Geschichte

Luther – Teil 1
Aus Luther brach die verzweifelte Stimme der einsamen Seele hervor, die sich an die Sünde verloren weiß und nach der Erlösung vom Leid und der Gnade Gottes zittert. Er bildete in seiner ausweglos scheinenden Verzweiflung eine lebendige Verkörperung der verlassenen Seele selbst. Durch ihn wurde noch einmal die „Freiheit eines Christenmenschen“ sichtbar und der elementar einleuchtende Widersinn, dass auf diesem grenzenlosen Feld der Freiheit nichts anderes herrscht als Gottes Wille und Entscheidung, der Ratschluss des Allmächtigen, dem sich der Gläubige beugen muss, gleichgültig, ob er ihn als Weisheit ansieht oder als Willkür. Der freie Wille steht nicht dem Menschen zu, sondern Gott allein. Das war für Luther die Essenz des christlichen Erdendaseins. Aus dieser augustinisch geprägten Frömmigkeit heraus bekämpfte er zeitlebens jede Dominanz der Vernunft. In den „Tischreden“ versicherte er: „Die Vernunft ist der Eitelkeit unterworfen, wie alle anderen Kreaturen Gottes, nämlich dem Narrenwerk; aber der Glaube sondert ab die Eitelkeit vom Wesen.“ Luther stattete den Glauben also mit einer Differenzierungskraft aus, die selbst der Vernunft überlegen ist – und er zielte dabei durchaus auf die neuzeitliche Vernunft ab, jene des Erasmus, der anhebenden Moderne. Dagegen stand nun seine elementare Frömmigkeit; sie war urchristlicher Abkunft, oder vermeinte es zu sein. Es war Luthers bedingungsloses Vertauen zu Gott: Glaube ist Wagnis. Der ganze Glaubenssinn wäre dahin, wenn es für den Glauben eine objektive Garantie gäbe, womöglich nachweisbar mit Vernunftsschlüssen. Das Abweisen der Vernunft, das Hervorheben des Wagnisses lassen erkennen, inwiefern Luthers Glaubenslehre eine Theologie der Gnade ist. Sämtliche Bestimmungsstücke des lutherischen Aufrisses sind bezogen auf den einzelnen Menschen: Die Sündenerfahrung ist persönlich, der Glaube ist zutiefst persönlich und ebenso die dem Einzelnen gewährte Gnade; dazu gehört auch ein ganz persönlicher Gott, der da richtet und im Gericht dem Einzelnen – vielleicht – gnädig ist.

Luther Teil 2
In dem zermürbenden Kampf mit den eigenen Zweifeln und Anfechtungen entdeckte Luther das persönliche Gewissen als etwas Absolutes. Hier lag die ganze Brisanz seiner Predigten und Schriften. Er verwarf mit Vehemenz die Lehrautorität der Kirche und setzte an ihrer Stelle die persönliche Einsicht, die Fassungskraft des Einzelnen: Jeder von uns, sagt Luther, kann Gottes Wort verstehen, die Hilfe eigens bevollmächtigten und ausgebildeten Priester innerhalb einer Institution ist dazu nicht nötig.
Luthers direkter Protest begann mit einer heftigen Predigt und den „Fünfundneunzig Thesen“ über „Buße und Ablaß“ vom 31. Oktober 1517, Auftakt des größten und folgenschwersten Angriffs gegen die römische Kirche, den die Weltgeschichte kennt. Durch diesen Protest zerschlug der Reformator das kirchliche Recht auf Binde- und Lösegewalt und stellte die gesamte katholische Interpretation des christlichen Parallelogramms von Mensch und Welt, Kirche und Gott in Frage.
Damit waren die Würfel gefallen, denn inzwischen war in Rom Anzeige erstattet worden. Der Prozess gegen Luther lief an. Die Kirche verdammte 1520 einundvierzig Lehrsätze Luthers, und der Papst drohte ihm in der Bulle „Exsurge Domine“ den Bann an, falls er sich nicht binnen sechzig Tagen zum Widerruf entschließe. Luthers Antwort bestand in der Verbrennung eines Plakatdruckes der päpstlichen Bulle und einer Reihe kanonischer Schriften. Damit war der Bruch perfekt. Am 3. Januar 1521 wurde über Luther der Kirchenbann verhängt: durch die Bulle „Decet Romanum Pontificem“. Damit wurde eine Entscheidung über Luthers Leben und Tod gefällt, denn dem Kirchenbann musste zwangsläufig die kaiserliche Achterklärung folgen. Noch war es nicht so weit. Kaiser Karl V. zitierte den Reformator 1521 vor den Reichstag nach Worms. Luther bekam noch einmal Gelegenheit für einen Widerruf, durch den er sich vor der Reichsacht hätte retten können. Er reiste nach Worms und legte sein großes Bekenntnis ab: „Widerrufen kann und will ich nichts, da gegen das Gewissen zu handeln weder ungefährlich noch ehrenhaft ist. Gott helf mir. Amen.“ Darauf rief ihm der erregte kirchliche Offizials zu: „Lass dein Gewissen fahren, Martin!“ Doch Luthers Wort ist kaum gesprochen, da fliegt es hinaus ins Land, unübertrefflich abgewandelt in die schlagende Kurformel für die Unerschütterlichkeit des Reformators: „ Hier stehe ich! Ich kann nicht anders, Gott helfe mir. Amen.“ Sobald sie verhängt war, musste Luther als rechtlos gelten; jeder im Reich würde die Pflicht haben, ihn zu verfolgen, zu verhaften und auszuliefern oder ihn zu täten, denn wer ihm Unterkunft und Speisung gewährte, musste selbst der Acht verfallen. Am 26. Mai unterschrieb Karl V. das Wormser Edikt, mit dem über Luther die Reichsacht verhängt wurde.

Luther: Teil 3
Seit dem päpstlichen Bann stand Luther mit dem Rücken zur Wand, denn er wusste, es ging ihm an den Kragen. Er hatte keine andere Wahl als aufzugeben oder sich mit denjenigen Kräften zu verbünden und sich ihrer zu bedienen, die alle seine Appelle, Streitschriften, Aktionen unterstützt oder sie mit Beifall begrüßt hatten. Darauf musste Luther setzen.
In jenen Jahren bemühte sich Papst Leo X. schon seit längerem darum, die christlichen Staaten Europas für einen Kreuzzug gegen die Türken zu gewinnen. Die Reichsstände beantworteten sein Ansinnen mit der „Gravamina der deutschen Nation“ von 1517, einer lückenlosen Zusammenstellung und Aufgliederung all ihrer Beschwerden. Sie bildete den Gipfel der deutschen Kritik an der römischen Kurie seit dem Konstanzer Reformkonzil von 1415. Luther, der zur gleichen Zeit erstmals direkt von der römischen Kurie vernommen wurde, hatten die erbitterten Beschwerden der Reichstände hellhörig gemacht. Zwar waren seine und deren Anliegen recht verschieden, doch in der Praxis deckte sich die antirömische Richtung und musste Luthers eigene Stellung beträchtlich festigen. Luther verwandelte die „Gravamina der deutschen Nation“ für seine Sache und verbreitete das Ergebnis 1520 als großes Sendschreiben „An den Christlichen Adel deutscher Nation von des christlichen Standes Besserung“. Dieser Traktat war radikaler auf die politische Lage ausgerichtet als jede andere Schrift Luthers. Der Reformator ließ sich mit größtem Elan von der Woge des antirömischen Affekts und des deutschen Nationalgefühls fortreißen. Auf diese Weise wurden Luthers Ideen aus der privaten, persönlichen Verankerung gelöst. Darin profilierte und verschärfte er das Grundsätzliche so weit, dass die Beziehung zu Rom unversöhnlich wurde. Jetzt ging es Luther um Zeugnisse dafür, dass sein langer Kampf um das persönliche Seelenheil dieselbe Grundlage hatte wie der leidenschaftliche religiöse Protest von vielen Tausenden, der mit dem allgemeinen Protest im Reich gegen die römische Kirche zusammenfiel.
Zwar war Luther in dem überraschenden Zusammenfluss so vieler und so unterschiedlicher Bestrebungen und Erwartungen nur für den einen Vektor verantwortlich, doch verantwortlich war er auch dafür, dass sich das Gesamtgeschehen zu einer nationalen Revolte fortentwickelte, deren Gewalt bald alles über den Haufen warf, was noch kurz zuvor für eine irdische Ewigkeit gebaut zu sein schien. Die Glaubensqual eines Einsamen und Einzelnen war zu einer Sache der Nation geworden.

Luther: Teil 4
Im 16. Jahrhundert brach die römische Kirchenordnung im Reich, inmitten Europas, zusammen. Doch ein politisches Äquivalent dazu hatte sich nicht entwickelt. Karl V. hatte 1530 mit dem Reichstag in Augsburg versucht, die zunehmend hitziger umstrittene „Sache des Glaubens“ beizulegen, um im Reich den Frieden herzustellen. Trotz großer Bemühungen des Kaisers kam es wegen der Unnachgiebigkeit der Protestanten, von Luther vorbehaltlos unterstützt, zum Bruch. Luthers Reformation war zum Thema eines gewaltsamen militärischen Aufstands gegen den Kaiser geworden. Die protestantischen Fürsten verließen den Reichstag. Die Antwort des Kaisers darauf war die Erneuerung des Wormser Edikts ohne Milderung. Die Protestanten wurden zum wiederholten Mal ausdrücklich zu Landesfriedensbrechern und Reichsrebellen erklärt, die sich jedoch im Schmalkaldischen Bund zusammenfanden. Danach verpflichteten sie sich im Falle eines Angriffs katholischer Fürsten zur gegenseitigen Kriegshilfe. Der Kaiser war aber wegen der akuten Gefahr durch die Osmanen auf die Unterstützung der protestantischen Fürsten angewiesen, die er mit Zugeständnissen buchstäblich erkaufte, die die Annullierung des Reichstagsergebnisses bedeuteten. Die Reformation konnte sich ungehindert weiter ausbreiten. Das Luthertum wurde zu einer Angelegenheit des deutschen Landesfürstentums, zu einer Variante des Partikularismus innerhalb des Reiches. Die Territorialfürsten, motiviert von Macht und Besitz, wurden nunmehr zu Oberherren der evangelischen Kirche. Der staatskirchenrechtliche Grundsatz des Cuius regio eius religio wurde jetzt legitimiert. Zur konfessionellen Situation der Glaubensbewegung Luthers gehört als charakteristische Besonderheit das Protestieren als ununterbrochene Separierung. Kaum etwas lässt sich schwieriger erfassen als die Gruppen, Sonderformen, Flügel und Flügelchen, die dem Schoß des Protestantismus entstammen. Die politische Kehrseite der frisch geprägten konfessionellen Vorderseite war also die ungeheure Kräftigung der deutschen-protestantischen Territorialmächte, die auf Kosten der kaiserlichen Autorität genauso gesteigert wurde, wie auf Kosten der Einheitlichkeit Deutschlands. Durch die Reformation Luthers wurde das Deutsche Reich, den internen Fürstenseparatismus noch überbietend, in zwei Teile getrennt. Seit Luther datiert die Doppelgleisigkeit deutscher Geschichte in Form von zweierlei Glaube, Territorien, Geistigkeit, Kultur, ja selbst zweierlei Himmel.

Luther: Teil 5b
Luther hatte einen Tag nach der Verbrennung eines Plakatdruckes der päpstlichen Bulle und einer Reihe kanonischer Schriften am 10. Dezember 1520 in Wittenberg expressis verbis verkündet: Wer die päpstlichen Dogmen nicht zurückweise und verurteile, könne nicht die ewige Seligkeit erlangen. Das irdische Dasein wurde also als relativ belangloses Durchgangsstadium auf dem Weg des Menschen zu Gott verstanden. Was bis dahin stets zusammengehalten worden war, spaltete Luther nunmehr auseinander. Hier der geistliche, ganz auf den privatisierten Menschen gezogene Bereich, dort der weltliche Bezirk, die politische Obrigkeit und Macht.
Diese Trennung verhinderte Luthers Parteinahme für die Bauernrevolution, sie ermöglichte ihm, stets nur von der geistlichen, geistigen, individuellen Seelenfreiheit des Menschen zu sprechen, nicht jedoch von der praktischen, politischen Freiheit. Trotzdem entkam er nicht irdischen Verwicklungen und Widersprüchen. Er war auf denjenigen Teil der politischen Mächte angewiesen, die in seiner Reform das Politikum erkannten.
Die Glaubenssache des Wittenbergers hatte sich in beängstigender Schnelligkeit selbständig gemacht, selbständiger, als es Luther gewollt hatte. Die Kämpfe um seine Seele hatten sich zu irdischen Kämpfen ausgewachsen. Bei allen Flugschriften, die er jetzt in das Reich hinauswarf, handelte es sich um Fackeln des Aufruhrs, um schrille Mahnungen, nicht von den religiös-politischen Eigenrechten zu lassen, sie auf Biegen und Brechen festzuhalten und den Kampf um sie bis zum Sieg durchzustehen. Der wahre christliche Glaube, so lautete die Quintessenz, kann nur in einem Reich verwirklicht werden, das nicht unter der Botmäßigkeit Roms steht, das sich vom Papst befreit hat. Folglich musste der neue Glaube in erster Linie ein christlich-deutscher Glaube sein. Das verkappte, schließlich aber überdeutliche „Gegen Rom“ verwandelte sich im öffentlichen Feld jählings ins anspruchsvoll politische „Los von Rom!“

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