Erzeugung von Gut und Böse und deren Scharfmachung im Abendland.

Erzeugung von Gut und Böse und deren Scharfmachung im Abendland.

Jung erkannte, dass der absolute Gegensatz zwischen Gut und Böse als Prinzip nicht mit der Natur gegeben ist. Gut und Böse sind sekundäre Erzeugnisse einer artifiziell gesetzten Distinktion, das heißt, einer Spaltung. Das Böse musste „erfunden“ und durch eine Dissoziation hergestellt werden. Obwohl die Aufspaltung Gottes, in „reinen“ Gott in der unsichtbaren Höhe und sichtbares Idol, sichtbarer Götze, die Spaltung Gut-Böse vorbereitet, ist sie nicht mit ihr identisch. Wenn Gott sich von seinem Bild als Stier abspaltet, dann wird hier Wirklichkeit und Wahrheit, die zwei Aspekte des Seins, geschieden. So können wir auch sagen, in der Ersten Spaltung des Seins trennen sich die Wahrheit und die Wirklichkeit Gottes.
  In der Geschichte vom Goldenen Kalb entsteht ein Gott, der „DER wahre Gott“ zu sein beansprucht. Hier wird die „Wahrheit“ in diesem zugespitzten Sinn „erstmals“ gesetzt. Nur von dieser von Gott BEANSRUCHTEN Wahrheit ist hier die Rede. Wir sehen ja gerade, dass das Ansich, das Absolute, erst aus diesem Mythos hervorgeht, von ihm gestiftet wird.
  Alle Wahrheit Gottes, d.h. die Göttlichkeit Gottes wird aus den Götterbildern herausgezogen und als purifizierte GOTTESESSENZ für sich gesetzt und absolut genommen. Gott wird so zu einem Idealbild Gottes, dem aber die überzeugende Wirklichkeit fehlt. Umgekehrt entsteht eine Wirklichkeit Gottes, der die Wahrheit Gottes vorenthalten, die Anerkennung als göttlich verweigert wird.
  Die Ungeheuerlichkeit dieses Ereignisses besteht darin, dass ursprünglich Wirklichkeit und Wahrheit selbstverständlich zusammengehörten. Das Wirkliche war auch das Wahre und das Wahre nur so wahr, wie es wirklich war. Die Situation, in welcher Wahrheit und Wirklichkeit zwar nicht das gleiche, wohl aber das Selbe sind, hat den Charakter des Scheins; es ist die Situation der mythischen und rituellen Wirklichkeit. Nichts anderes ist der Sinn von Wahrheit, als dass das, was Wahrheit hat, das und Verpflichtende, ja Zwingende und das rückhaltlos Anerkannte ist. Wir haben keine Wahl. In geistig-religiösen Dingen aber steht die Wahrheit heute auf einem ganz anderen Blatt als die Wirklichkeit.
  Mit der Unterscheidung von wahren und falschen Göttern geschieht eine fundamentale Verwirrung. Die Seinswahrheit der von sich aus in uns hereinsprechenden Namen und der hereinblickenden Blitze, wird mit der Wahrheit von UNSEREN  Aussagen vermischt. Das wirkliche Sein einerseits und unsere Anerkennung dieser Wirklichkeit als gültig und verbindlich andererseits werden getrennt. Das selbst-verständliche Zugewendetsein zu der eigenen Tiefenerfahrung wird beendet. Die von dem hereinblickenden Schein abgespaltene Anerkennung verselbständigt sich, so dass sie jetzt frei verfügbar einer Wirklichkeit zugebilligt oder vorenthalten werden kann. WIR müssen entscheiden, ob wir etwas als wahre Manifestation Gottes anerkennen wollen oder nicht, während einst umgekehrt im Angesprungenwerden von dem blitzenden Schein des Phänomens die Anerkennung seiner Macht und Wahrheit eine ursprüngliche Qualität und Eigen-schaft des Phänomens selber war. Nicht wir mussten ihm Wahrheit zusprechen, sondern die Anerkennung seiner Wahrheit kam im Vorschein des Phänomens von sich aus über uns. Götter sind ja die Hereinblickenden, der Vorschein der Tiefe aus den wirklichen Phänomenen selbst. Wenn wirklich etwas vorscheint, dann ist es als dieser Schein „wahr“, „ wahrer Gott“. Falsch können nur unsere Aussagen und Meinungen sein. Mit dem Etikett „falscher Gott“ wird aber wirklich Seienendes in der ERFAHRENEN Numinosität eines Phänomens entwertet. Hier geht es um die Unterscheidung zwischen Urteilswahrheit und der psychologischen Wahrheit, um die Möglichkeit einer wirklichen Psychologie! Denn nur wenn diese Unterscheidung getroffen ist, kann die seelische Wirklichkeit als eine eigenständige Wirklichkeit überhaupt erst ins Auge gefasst werden.
  Die Anwendung der Prädikate wahr und falsch auf Götter bedeutet so im Grunde die Zerstörung des Seelischseins der Welt, der Berührbarkeit durch die Namen und Blicke des Seins. Die Spaltprodukte wahr und falsch sind zum Machtmittel geworden, mit dem gewisse Aspekte der Wirklichkeit will-kürlich verdammt und andere abgesegnet werden können, mit dem sich also die Welt in einer ganz bestimmten Richtung manipulieren ließ, nämlich in jene Richtung, die man heute gern reichlich selbstgefällig „Fortschritt“ nennt. (Will-kürlich heißt hier nicht beliebig, sondern nach dem dem Willen innewohnenden Gesetz. Der Wille ist nicht seinerseits etwas Willkürliches. Er kann vielmehr nur wirklich und allumfassend die Herrschaft über die Weltordnung antreten, wenn das, was er will, das „moralische Gesetz“ ist. Die Unterscheidung „wahr“ und „falsch“ in bezug auf Seiendes (Götter)  bedeutet also die wesenhafte Moralisierung des Wahrheitsbegriffes.) Darin zeigt sich abermals, dass die Spaltung sich das Sein im ganzen unterworfen hat. Es ist die Erfindung der Idee, dass es falsches Seiendes gebe und dass DAS Wahre nicht das wirklich Seiende selbst sei, diese nicht sein dürfe. Mittels dieses Machtmittels ließ sich die Welt nunmehr HIERARCHISCH in das Obere und das Untere aufspalten und das Untere als das Falsche verdammen, d.h. ihm das eigentliche Wahrsein absprechen, während gleichzeitig das Obere als das Ideal oder das Wahre verselbständigt wurde, als ob es separat von der Welt ein unabhängiges Sein hätte. Es wird in die Buchstäblichkeit übersetzt.
  Was am Berg Sinai geschehen ist, das ist letzten Endes die Unterwerfung des Seins unter die Moral und damit unter das Ich, welches in der Gestalt des absoluten Gottes die Herrschaft antritt. Das besagt, dass Gott nicht mehr von IHM her verstanden wird, sondern jetzt von UNSEREN Aussagen und Meinungen her gesehen wird. Der Standpunkt, von dem aus Gott betrachtet wird, ist der des Ichs. So bestätigt sich, dass der absolute und wahre Gott WESENHAFT nur noch ein Gott von des „Menschen“ Gnaden ist.
Beim jüdisch-christlichen Weg der Befreiung von dem Schrecken, von der Numinosität, geht es um die Spaltung unseres Selber-Redens und Prädizierens, unseres Bös- und Gutredens, Preisung und Verdammung, also um eine Aufteilung der Wirklichkeit entsprechend unserem Werten. Die Prädikate, die hier den Erfahrungen zugesprochen werden, sind nur die zwei ganz inhaltsleer-wertenden Prädikate wahr und falsch. Diese zielen direkt und einzig auf den Kern der Numinosität. Hier geht es um die ABSOLUTE Befreiung von der göttlichen Kraft, mit der die Phänomene den Menschen anzuspringen pflegten – durch die Aneignung des ANSPRUCHSCHARAKTERS selber, mit dem die Namen und Blicke einst den Menschen angefallen hatten, durch den Menschen. Der Schrecken, die Numinosität wird ALS Numinosität gespalten, und zwar so, dass das Wahre unwirklich und das Wirkliche unwahr wird. Die Numinosität wird durch die Auseinanderreißung ihres Plus- und Minus-Pols (Gut und Böse) gegen sich selbst aufgehetzt. Durch die Fernung der auseinandergerissenen Pole wird die Numinosität auf einen äußersten Spannungszustand hochgeschraubt. Indem die Numinosität gegen sich selbst ausgespielt wird, wird der Mensch total frei, erlöst und kann jetzt völlig ungebunden der Natur gegenübertreten.
  Diese Freiheit erhält er aber nur dadurch, dass er sich im absoluten Gehorsam dem „wahren Gott“ als dem einzigen Prinzip unterstellt. Nur durch die totale Unterwerfung wurde er ganz, d.h. auch in praktischer Hinsicht, frei von allem Gebundensein durch das phänomenale Sosein der Welt und erhielt so selber die Macht zur Manipulation der Wirklichkeit. Es ist dies die Befreiung sowohl VON der EINNEHMENDEN WIRKUNG der Wirklichkeit, als auch die Befreiung des Erkennens selbst ZUR Tat. Sinnenhafte Phänomene DÜRFEN nicht Gott sein; Gott MUSS mehr sein als ein phänomenaler Vorschein. Damit, dass so die Welt in ihrer Wirklichkeit (ihrem Sosein)  nicht mehr schlechterdings verbindlich ist, ist erstmals eine wirklicher Ausstieg aus der phänomenalen, natürlichen Wirklichkeit vollzogen und wird der Welt quasi von oben und außen ein neues Ziel vorgeschrieben, das Ziel anders und besser zu sein, letztlich absolut zu werden. Nur das Christentum ermächtige den Menschen zum realen Zugriff auf die Welt.
  Bei den Prädikaten wahr und falsch geht es allerdings nie buchstäblich um „unser“ Segnen und Verdammen, im Sinn unseres persönlichen Wollens. Wie die Idee des Weltgerichts und der ewigen Verdammnis zeigt, handelt es sich um ein autonomes, losgelöstes Segnen oder Verdammen, für das der Mensch gebraucht wird, nämlich für die Verwerfung. Das Wollen ist nur, wenn und insofern es sich bedingungslos dem Zweck DES „Wahren“, oder dem „moralischen Gesetz“ (Kant) unterwirft.
  Das Erkennen selbst gestaltet das zu Erkennende zunächst mit eigenen affektiven Wertungen, später auch mit zupackenden Hypothesen und mit wissenschaftlicher Methodologie aktiv mit, erkennt dann nur das Präparat. Die Erkenntnis wird ermächtigt und befreit zum will-kürlichen Eingriff: zur Folterung der Natur im Experiment aufgrund der aufgestellten Hypothesen. Die Erkenntnis nimmt nun die Gestalt einer neuen Erde, einer künstlich gemachten Erde an. Das ursprüngliche Verhältnis zwischen Mensch und Natur ist damit auch buchstäblich und materiell aufgehoben, dafür aber ist das neue Verhältnis enorm verschärft. – Nach Wolfgang Giegerich, Ph.D.
[Fortsetzung folgt.]

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