Vermessung der Welt 15

Vermessung der Welt 15

Die Vermessung der Welt, 15. Teil: Wie sich Gauß und Johanna, seine zukünftige Frau, zum ersten Mal begegneten.

Die Arbeit ging schnell voran. Immer wieder legte er die Feder weg, und fragte sich, ob das, was er tat, überhaupt erlaubt war. Drang er nicht zu tief ein? Auf dem Grund der Physik waren Regeln, auf dem Grund der Regeln Gesetze, auf deren Grund Zahlen. Einiges an ihrem Gefüge schien unvollständig, seltsam flüchtig entworfen, und nicht nur einmal glaubte er, notdürftig kaschierten Fehlern zu begegnen – als hätte Gott sich Nachlässigkeiten erlaubt und gehofft, keiner würde sie bemerken.
Dann kam der Tag, an dem er kein Geld mehr hatte. Da gebe es Abhilfe, sagte Zimmermann. Ein Gelegenheitsauftrag. Man brauche einen tüchtigen jungen Mann, der bei der Landvermessung helfe.
So fand er sich unversehens durch die verregnete Landschaft stolpern. Er kletterte über eine Hecke und stand keuchend, verschwitzt vor zwei Mädchen. Gefragt, was er hier tue, erklärte er nervös die Technik der Triangulation: Man wähle ein Dreieck irgendwo hier draußen, messe die Seite, zu der man am leichtesten Zugang habe, und bestimme mit diesem Gerät die Winkel zum dritten Punkt. Er hob den Theodolit und drehte ihn, so und so. Dann füge man eine Serie solcher Dreiecke aneinander. Ein preußischer Forscher tue genau das in diesem Moment unter den Fabelwesen der Neuen Welt.
Aber eine Landschaft, erwiderte die Größere der beiden, sei doch keine Fläche?
Er starrte sie an. Die Pause hatte gefehlt. Als hätte sie nicht nachdenken müssen. Allerdings nicht, sagte er lächelnd.
Ein Dreieck, sagte sie, habe nur auf einer Fläche hundertachtzig Grad Winkelsumme, auf einer Kugel aber nicht. Damit stehe und falle doch alles.
Er musterte sie, als sähe er sie erst jetzt. Ja, sagte er. Um das auszugleichen, müsse man die Dreiecke gewissermaßen nach der Messung zu unendlich kleiner Größe schrumpfen lassen. Grundsätzlich eine einfache Differentialoperation. Er holte seinen Block hervor. In dieser Form, murmelte er, während er zu notieren begann, habe das noch keiner durchgeführt. Als er aufsah, war er allein.
Ein paar Wochen zog er noch mit den geodätischen Gerätschaften durchs Gelände. Aber als aus dem Wald ein Schäferhund sprang, ihn zu Boden stieß, fast zärtlich in seine Wade biss und wie ein Spuk wieder verschwand, beschloss er mit dieser Arbeit aufzuhören.
Doch Johanna sah er jetzt öfter. Einmal gingen sie mit ihrer dummen und ständig kichernden Freundin Minna vor der Stadt spazieren. Oft antwortete Johanna, bevor er zu Ende gesprochen hatte. Er dachte daran, sie zu umfassen und zu Boden zu ziehen, und wusste genau, dass sie seine Gedanken kannte. Musste all diese Verstellung wirklich sein? Als er aus Versehen ihre Hand berührte, machte er eine tiefe Verbeugung, wie es die Adligen taten, und sie einen Knicks. Auf dem Rückweg fragte er sich, ob je ein Tag kommen würde, an dem Menschen miteinander umgehen könnten, ohne zu lügen. Aber bevor ihm etwas darauf einfiel, begriff er, wie jede Zahl sich als Summe dreier Dreieckszahlen darstellen ließ. Mit zitternden Händen tastete er nach seinem Block, aber er hatte ihn daheim vergessen und musste die Formel leise vor sich hin murmeln. Von da an verließ er die Wohnung nicht mehr.

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