Die Erkenntnis des Apriori, das die Existenz und Form eines Menschentums und Menschen bestimmt

Die Erkenntnis des Apriori, das die Existenz und Form eines Menschentums und Menschen bestimmt

Die christliche Erlösung war eine unerhörte, umstürzlerische Idee, denn das archaische Menschentum war in die unschuldige Form der mythologischen, natureingebundenen Seinsweise gebettet. Ein radikaler Schnitt musste geschehen, ehe die „Erfindung“ der Erlösungsbedürftigkeit des Menschen überhaupt gemacht werden konnte, der die wesenhafte Verankerung des archaisch-mythologischen Menschentums kappte. Von diesem Gewaltakt berichtet die Geschichte vom Goldenen Kalb, der Gründungstat des Abendlandes. Dies stieß dem archaischen Menschen zu. Jene Idee ist nichts Menschliches, sondern ein göttliches Geschick, sie ist das Schicksal Gottes selbst. Wenn es um grundlegende Weichenstellungen in der Geschichte oder auch in unserem persönlichen Leben geht, müssen wir uns nach den Göttern und ihrem Geschick umsehen. Darin ARTIKULIERT SICH jener Hintergrund unseres Seins, in dem die großen geschichtsmächtigen Entscheidungen fallen, welche ihrerseits den Rahmen abgeben, innerhalb von dem sich dann das Leben und Tun eines jeden geschichtlichen Menschentums abspielt, das seinerseits wiederum der Rahmen für die Existenz des Einzelnen ist.
Hiermit werden keine wie von Metaphysikern an sich seiende Götter oder wie von Theologen irgendwelche Glauben an sie propagiert, vielmehr wird sich lediglich an die Phänomenologie der tatsächlich vorkommenden Götterbilder gehalten.

Diese sind der Punkt, in dem etwas von dem verborgenen psychischen Apriori der je geschichtlich-geistigen Existenz des Menschen für uns bewusst und anschaulich wird und GESTALT annimmt. Nehmen wir davon genaue Notiz, werden wir von ihm nicht einfach nur „von hinten“ stumpf „bedingt“, sondern uns als bewusste Menschen auch „von Angesicht zu Angesicht“ auf es beziehen, d.h. eine geistige Verbindung zu ihm herstellen und pflegen können.
Eine solche ausdrücklich gepflegte Beziehung zu den verborgenen Dominanten unserer geistig-seelischen Existenz ermöglicht eigentliche Kultur, Seelenkultur (THERAPEÍA, religio, wobei religio zu verstehen ist als sorgfältiges, explizit bewusstes Beachten
[relegere] der archetypischen Dominanten, die unsere Existenz binden [religare]). Auf diese Weise wird es möglich für den Menschen, die Götter in die Hut zu nehmen und ihnen in unserer Welt und in unserem Leben ein wirkliches Dasein zu ermöglichen. – Nach Wolfgang Giegerich

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