Ikonenmalerei, Rechtsprechung und Wassily Kandinskys Kunstidee, Teil II

Ikonenmalerei, Rechtsprechung und Wassily Kandinskys Kunstidee, Teil II

Die nebensächlichen Formen, die ich der Kunst stellte, fielen allmählich. Sie fallen zugunsten nur einer einzigen Forderung: der Forderung des INNEREN  Lebens im Werke. Hier bemerkte ich zu meiner Überraschung, dass diese Forderung auf der Basis gewachsen ist, die der moralischen Wertungsgrundlage entspricht. Ich bemerkte, dass diese Kunstanschauung christlich ist und dass sie in derselben Zeit die nötigen Elemente zum Empfang der „dritten“ Offenbarung, der Offenbarung des Geistes, in sich birgt.

In diesem Sinne ist auch das oben erwähnte Bauernrecht christlich und soll dem heidnischen römischen Recht entgegengestellt werden. Die innere Qualifikation kann bei kühner Logik so erklärt werden: diese Handlung ist bei diesem Menschen kein Verbrechen, wenn sie bei anderen Menschen im allgemeinen für ein Verbrechen angesehen wird. Also: in diesem Falle ist ein Verbrechen kein Verbrechen. Und weiter: absolutes Verbrechen existiert nicht. (Welcher Gegensatz zu nulla poena sine lege!) Noch weiter: nicht die Tat (Reales), sondern ihre Wurzel (Abstraktes) bildet Böses (und Gutes). Und schließlich: jede Tat ist gleichgültig vom moralischen Standpunkt aus. Sie steht auf der Kante. Der Wille versetzt ihr den Stoß – sie fällt nach rechts oder nach links. Die äußere Biegsamkeit und die innere Präzisität ist in diesem Fall bei dem russischen Volk sehr entwickelt, und ich glaube nicht zu übertreiben, wenn ich eine starke Fähigkeit zu dieser Entwicklung überhaupt bei den Russen anerkenne. Es ist also kein Wunder, wenn Völker, die sich in den oft wertvollen Prinzipien des formellen, äußerlich sehr präzisen römischen Geistes entwickelt haben (man denke an das jus strictum der früheren Periode), sich entweder mit Kopfschütteln oder mit verächtlichem Tadel dem russischen Leben gegenüberstellen. Besonders die oberflächliche Beobachtung lässt in diesem, dem fremden Auge merkwürdigen Leben nur die Weichheit und die äußere Biegsamkeit sehen, die für Haltlosigkeit angesehen wird, weil die innere Präzisität in der Tiefe liegt. Und das hat zur Folge, dass die freidenkenden Russen anderen Völkern gegenüber viel mehr Duldsamkeit zeigen, als ihnen gezeigt wird. Und dass diese Duldsamkeit in vielen Fällen sich in Begeisterung verwandelt.

Die allmähliche Befreiung des Geistes – das Glück unserer Tage – ist für mich die Ursache jenes echten Interesses und des immer häufiger anzutreffenden „Glaubens“ an Russland, von dem frei denkende Deutsche mehr und mehr ergriffen werden. Es berührte mich irgendwie merkwürdig und angenehm, unter meinen Besuchern auch Schweizer, Holländer und Engländer von genau dem gleichen Schlage zu finden. In der Kriegszeit, während meines Aufenthalts in Schweden, hatte ich das Glück, auch Schweden von der gleichen Geistesart zu treffen. So wie die Berge langsam und unaufhaltsam abgetragen werden, ebenso langsam und unaufhaltsam verschwinden die Grenzen zwischen den Völkern. Und bald wird „Menschheit“ kein leeres Wort mehr sein.

KANDINSKY - I spy with my little eye

Kandinsky : L'exposition

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