Till Eulenspiegel fühlt sich in Lübeck herausgefordert!

Till Eulenspiegel fühlt sich in Lübeck herausgefordert!

 

57. Eulenspiegel fühlt sich in Lübeck gegen seinen Willen herausgefordert, einen Streich zu spielen.
Als Eulenspiegel nach Lübeck kam, sah er sich wohlweislich vor und verhielt sich so, wie es sich gebührte, um dort ja keinen Streich zu spielen, denn es herrschte in Lübeck ein gar strenges Recht. Nun war zu der Zeit in Lübeck ein Weinzapfer im Ratskeller, der ein hochmütig stolzer Mann war. Ihm schien es, niemand sei so klug wie er, und er ging so weit, von sich selber zu behaupten und zudem von sich verbreiten zu lassen, dass es ihn begehre, den Mann zu sehen, der ihn betrügen könnte und ihn in seiner Klugheit zum Narren machte. Darum waren ihm viele Bürger nicht wohlgesinnt.
Als Eulenspiegel von diesem extremen Hochmut des Weinzapfers hörte, konnte er den Schalk nicht länger verbergen und dachte: „Das musst du versuchen; mal sehen, was er kann.“ Er nahm zwei Kannen, die beide gleich waren, füllte Wasser in eine Kanne und ließ die andere leer. Die Kanne, in der das Wasser war, trug er unter dem Mantel verborgen, die leere Kanne trug er außen. Er ging mit beiden Kannen in den Weinkeller und ließ sich ein Maß Wein einmessen. Die Kanne mit dem Wein versteckte er unter dem Mantel, zog die Kanne mit dem Wasser hervor und setzte sie auf die Zapfbank, ohne dass es der Weinzapfer bemerkte, und fragte dann: „Weinzapfer, was kostet das Maß Wein?“ – „Zehn Pfennig“, antwortete der. Eulenspiegel sagte: „Es ist mir zu teuer, ich habe nicht mehr als sechs Pfennige dabei. Kann ich ihn dafür haben?“ Der Weinzapfer wurde zornig und sprach: „Willst du meinen Herren den Preis vorschreiben? Das ist ein Kauf nach festgesetzten Preisen. Wem das nicht recht ist, der lasse den Wein im Ratskeller.“ Eulenspiegel sagte: „Verstehe. Nun, da Sie meine sechs Pfennige nicht haben wollen, so gießen Sie den Wein wieder aus.“
Da nahm der Weinzapfer aus Geiz die Kanne und meinte, es sei der Wein; es war aber das Wasser, und er goss es oben zum Spundloch wieder hinein und sagte: „Was bist du für ein Narr! Lässt dir Wein einmessen und kannst ihn nicht bezahlen.“ Eulenspiegel nahm die leere Kanne und sagte, indem er sich entfernte: „Ich meine, du bist ein Narr. Es ist niemand so klug, dass er nicht von Narren betrogen würde, auch wenn es ein Weinzapfer ist.“ Die Kanne mit dem Wein trug er unter dem Mantel, und die Kanne, in der das Wasser gewesen war, trug er außen.
--- Aus dem Urtext ins Neuhochdeutsche übertragen von Roland Lukner.

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