Feder weg, schneuzte sich und rieb sich die Stirn. Ihm schien, das alles hatte jemand erlebt, der er seit wenigen Momenten nicht mehr war. Vor ihm lag das Manuskript, das der andere zurückgelassen hatte. Hunderte eng beschriebener Seiten. Er blätterte darin und fragte sich, wie er das hatte leisten können. Er konnte sich an keine Inspiration, keine Erleuchtungen erinnern. Nur an Arbeit.
Für die Kosten des Drucks musste er sich Geld von Bartels ausleihen, der selbst fast nichts besaß. Dann gab ihm der Dummkopf von Buchhändler Schwierigkeiten, als er die gesetzten Blätter noch einmal Korrektur lesen wollte. Zimmermann schrieb an den Herzog, der rückte noch etwas Geld heraus, und die „Disquisitiones Arithmeticae“ konnten erscheinen. Er war Anfang Zwanzig, und sein Lebenswerk war getan. Er wusste: Wie lange er auch noch da sein würde, er könnte nichts Vergleichbares mehr zustande bringen.

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