„Till Eulenspiegel mit Biss!“ – Leseprobe.

„Till Eulenspiegel mit Biss!“ – Leseprobe.

11. Historie
Im Lande Braunschweig lag im Stift Magdeburg das Dorf Büddenstedt. Eulenspiegel ging dort in das Pfarrhaus, und wurde vom Pfarrer, der ihn zwar nicht kannte, als Knecht eingestellt. Der Pfarrer sagte ihm, er solle gute Tage und einen guten Dienst bei ihm haben, essen und trinken solle er das Beste, ebenso gut wie seine Wirtschafterin. Und alles, was er machen müsse, könne er mit halber Arbeit tun; es wäre also ein Leichtes. Eulenspiegel antwortete ihm, er wolle sich danach richten.


Er bemerkte, dass die Haushälterin nur ein Auge hatte. Diese brachte sogleich zwei geschlachtete Hühner herbei, steckte sie an den Bratspieß und wies Eulenspiegel an, sich zum Feuer zu setzen und sie zu braten. Eulenspiegel hielt sich daran und drehte die Hühner über dem Feuer.
Als sie gar gebraten waren, überlegte er: „Als mich der Pfarrer einstellte, versicherte er mir, ich solle ebenso gut essen und trinken wie er und seine Haushälterin. Das könnte mit zwei Hühnern nicht gut gehen, denn der Pfarrers hätte sein Wort gebrochen, wenn nicht auch ich eins äße. Ich will also klug handeln, damit seine Worte wahr bleiben.“ Er brach eins vom Spieß und aß es ohne Brot, da keins zur Hand war.
Kurz vor Essenszeit kam die einäugige Wirtschafterin zum Feuer und wollte die Hühner beträufeln. Da sah sie, dass nur ein Huhn am Spieß war. Sie fragte Eulenspiegel: „Es waren doch zwei Hühner! Wo ist das eine hingekommen?“ Eulenspiegel antwortete: „Frau, wenn Sie das andere Auge auftun, so sehen Sie beide Hühner.“ Da er damit die Haushälterin wegen ihres einen Auges gekränkt hatte, wurde sie sehr zornig. Über Eulenspiegel erbost, lief sie zum Pfarrer und erzählte ihm, wie sein „feiner“ Knecht sie wegen ihres einen Auges verspottet habe. Auch habe sie, als sie zu ihm hingegangen sei, um nachzusehen, wie er briet, nur ein Huhn vorgefunden.
Der Pfarrer ging in die Küche, trat an das Feuer zu Eulenspiegel, und sprach: „Was spottest du über meine Magd? Ich seh ja, dass nur ein Huhn am Spieß steckt, und es sind doch zwei gewesen.“ – „Ja, es sind zwei gewesen“, bestätigte es ihm Eulenspiegel. Der Pfarrer fragte nach: „Und wo ist das andere hin?“ Eulenspiegel antwortete: „Das steckt doch da! Tun Sie beide Augen auf, so sehen Sie, dass ein Huhn am Spieß steckt. Der Haushälterin sagte ich es genauso wie Ihnen, doch sie wurde zornig.“ Da lachte der Pfarrer und sprach: „Das kann meine Magd nicht, beide Augen aufmachen, denn sie hat nur eines.“ Eulenspiegel stellte fest: „Das haben Sie gesagt, nicht ich.“ Der Pfarrer fuhr nun beschwichtigend fort: „Lassen wir das Geschehene auf sich beruhen, doch Tatsache ist: Ein Huhn ist weg.“ – „Ja, das stimmt“, pflichtete ihm Eulenspiegel bei, „ein Huhn ist weg und eins steckt noch dran. Das andere habe ich gegessen, da Sie mir bei der Einstellung zugesichert hatten, ich solle ebenso gut essen und trinken wie Sie und Ihre Magd. Es tat mir nämlich leid, Sie sollten gelogen haben, wenn Sie und die Haushälterin die beiden Hühner aufgegessen hätten und mir davon nichts zuteilgeworden wäre. Damit Sie nicht zum Lügner an Ihren Worten würden, habe ich ein Huhn aufgegessen.“ Der Pfarrer war mit der Erklärung zufrieden und sprach: „Mein lieber Knecht, es geht mir nicht um den Braten, doch fortan tue nach dem Willen der Haushälterin, so sie es gerne sieht.“ Eulenspiegel antwortete: „Ja, lieber Herr, daran werde ich mich halten.“
Danach tat Eulenspiegel nur die Hälfte von dem, was ihm die Wirtschafterin auftrug. Wenn er einen Eimer Wasser holen sollte, so brachte er ihn halb voll, und wenn er zwei Holzscheite für den Herd holen sollte, so war es nur ein Holzscheit. Sollte er dem Stier zwei Bund Heu geben, so gab er ihm nur eins; sollte er ein Maß Wein bringen, so brachte er ein halbes, und dergleichen mehr in vielen Dingen, bis sie merkte, dass er es ihr zum Verdruss tat. Sie sagte ihm aber nichts, sondern beklagte sich über ihn beim Pfarrer.
Darauf sprach der zu Eulenspiegel: „Lieber Knecht, meine Magd klagt über dich. Ich hatte dich doch gebeten, dass du alles so tun solltest, wie sie es gerne sieht.“ Eulenspiegel erwiderte: „Ja, Herr, anders habe ich nicht gehandelt, als was Sie mir befohlen hatten. Sie hatten mir gesagt, ich könne Ihren Dienst mit halber Arbeit tun. Ihre Magd sähe zwar gerne mit beiden Augen, sieht aber nur mit einem, also nur die Hälfte. Deswegen kommt es ihr vor, ich tue nur die Hälfte.“ Da lachte der Pfarrer, doch die Haushälterin, die neben ihnen war, wurde zornig und sprach: „Herr, wenn Sie den unnützen Schalk noch länger behalten wollen, so werde ich Sie verlassen!“ Da gab ihr der Pfarrer nach und entließ, gegen seinen eigenen Willen, Eulenspiegel aus der Arbeitsstelle.
Doch da der Küster der Dorfgemeinde vor kurzem verstorben war, half ihm der Pfarrer bei den Verhandlungen mit den Bauern wegen eines neuen. Da diese einen Küster nicht entbehren konnten, gab er ihnen den Rat, Eulenspiegel einzustellen. Das taten sie denn auch. 
12. Historie
Als Eulenspiegel im Dorf Büddenstedt Küster geworden war, konnte er in der Kirche so laut singen, wie es ihm beliebte.
Einst stand der Geistliche vor dem Altar und legte sich die liturgische Kleidung an, um die Messe zu feiern.
 Eulenspiegel, der nun sein Kirchendiener war, ordnete hinter ihm das weiße Messgewand zurecht. Plötzlich ließ der Pfarrer einen derart lauten Furz fahren, dass es durch die ganze Kirche schallte. Da fragte ihn Eulenspiegel: „Was ist denn das? Opfern Sie das statt Weihrauch unserem Herrn am Altar?“ Der Pfarrer erwiderte: „ Was soll die Frage? Es ist doch meine Kirche. Ich habe durchaus die Macht, mitten in die Kirche zu scheißen, wenn ich’s möchte.“
Nun schlug ihm Eulenspiegel vor: „Wetten wir doch um ein Fass Bier, ob Sie das fertigbringen.“ – „Ja“, willigte der ein, „tun wir das.“ Sie schlossen also die Wette miteinander ab, und der Pfarrer sprach: „Meinst du, ich bin dazu nicht fähig?“ Er drehte sich um, ging hin und schiss einen großen Haufen in die Kirche und sagte: „Sieh her, Küster, das Fass Bier hab ich gewonnen.“ Eulenspiegel entgegnete ihm: „Nein, Herr Pfarrer. Lasst uns erst mal messen, ob es in der Mitte der Kirche ist, wie Sie zuvor sagten.“ Eulenspiegel maß es also aus und stellte fest, dass der Pfarrer die Mitte der Kirche bei weitem verfehlt hatte. Damit hatte Eulenspiegel das Fass Bier gewonnen!
Als die Haushälterin davon erfuhr, wurde sie sehr zornig und warnte den Pfarrer: „Sie lassen den listigen Diener so lange nicht gehen, bis er große Schande über Sie bringt!“
13. Historie
Als nun Ostern nahte, sagte der Pfarrer zu Eulenspiegel, seinem Küster: „Es ist hier Sitte, dass die Bauern in der Osternacht immer ein Osterspiel aufführen, in dem zu sehen ist, wie unser Herr Jesus Christus aus dem Grabe aufersteht.“ Es sei üblich, dass die Küster es vorbereiteten und leiteten, und so müsse er es jetzt übernehmen.
Nachdem Eulenspiegel nachgedacht hatte, wie das Marienspiel mit den Bauern zu inszenieren wäre, sprach er zu dem Pfarrer: „Es gibt doch keinen Bauern hier, der schriftkundig ist. Sie müssen mir Ihre Magd dazu leihen; sie kann ja schreiben und lesen.“ Der Pfarrer antwortete: „Ja, sicher, nimm nur dazu, wer immer dir dabei helfen kann; meine Magd ist früher schon mehrmals dabei gewesen.“ Der Haushälterin war das lieb. Sie wollte der Engel im Grabe sein, weil sie den Vers dazu auswendig konnte. Eulenspiegel wählte von den Bauern zwei aus, die mit ihm die drei Marien sein wollten. Dem einen Bauern brachte er selbst den Vers für seine Rolle bei. Der Pfarrer bekam den Part unseres Herrn Jesu Christi, der aus dem Grabe auferstehen sollte.
Als nun bei der Aufführung Eulenspiegel mit seinen Bauern vor das Grab trat, alle als Marien kostümiert, sprach die Wirtschafterin als Engel im Grabe den lateinischen Spruch: „Quem quaeritis? Wen sucht ihr hier?“ Da antwortete der Bauer, der die vorderste Maria war, wie Eulenspiegel es diesem beigebracht hatte: „Wir suchen eine alte einäugige Pfarrershure.“ Als sie hörte, dass man sie wegen ihres einen Auges verspottete, wurde sie abermals auf Eulenspiegel böse und sprang aus dem Grab, um ihm mit den Fäusten ins Gesicht zu dreschen. Sie schlug aufs Geratewohl zu und traf einen der Bauern, dass ihm ein Auge anschwoll. Als der andere Bauer das sah, schlug er auch drein und traf die Haushälterin an den Kopf, dass ihr die Engelsflügel abfielen. Sobald der Pfarrer das erblickte, ließ er die Siegesfahne Jesu Christi fallen und kam seiner Wirtschafterin zu Hilfe. Er fiel dem einen Bauern ins Haar und raufte sich mit ihm vor dem Grab. Als die anderen Bauern das sahen, liefen sie hinzu, und es entstand eine große Balgerei und ein lautes Lärmen. Der Pfarrer lag mit der Haushälterin unten; die Bauern, die Marien waren, lagen auch unten, sodass die anderen Bauern die Streitenden voneinander trennen mussten.
Eulenspiegel aber nutzte die Rauferei, um sich davonzumachen. Er lief zur Kirche hinaus, ging aus dem Dorf und kam nicht wieder. Gott weiß, wo sie einen anderen Küster hernahmen.
— Aus dem Urtext ins Neuhochdeutsche übertragen von Roland Lukner.

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