Eulenspiegel und sein Testament

Eulenspiegel und sein Testament

93. Trotz Mittellosigkeit schafft es Till, nach den Auflagen seines Testaments bestattet zu werden.
Als Eulenspiegel zusehends kränker wurde, setzte er sein Testament auf und vermachte sein Gut in drei Teile: einen Teil seinen Freunden, einen Teil dem Rat der Stadt Mölln und einen Teil dem dortigen Pfarrer, jedoch mit der Auflage, wenn die Zeit kommt, dass Gott der Herr über ihn gebietet und er stirbt, solle man seinen Leichnam in geweihter Erde begraben und für seine Seele Totengebete sprechen und Seelenmessen halten nach christlicher Ordnung und Gepflogenheit. Und nach vier Wochen sollten sie einhellig die schöne Truhe, die er ihnen zeigte, und die mit gediegenen Schlossen verwahrt war, aufschließen, und das, was darin sei, miteinander teilen und sich darüber gütlich vertragen. Das nahmen die drei Parteien einmütig an, und Eulenspiegel starb.
Als nun alle Dinge nach dem Wortlaut des Testaments vollbracht und die vier Wochen abgelaufen waren, kamen der Rat, der Pfarrer und Eulenspiegels Freunde und öffneten die Truhe, um den hinterlassenen Schatz zu teilen. Doch man fand darin nichts anderes als Steine, als sie geöffnet war. Sie sahen einander an und erzürnten. Der Pfarrer meinte, da der Rat die Truhe in Verwahrung genommen hatte, habe dieser den Schatz heimlich herausgeholt und die Truhe wieder zugeschlossen. Der Rat dachte, die Freunde hätten den Schatz während seiner Krankheit herausgenommen und die Truhe mit Steinen angefüllt. Und die Freunde wiederum glaubten, die Pfarrer hätten den Schatz heimlich davongetragen, als Eulenspiegel beichtete und alle hinausgegangen waren. Deshalb schieden sie in Unfrieden voneinander.
Später wollten der Pfarrer und der Rat den bestatteten Eulenspiegel ausgraben lassen. Doch als man zu graben begann, war er längst im Stadium der Verwesung, sodass niemand bei ihm bleiben wollte. Da schaufelte man das Grab wieder zu und beließ Eulenspiegel darin. Und zum Gedächtnis an ihn wurde ein Stein, den man noch heute sieht, auf sein Grab gesetzt.

Anmerkung: Im Allgemeinen werden Steine weggeworfen. Doch die zu Großem bestimmten Geburten empfangen ihre Unterweisung ohne Dazwischentreten eines menschlichen Lehrers vom Stein, dem Stein der Weisen. Dieser verlangt seinerseits allerdings verständige Hingabe, geduldige Ausübung und beständiges Hinhorchen. Er hat die Kraft, uns im eigentlichen Sinne selber werden zu lassen. Durch das Gebein als einem Bestandteil unseres lebendigen Körpers haben wir bewussten Anteil an seinem Wesen.

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