Die Henkersmahlzeit

Die Henkersmahlzeit

Er hat nicht gewusst, dass es so gutes Essen gibt. Sein Lebtag ist ihm so etwas nicht begegnet. Er hat gemeint, die Henkersmahlzeit käme nur in Redensarten vor.
Meister Tilmann ist auch ein Meister des Heilens. Doch das Gefühl ist nicht zurückgekehrt in seine gequetschten Finger. Er schließt die Augen. Er hört die Hühner im Stall nebenan scharren, er hört das Schnarchen des Mannes, der sein Fürsprecher hat sein wollen und jetzt angekettet im Heu liegt. Während er kaut, versucht er, sich vorzustellen, dass er nie erfahren, wie der Prozess dieses Mannes ausgeht. Er wird dann nämlich tot sein. Er wird auch nicht erfahren, wie das Wetter übermorgen ist. Er wird dann tot sein. Oder ob es morgen Nacht wieder regnet. Aber das ist ja auch egal, wen interessiert schon der Regen.

Nur seltsam ist es doch: Jetzt sitzt du noch hier und kannst alle Zahlen herbeten, aber übermorgen wirst du entweder ein Luftwesen sein oder aber eine Seele, die in einem Menschen oder Tier wieder zur Welt kommt und sich an den Müller, der du noch bist, kaum erinnert – aber wenn man so ein Wiesel ist oder ein Huhn oder ein Spatz auf dem Zweig und nicht einmal weiß, dass man einmal ein Müller gewesen ist, der sich mit der Bahn des Mondgestirns beschäftigt hat, ja wenn man so von Ast zu Ast hüpft und nur über Körner und natürlich die Bussarde nachdenkt, denen man entkommen muss, was für eine Bedeutung hat es dann eigentlich noch, dass man einst ein Müller war, von dem man nichts mehr weiß?
Claus isst weiter. Wieder versucht er, es sich vorzustellen: Die Häuser da draußen, die Vögel am Himmel, die Wolken, der braungrüne Erdboden mit Gras und Feldern und all den Maulwurfshügeln im Frühling, denn die Maulwürfe wirst du nicht los, mit keinem Kraut und keinem Spruch, und der Regen natürlich – all das weiterhin, aber er nicht.
Nur kann er sich das nicht vorstellen. Denn immer wenn er sich eine Welt ohne Claus Ulenspiegel ausmalt, schmuggelt seine Einbildung genau jenen Claus Ulenspiegel, den sie wegschaffen sollte, wieder hinein – als Unsichtbaren, als Auge ohne Körper, als Gespenst. Wenn er sich aber wirklich ganz und gar wegdenkt, so verschwindet die Welt, die er sich ohne Claus Ulenspiegel vorstellen möchte, mit ihm. So oft er es auch versucht, es ist immer das Gleiche. Darf er daraus schließen, dass er in Sicherheit ist? Dass er gar nicht weg sein kann, weil die Welt ja schließlich nicht verschwinden darf und weil sie aber verschwinden müsste ohne ihn?

Er betrachtet die Wand des Stalls. Wenn man kurz vor Mitternacht den Namen des Allmächtigen anruft, dann erscheint eine Tür, und man kann sich davonmachen. Das Problem wären nur die Ketten, denn um die loszuwerden, bräuchte man den Absud von Zinnkraut: er müsste also mit Ketten fliehen und unterwegs Zinnkraut finden, aber Claus ist müde, und sein Körper schmerzt, und jetzt ist auch nicht die Jahreszeit für Zinnkraut.
Und es ist schwierig, anderswo neu anzufangen. Früher wäre es gegangen, aber jetzt ist er älter und hat nicht mehr die Kraft, wieder ein ehrloser fahrender Geselle zu sein, ein verachteter Taglöhner am Rand irgendeines Dorfes, ein von allen gemiedener Fremder. Man könnte nicht einmal als Heiler arbeiten, weil das auffallen würde. Nein, gehängt zu werden ist leichter. Wie sagte es noch Meister Tilmann? „Hängen ist nichts. Das geht schnell. Du steigst aufs Gerüst, kaum versiehst du dich, stehst schon vor dem Schöpfer.“
Und wenn es so sein sollte, dass man sich nach dem Tod an das, was vorher war, erinnert, so könnte einen das im Weltwissen weiter voranbringen als zehn Jahre des Suchens und Forschens. Vielleicht liegt es an dem Wein und der warmen Wohligkeit, die Claus zum ersten Mal im Leben erfasst, jedenfalls will er nicht mehr hinaus. Mag die Wand bleiben, wo sie ist.

Claus überlegt. Es ist offensichtlich, dass er etwas falsch gemacht hat in seinem dummen Kopf, sonst wäre er nicht hier. Aber er weiß nicht so recht, was es eigentlich war, was in seinem kurzen Leben, in dem es ohnehin nicht viel Ordnung gab, passiert ist. Mal ist er hier gewesen, mal dort, dann anderswo, und dann war er plötzlich im Mehlstaub, und die Frau war unzufrieden, und die Knechte hatten keinen Respekt, und jetzt ist er in Ketten, und das ist schon alles gewesen.
Claus reibt sich die Stirn. Seine Ketten klirren. An der Stirn fühlt er den Abdruck des Lederbandes. Höllisch weh getan hat es, er erinnert sich noch an jede Sekunde, die er geheult und gebettelt hat, aber Meister Tilman hat es erst gelockert, als er noch einen weiteren Hexensabbat erfunden und beschrieben hat. „Genau zwölftausend?“
„Natürlich“, sagt der Mann im Heu.

--- Nach Daniel Kehlmann, TYLL.

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