Theodor Fontane, das Germanentum und Richard Wagner.

Theodor Fontane, das Germanentum und Richard Wagner.

 

Fontane reagierte heftig auf Richard Wagners Germanenkult – hier steigerte sich die Abneigung bis zu körperlichen Abwehrreaktionen.

Bei seinem Besuch der Bayreuther Wagner-Festspiele im Jahre 1889 verließ er trotz des teuer bezahlten Tickets beim „Parsifal“ nach wenigen Tönen fluchtartig den Konzertsaal: „Mir wird immer sonderbarer und als die Ouvertüre zu Ende geht, fühle ich deutlich ‚noch 3 Minuten und Du fällst ohnmächtig oder todt vom Sitz.‘ … Gott sei Dank, wurde mir auf mein Pochen die Tür geöffnet und als ich draußen war, erfüllte mich Preis und Dank.“ „Hundert Mark waren futsch“, resümierte Fontane.

Ein Wagnerianer auf dem Thron.

Die wilhelminische Zeit, von 1888-1918, wird geschichtlich als ruheloses Reich verstanden. Ambivalenz sei seine Signatur gewesen, dem Aufbruch der Abschied zugestellt. Tradition blieb noch machtvolles, suggestives Ritual. Preußische Adler hockten auf öffentlichen Gebäuden und evozierten eine Kontinuität, die längst im Bröckeln war. Bunte Kavalleriedefilees, siegestrunkene Kaisermanöver und glanzvolle Stapelläufe täuschten eine Sicherheit vor, die längst verloren war.
Ein Wagnerianer saß auf dem deutschen Thron. Wilhelm II. versuchte, stets im Mittelpunkt zu stehen, Stil und Stimmung zu prägen. Stets in Bewegung, vielfach auf Reisen, hielt er lärmende Reden; er wollte Härte zeigen, als Prototyp männlicher Kraft erscheinen; sein Leben war jedoch nur eine sorgfältige Maskerade; in Wahrheit zeigte er „weibische Züge“, hatte eine zarte Gesundheit, eine empfindliche Seele. Eine ahnungslos gegen sich selbst gerichtete Natur.
Die Defizite seiner Erziehung bestimmten sein Psychogramm: das bedrückende Verhältnis zu den Eltern, die überstrengen und verkrampften Methoden seines Erziehers, der Minderwertigkeitskomplex, den er wegen seines verkrüppelten linken Armes empfand, während er doch ganz aufs Männlich-Soldatische hin erzogen wurde.
Dieser Mann, dieser Propagandist des Militarismus und Imperialismus hatte den Ehrgeiz, opernhaft das darzustellen, was die Mehrheit des Volkes wünschte: Macht, Größe, Glanz, weshalb das loyale Bürgertum in Wilhelm II. die Verkörperung des Ideals sah. Die bourgeoise Phantasie war täglich angeregt und aufgeregt durch die Persönlichkeit des Kaisers. In allem letzte und höchste Instanz, fand Wilhelm II. nirgends Widerspruch.
Er umgab sich mit einem Geflecht von Männerfreundschaften, gefördert durch sein gebrochenes Verhältnis zum anderen Geschlecht und seine homoerotischen Neigungen. Er sonnte sich in der Liebedienerei seiner Gefährten. Von Besonderer Bedeutung war der Diplomat Philipp Fürst zu Eulenburg. Seine homosexuelle Disposition ließ ihn die Verbindung zum Kaiser besonders eng gestalten.
Mit seiner selbstgefälligen Ignoranz und feudalen Arroganz sowie seinem oberflächlichen Imponiergehabe war Wilhelm II. ein Prototyp der preußischen Offizierskaste, die ihn verehrte. Mit großer Pose und dröhnender Rhetorik verabschiedete er etwa am 27. Juli 1900 in Bremerhaven die zur Niederwerfung des chinesischen Boxeraufstandes and Bord gehenden Truppen. Vergeblich versuchte sein Staatssekretär Bernhard Fürst von Bülow den Pressebericht der Hunnenrede mit ihrem Ungeist zu unterbinden, deren rassistisch ausgerichteten Phantasmagorien Deutschlands Größe beschwörten. In ihrem Bekenntnis zu heroischem Deutschtum waren die Ressentiments gegenüber anderen Völkern sowie die Vorstellung vom deutschen Wesen, an dem die Welt genesen solle, eingeschmolzen.

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