Einige Gedanken

Einige Gedanken

zu Dietmars Ansicht über den Ursprung von Depressionen und Neurosen

Wie wir erkannt haben, sind Kapitalismus und Sozialismus im Kern wesenhaft das Selbe (wenn auch nicht das Gleiche), weil das ihnen Gemeinsame der Begriff des Eigentums ist, auf dem beide fußen. Dieser Begriff artikuliert sich im Kapitalismus als Privateigentum und im Sozialismus als Staatseigentum. Da Eigentum und dessen Sicherung das Fundament unserer abendländischen Gesellschaftsordnung sind, betrachten wir auch die Gefühle unter diesem Blickwinkel. Das bedeutet, daß unsere Emotionen als Eigentum unseres Ich verstanden werden, oder anders ausgedrückt, unser Ich identifiziert sich mit ihnen und einverleibt sie sich. Ebenso verhält es sich mit den Gefühlen anderer Menschen. Das Ich als Eigentümer und Herr seiner Gefühle ist für diese verantwortlich und hat daher über sie zu herrschen. Es verfügt frei über sie, indem es sich das Recht nimmt, eine Emotion als wünschenswert zu akzeptieren oder eine andere als unerwünscht zu verdrängen. Mir scheint, Dietmar sieht in dieser Einstellung des Ich gegenüber den Gefühlen und in solch einem Umgang mit ihnen die Ursache für Depressionen und Neurosen. So schreibt Dietmar von dem Hopi-Indianer X, dass „er ein Mensch von Gefühlen ist und sich dies auch eingestand und nicht verleugnete, so wie es immer normaler wird in unserer Konsum- und Streßgesellschaft, die dadurch immer mehr Depressionen und Neurosen erzeugt.“

Im Gegensatz dazu sind Gefühle in der archaischen Welt äußere, kosmische Phänomene, wie z.B. Regen und Sonnenschein. So erläuterte ein Eskimo gegenüber einem weißen Forscher das Besondere ihres Denkens: „Alle Bräuche kommen vom Leben und gehen zum Leben, wir erklären nichts, wir glauben nichts, aber in dem was ich dir jetzt gesagt habe, liegt unsere ganze Antwort.“ Hier wird nichts festgehalten, also auch nichts besessen, und nichts geglaubt. Für den archaischen Menschen besteht keine Identifikation mit den Emotionen und auch keine Freiheit der Wahl ihnen gegenüber, sondern er läßt sich bewusst auf sie ein, um ihnen seinem mythisch-rituellen Brauchtum gemäß zu entsprechen.
Für uns als abendländische Menschen ist es wichtig einzusehen, dass es mit dem Besitzen von Gefühlen und deren Kontrolle durch das Ich nicht getan ist. Wir müssen erkennen, dass vom Psychischen her gesehen alle Emotionen durchweg gleichwertig sind und dass wir uns deswegen ohne Ausnahme einer jeden von ihnen zuzuwenden haben. Aber damit ist es für uns heute in unserer hochtechnologisierten Welt auch noch nicht getan. Darüber hinaus müssen wir den in dem Gefühl enthaltenen Gedanken erkennen und verstehen. Diese zusätzliche Aufgabe ist erst dann gelöst, wenn wir zu dem das jeweilige Gefühl darstellenden Begriff durch unsere liebevolle geistige Anstrengung gelangt sind und ihn somit bewusst begriffen haben. Erst dadurch sind wir dem Gefühl gerecht geworden und haben unsere Identifikation mit ihm aufgelöst und uns von seiner unbewussten Übermacht über uns wirklich befreit. Denn nach C. G. Jung „darf [man in unserer Zeit] überhaupt nicht mehr ‚verfallen’, auch nicht dem Guten. … und man muß, so hart es auch klingen mag, die Freiheit haben, das bekannte moralisch Gute unter Umständen zu vermeiden und das als Böse Anerkannte tun, sollte es die ethische Entscheidung verlangen. Mit anderen Worten: man soll den Gegensätzen nicht verfallen.“ Indem ihm, also Dietmar, aufgrund seines Nachdenkens über die Systeme Kapitalismus, Demokratie und Sozialismus „jeglicher Glaube … an irgendeine politische Richtung, an irgendein wirtschaftliches System [genommen wurde],“ ist es ihm gelungen, sich eine mit C. G. Jung identische Erkenntnis selbständig zu erarbeiten. In Dietmars Worten lautet dieses Prinzip als Verhalten folgendermaßen: „… ich [kann] es nicht verhindern in mir, daß ich … lieber vorsichtig bin mit vorschnellen, unwissentlich gemachten guten Urteilen, mit Jubel für etwas oder mit Lob über Dinge, bei denen ich genau weiß, daß mir bewußt auch Informationen vorenthalten werden.“

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