Till Eulenspiegel und die Urteilsvollstreckung!

Till Eulenspiegel und die Urteilsvollstreckung!

58. Eulenspiegel gelang es durch eine scheinbar nichtige, jedoch
rechtlich bindende Bitte, noch im letzten Augenblick vor der Urteilsvollstreckung durch den Strang, freigelassen zu werden.

Lambrecht, der Weinzapfer, hatte auf die Worte geachtet, die Eulenspiegel gesprochen hatte, als dieser den Keller verließ. Er ging hinaus, nahm sich einen Polizisten, lief Eulenspiegel nach und holte ihn auf der Straße ein. Der Polizist ergriff ihn, und sie fanden die zwei Kannen bei ihm, die leere Kanne und die Kanne, in der der Wein war. Da klagten sie ihn als Dieb an und führten ihn ab ins Gefängnis.
Etliche meinten, er habe dafür den Galgen verdient, andere wiederum sagten, es sei nicht mehr denn ein raffinierter Streich. Der Weinzapfer hätte sich vorsehen sollen, als er davon sprach, dass ihn niemand betrügen könne. Eulenspiegel habe das wegen dessen großer Vermessenheit getan. Aber diejenigen, die Eulenspiegel grollten und ihn, wie einst die Oberen Magdeburgs, endlich ein für allemal unschädlich machen wollten, sagten, dass es Diebstahl sei, darum müsse er gehängt werden. Also wurde über ihn das Urteil gesprochen: zum Tode durch den Strang.
Als der Tag der Urteilsvollstreckung kam und man Eulenspiegel vor die Stadt führen und hängen sollte, erfasste die ganze Stadt eine bedrohliche Unruhe. Jedermann war zu Fuß oder zu Ross zur Richtstätte unterwegs. Der Rat von Lübeck sorgte sich, dass er zur Freilassung des Verurteilten genötigt und veranlasst werde und Eulenspiegel nicht gehängt werden könnte. Unter den Lübeckern waren etliche, die aus Neugierde sehen wollten, wie er sein Ende nähme, nachdem er ein so abenteuerlicher Mensch gewesen war. Andere meinten, er kenne sich in den Geheimkünsten aus und würde sich damit befreien. Der größte Teil der Stadtbevölkerung aber gönnte ihm, dass er frei würde.
Während der Fahrt zum Galgen vor die Stadt war Eulenspiegel ganz
still und sprach kein Wort, sodass sich alle wunderten und meinten, er
sei verzweifelt. Das Schweigen dauerte bis zum Galgen. Dort endlich
machte er den Mund auf, rief den ganzen Rat zu sich und bat ihn ganz demütig, ihm eine Bitte zu gewähren. Er wolle die Herren weder um Leib noch Leben bitten, noch um Geld oder Gut, sondern um etwas Gutes, das erst nach seinem Tode zu tun sei, noch um ewige Messen, ewige Spenden oder ewiges Gedenken, sondern um eine geringe Sache, die ohne Schaden zu tun sei und die der ehrenhafte Rat von Lübeck leicht tun könne, ohne dass der Stadt ein einziger Pfennig Unkosten verursacht werde. Die Ratsherren traten zusammen und beratschlagten miteinander über seine Bitte. Sie einigten sich, ihr nachzukommen, nachdem er doch ausdrücklich gesagt hatte, worum er nicht bitten wolle. So manche von ihnen verlangte es aus Neugierde sehr zu erfahren, worum er bitten würde. Sie sagten ihm, dass sie seine Bitte erfüllen würden, sofern er nicht um Dinge bitten wolle, die er vorhin aufgezählt hatte. Sei er damit einverstanden, so wollten sie ihm seine Bitte gewähren. Eulenspiegel sagte: „Um die Dinge, die ich vorhin aufgezählt habe, will ich Sie nicht bitten. Wollen Sie mir das halten, worum ich Sie bitte, so bestätigen Sie es mir durch Handschlag!“ Das taten sie allesamt und versprachen es ihm mit Hand und Mund.
Da sagte Eulenspiegel: „Ehrenhafte Herren von Lübeck! Da Sie es mir versprochen haben, bitte ich Sie um dies: Wenn ich gehängt worden bin, sollen der Weinzapfer und der Henker jeden Morgen kommen, drei Tage hintereinander, der Weinschenk zuerst, der Henker nach ihm, und auf nüchternen Magen meinen Arsch küssen.“ Da spuckten sie vor Ekel aus und sprachen: „Das ist keine schickliche Bitte.“ Eulenspiegel sagte: „Ich halte den ehrenhaften Rat von Lübeck für so redlich, dass er hält, was er mir mit Hand und Mund zugesagt hat.“ Sie gingen miteinander darüber zu Rat und beschlossen, aus Gnade und anderer zu seinen Gunsten sprechender Tatsachen, ihn laufen zu lassen.
Da reiste Eulenspiegel nach Helmstedt, und man sah ihn nie wieder in Lübeck.
— Aus dem Urtext wortgetreu ins Neuhochdeutsche übertragen von Roland Lukner.

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