Ikonenmalerei, Rechtsprechung und Wassily Kandinskys Kunstidee, Teil I

Ikonenmalerei, Rechtsprechung und Wassily Kandinskys Kunstidee, Teil I

Nach der Emanzipation der Bauern in Russland im Jahre 1861 gab ihnen die Regierung eine wirtschaftliche Selbstverwaltung, die die Bauern für viele unerwartet politisch reif machte, und das eigene Gericht, wo bis zu gewissen Grenzen die von den Bauern unter sich gewählten Richter Streite lösen und auch kriminelle Vergehen bestrafen dürfen. Und gerade hier hat das Volk das menschliche Prinzip gefunden, um geringere Schuld schwer zu bestrafen und schwerere gering oder gar nicht. Der Bauernausdruck dafür ist: „ Je nach dem Menschen.“ Es wurde kein steifes Gesetz gebildet (wie z.B. im römischen Recht – besonders JUS STRICTUM!), sondern eine äußerst biegsame und freiheitliche Form, die nicht durch das Äußere, JEDOCH ausschließlich durch das INNERE bestimmt wird.
Gilt es, dem Schuldigen eine Strafe aufzuerlegen, so zieht das Bezirksgericht sehr oft in Betracht, ob der Schuldige zum erstenmal straffällig geworden ist oder ob er schon öfter mit dem Gesetz in Konflikt geraten ist, WAS ER ÜBERHAUPT FÜR EIN MENSCH IST, und ob er ein Geständnis abgelegt oder geleugnet hat.
Ich wurde von verschiedenen Wissenschaften angezogen: das römische Recht. das mich durch die feine, bewusste, hochraffinierte Konstruktion bezauberte, das mich, den Slawen, aber schließlich als eine viel zu kalte, viel zu vernünftige, unbiegsame Logik nicht befriedigen konnte, die Geschichte des russischen Rechtes und das Bauernrecht, das als Gegensatz zum römischen Recht mich als Befreiung und glückliche, fast ideale Lösung des fundamentalen Gesetzes in große Bewunderung versetzte und meine tiefe Liebe gewann.
Es macht mir eine unendliche Freude, wenn ich daran denke, dass ich das Prinzip der Kunst auf der inneren Notwendigkeit basierte: nachdem mein „Geistiges“ schon als Buch
[„Über das Geistige in der Kunst“] erschien, erinnerte ich mich an dieses juristische Prinzip und bemerkte, dass meine ganze Kunstidee aus dem Boden der Volksseele herausgewachsen war. [Beachte!: „Ich hatte aber den Eindruck, hier käme die Malerei selbst an den Vordergrund, und ich fragte mich, ob man nicht noch viel weiter auf diesem Wege gehen könne. Seitdem sah ich die russische Ikonenmalerei mit anderen Augen, das heißt, ich „bekam Augen“ für das Abstrakte in der Malerei.“ – Nina Kandinsky in dem Vorwort zu der Ausstellung „George Braque – Wassily Kandinsky – Pablo Picasso“. Das Geistig-Abstrakte der Ikonenmalerei, vermittelt durch die Seele des russischen Volkes, wird hier als die eigentliche Wurzel von Kandinskys Kunstidee konstatiert!]
In herzlicher Dankbarkeit erinnere ich mich der wahrhaft freundlichen und warmherzigen Hilfe durch Prof. A.N. Filippov, durch den ich zum ersten Mal von dem humanen Prinzip des „Je nach dem Menschen“ hörte, das vom russischen Volk bei der Verurteilung krimineller Vergehen zu Grunde gelegt und von den Bezirksrichtern angewandt wird. Dieses Prinzip stützt sich beim Urteil weniger auf die ÄUßERE Tatsache des Vergehens, als auf seine INNERE Quelle – die Seele des Täters. Welche Nähe zur Grundlage der Kunst!
--- Aus: „Rückblicke“, 1913, von Wassily Kandinsky. (Von mir erstellt.)

Wassily Kandinsky cover by Mozart Piano concerto No.23 A major 1st. movement

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