Entstehung eines neuen Stils von Bewusstsein: Das Ichbewusstsein

Entstehung eines neuen Stils von Bewusstsein: Das Ichbewusstsein

Aus dem wirklichen, sichtbaren Goldenen Stier, in der Geschichte vom Goldenen Kalb zum Beispiel, hatte den archaischen Menschen einst ein Seinsblick angeblitzt, und dieses Angeblicktwerden aus dem konkreten Standbild heraus war das gewesen, was man eine Gotteserfahrung nennt. Die durch das Sich-Spalten-Gottes erzeugte Unterscheidung zwischen Gott und Götze machte dem ein Ende. Zwar bewirkten die Spaltteile eine Entfesselung des Seins, doch das, was das solchermaßen Losgeschnittene aus seiner Gebundenheit und potentiell in seine Absolutheit Strebende aktuell auf diese Bahn treibt, ist die Idee des Bösen. Kraft ihrer werden die zuvor arglosen Blicke des Seins scharfgemacht, die Götzen zu dem einen Satan potenziert.
Die Unterscheidung zwischen Gut und Böse brachte nicht ein höheres, differenzierteres Bewusstsein. Sie brachte vielmehr ganz eindeutig eine Reduktion der zuvor schon längst gegebenen Differenzierungen auf einen einzigen grobschlächtigen Gegensatz. Gott und Teufel sind nur Personifizierungen abstrakter Begriffe, obwohl beide eine viel reichere Vergangenheit hatten, Gott als alttestamentlicher Jahwe und Nachfahre altvorderasiatischer Stiergötter, der Teufel einerseits als der das Bewusstsein anregender, steigernder Ankläger in der himmlischen Ratsversammlung und gefallener Engel, andererseits als diejenige Gestalt – die einzige Gestalt -, in der so mancher heidnische Gott – die Götzen – in der christlichen Welt überleben konnte.
Hinsichtlich der Entwicklung des Bewusstseins bedeutet die Erfindung des Prinzips des Guten und Bösen also eine Verarmung der Differenziertheit, die Reduktion auf ein absolutes Minimum. Der Gewinn lag in einer ungeheuren Radikalisierung der Intensität, eine extremistische Zuspitzung. Das Sein wurde polarisiert und so gewissermaßen elektrifiziert, in ein äußerste Gegensatzspannung von Plus- und Minuspol versetzt. Mit der Erfindung des Bösen wurde also kein „höheres“ Bewusstsein, sondern ein gespannteres erzielt: die Erfindung eines Kraftwerks, womit das ganze Sein zur Umwandlung der Welt eingespannt wurde. Das Böse ist die Entdeckung wie der Spieß umgedreht werden kann. Darüber hinaus brachte die Erfindung des Bösen eine Einspannung der so losgelösten Seinsteile zur faktischen Entfaltung einer vorher nie dagewesenen Kraft (Willen).
Hatte sich mit der Spaltung des Seins, der Ersten Kernspaltung die Entrüstung zum Prinzip erhoben, so schwingt sich mit der Idee des Bösen der Hass zum Bestandteil des Seins auf. Das ist jetzt die Wurzel der Grundstellung zum Sein. Ursprünglich war Hass eine Reaktion auf innerweltliche Widrigkeiten. Jetzt, nachdem der Spieß umgedreht ist, tritt der Hass als Prinzip der Welt an die Stelle jenes kosmogonen Eros, der ursprünglich das die Gegensätze des Seins Zusammenhaltende war. Jetzt aber herrscht die Feindschaft über das Sein im ganzen; sie ist die leitende Perspektive, unter der Wirklichkeit erfahren wird: der Satan ist der Widersacher schlechthin, der Feind und als Feind der „Fürst der Welt“. Mit Feindschaft ist nicht bloß die absolute Unverträglichkeit gemeint, sondern mehr noch, der intensive Wille zur Schädigung und Vernichtung des jeweils anderen Pols. Der Hass wird darüber hinaus zur Lebensform des einzelnen, der als Hass auf sämtliche natürliche Bindungen das unerlässliche Fundament der Nächstenliebe ist.
Seit der Erfindung der Idee des Bösen und des Teufels ist der böse Wille möglich geworden, weil jetzt über das Bewusstsein, die archetypische Idee der Bosheit herrschen kann. Denn die Idee des Bösen ist ein Eingriff, eine einschneidende Tat, die etwas erreichen und verändern soll. Sie ist Waffe gegen den Schrecken des Seins, d.h. dagegen, dass wir angeblickt werden von den aus den wirklichen Phänomenen in uns Hereinblickenden, den Göttern, zwecks Erzeugung eines hochgespannten, terroristisch-extremistischen Zustands der Welt.
Ursprünglich leuchtete gerade auch aus einer Untat oder einem Trick der schreck-liche Blick eines Hereinblickenden, also ein der Existenz Bedeutung und Tiefe gebender „Sinn“ hervor. Jetzt aber wird alles Sinnhafte daraus extrahiert, so dass auf der anderen Seite ganz abstrakt das absolut Verfinsterte und so Hassenswerte übrigbleibt.
Die Setzung des Gegensatzes von Gut und Böse förderte nur eine einzige Form von Bewusstsein, nämlich das Ichbewusstsein, dessen Wesen im Willen und in der Machtergreifung liegt. Das so entstehende Ichbewusstsein erfährt mit seiner zynischen Abgeklärtheit und Durchtriebenheit eine ungeheure Zuspitzung gegenüber des ursprünglich anderen, nicht-ichhaften Stils von Bewusstsein.
Der Gegensatz von Gut und Böse bedeutet eine ständige Alarmbereitschaft, eine totale Mobilmachung. Die Polarisierung ist derart, dass eine ständige Gefahr herrscht. Es ist fortwährend Kriegszustand. Das Arge lauert überall und ständig, so dass höchste Wachsamkeit in den allermöglichsten Formen geboten ist. Es darf deinen Schlaf, kein Ausruhen, keine Ausgelassenheit in das Sein geben. Die Heilsgeschichte als Kriegsgeschichte. – Nach Wolfgang Giegerich, Ph.D.

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