Dietmars Aufsatz

Dietmars Aufsatz

Einer meiner Kindheitsträume war es gewesen, nach Amerika zu reisen, die großen Städte, die Musik, die Indianer, die wundervollen Naturerscheinungen und die ganze unendlich scheinende Weite zu erleben, obwohl ich schon recht gut begriff, daß mein Heimatland von einer unumstößlich scheinenden Mauer umgeben war. Als sich die Geschichte dann aber entgegen vieler Vermutungen verselbständigte, da konnte dann doch dieser Traum wahr werden, und es war an mir, nun herauszufinden, inwieweit sich nun Realität und Vorstellung—und unverfälschte Wirklichkeit und ideologisch zubereitetes Wissen glichen. Ich wollte flüchten vor den politischen Übersättigungen in der damaligen DDR, bedingt durch die Veränderungen, ich wollte etwas ganz Neues sehen, und ich wollte lernen, sehr viel lernen über das politische System Demokratie und das wirtschaftliche System Kapitalismus. Ich wollte wissen, ob der Kapitalismus nun eine Alternative war und uns in der DDR nur zu Unrecht so verabscheuungswürdig dargestellt wurde.

Was mir dann begegnete, war alles erdenkliche an Widersprüchlichkeiten und Extremen. Viele kleine Erinnerungen und viele unterschiedliche Menschen formen das gesamte Bild Amerikas in mir. Da sind die vielfältigsten Landschaften, die Berge, die Wüsten, die Canyons, die Wälder, die heißen Quellen, Geysire, die Vielzahl an Pflanzen und Tieren, und dann ist da der Schmutz und der Verfall in NewYork. Da waren die beiden Obdachlosen, die mir ihre Lebensgeschichten erzählten, nachdem sie sich zuvor kleine Weihnachtsgeschenke von einer Kirchengemeinde geholt hatten, und mir ein Paar Handschuhe schenken wollten, da sie für den Winter schon eines besaßen. Da war der Krieg im Golf, unzählige geschwenkte Fahnen, das Söhnchen mit Militärhosen in der Schule als Held verkleidet, weil auch Daddy damals in Vietnam schon nur für Demokratie und Freiheit gekämpft hatte. Dann war da aber auch die Lehrerin, die auch genau den wirtschaftlichen Aspekt eines Krieges erklärt.
Da war überall ein übertriebener Patriotismus, und dazu gab es zu kaufen kleine Jackettanstecker einer US-Flagge mit der Verpackungsaufschrift ‚Made in Taiwan‘.
Da war der Senator aus D., der mir sympathisch war und durch seine aktive Kommunalpolitik begeisterte, obwohl ich auch bei ihm nicht hinter die Kulissen schauen konnte. Am Anfang fiel es mir ziemlich schwer, mich in dieser Beziehung zurechtzufinden. In der DDR der politischen Veränderungen hatte ich gerade meine politische Mündigkeit erhalten, hatte schon immer eine Meinung gehabt, ja wurde durch das System schon dazu gezwungen, eine Meinung zu haben, und hatte dann endlich die Möglichkeit erhalten, diese auch überall auszusprechen, und tat davon regen Gebrauch.
Dann kam ich nach Wyoming, und es war erneut schwer mich zurechtzufinden, denn hier wurde ich schon allein für neutral gestellte Fragen zurechtgewiesen und belehrt, daß in Amerika politische Meinungsfreiheit herrsche, und ich solle die Menschen nicht mit meinen Fragen in dieser Freiheit angreifen. Drei Monate verbrachte ich in Wyoming, dann wurde ich fortgeschickt und sollte wieder nach Hause fliegen, da ich mich nicht den Gegebenheiten anpassen konnte.
Nun, ich konnte dann doch noch in Denver bleiben, wohin ich versetzt wurde, und dort begann mein eigentliches Austauschjahr. In Denver konnte ich weitaus mehr neue Dinge entdecken, konnte mehr lernen und erhielt ein weiteres Spektrum an Erlebnissen. Ich fühlte mich wohler in dieser größeren Stadt, da auch die Menschen offener waren.
Hier gab es Museen, Kunst und Musik. Hier konnte ich mehr sehen vom politischen, künstlerischen und gesellschaftlichen Leben. Hier konnte ich besser die krassen Gegensätze erkennen, konnte besser vergleichen die Gesellschaft, aus der ich gekommen war, und die, die ich nur aus dem Fernsehen und ideologisch verhetzten Schullehrbüchern her kannte.
Es war interessant, während des Golfkrieges in Amerika gewesen zu sein, die Bevölkerung zu beobachten und sich zu wundern, wie wir in Ostdeutschland die Fahnen schwenkten mit dem Druck des Dämonen Stasi im Nacken und wie es hier die Menschen aus freien Stücken taten.
Es kam mir doch zu komisch vor, wie ich unter Zwang dieses Fahnenschwenken haßte und wie hier die Menschen sich daran erfreuen, daß sie es tun dürfen, wobei ich wirklich Zweifel hege, aus schon angebrachten Gründen, ob solch übertriebener Enthusiasmus auch angebracht ist.
Für die Politik in Amerika habe ich mich während des ganzen Jahres interessiert, doch hat mir der Schlamassel in ihr, den ich glaubte zu sehen, nicht die Lust genommen, die anderen Seiten Amerikas zu entdecken. Politik ist überall ein schmutziges oder beschmutztes Geschäft, da sie von Menschen gemacht wird, die Machtbesessenheit brauchen, um in die obersten Bereiche in ihr zu gelangen. Keine Politik aber ist so mächtig, daß sie den einzelnen Menschen verändern kann und auch ihm die Menschlichkeit und das Recht auf das Gute in ihm nimmt.
Ein sehr schönes, nein ich muß sagen traurigschönes Erlebnis hatte ich im Hopi-Indianerreservat in Arizona. Dort habe ich noch einmal etwas Ursprüngliches entdeckt, wie man es in Deutschland wohl nicht mehr finden kann.
Ein Indianer hatte uns angesprochen, meine Gastmutter und mich, ob wir ihn mitnehmen könnten mit unserem Auto, da er nachts überfallen worden war, zusammen mit zwei seiner Indianerfreunde. Seine Freunde mußten im Krankenhaus bleiben auf Grund der Verletzungen, die sie von dem Überfall davontrugen, und auch dieser Indianer X. (seinen Namen möchte ich nicht nennen) hatte noch eine genähte Wunde am Kopf, und sein Gesicht war blutig und lädiert. Wir nahmen X. mit, und auf der Fahrt, da erhielt ich einen winzigen Einblick nur in eine ganz andere Art zu leben und die Dinge zu betrachten. X. erzählte uns aus seinem Leben, erzählte uns von den Traditionen seines Volkes, von dem Leid, das ihnen zustieß, von ihren Erinnerungen und von seiner ungebrochenen Bewunderung für die Natur. Es ist mir unmöglich, das Gefühl zu beschreiben, das während unserer Fahrt im Auto lag, nur eines wußte ich, ich hatte es noch nie gespürt. Mich faszinierte die bilderreiche Sprache, die X. in seinen Erzählungen verwendete, und es war ganz und gar nicht so dumm, wie es in vielen Wildwest-Filmen klischeesiert wurde.
Von seinem letzten Dollar noch kaufte X. uns warmes, dampfendes indianisches Brot, welches irgendwo am Straßenrand verkauft wurde. Und so leicht, wie es ihm fiel, seinen letzten Dollar aus der Hand zu geben, so leicht war auch sein Umgang mit den Menschen, trotz der immer wieder durchbrechenden Traurigkeit in ihm. Er wurde zu oft betrogen in seinem Leben (aus Diskretionsgründen führe ich hier keine Beispiele an), aber doch gelang es ihm immer wieder, sich gerade an winzigen Kleinigkeiten zu erfreuen und dankbar zu sein, so wie ich es bei den Menschen unserer materialisierten Welt kaum finden kann.
X. sang uns ohne Hemmungen, obwohl wir uns gerade eine Stunde kannten, verschiedene Lieder in seiner Sprache vor und gab bisweilen ein paar Erläuterungen dazu. Er war kein perfekter Sänger, auch schräge Töne für mein Ohr mischten sich in den Gesang, aber das war überhaupt nicht wichtig. Wichtig war, wie X. es verstand, sich selbst und seine Stimmungen in den Gesang zu legen, wie er während des Singens zu weinen begann, und dies nicht unbedingt zu verheimlichen suchte, da er ein Mensch von Gefühlen ist und sich dies auch eingestand und nicht verleugnete, so wie es immer normaler wird in unserer Konsum- und Streßgesellschaft, die dadurch immer mehr Depressionen und Neurosen erzeugt. Gegen Abend dann ging X. so natürlich, wie er gekommen war, und ich werde ihn wohl nicht mehr wiedersehen, aber doch ist es mir selten passiert, daß ich so viel von einer Person gelernt habe in dieser Kürze der Zeit. Ich könnte sicher einen vielseitigen Bericht schreiben, aber doch werde ich es nicht tun, da ich sicher vieles verfälschen würde mit meinem weißen Blick, die Dinge zu betrachten, und so vieles gar nicht verstanden habe, was X. uns eigentlich sagen wollte.
Um auf die Konsum- und Streßgesellschaft zurückzukommen, am Beginn meines Jahres in Amerika fand ich die riesigen Supermärkte doch sehr beeindruckend. Es war cool, wie man mit dem Auto vorfuhr, einen riesigen Korb mit 50 Prozent Ware und 50 Prozent dazugehöriger Verpackung vollud, damit das Auto wieder bepackte und nach Hause fuhr. Das war einfach, doch dann erinnerte ich mich auch zurück an DDR-Zeiten, als ich alle drei Tage einen dreimal kleineren Mülleimer in die Sammelbox entleeren mußte, während hier jede Woche drei große Tonnen vor die Tür zum Abholen gebracht wurden. Es waren ganz andere Relationen, aber auch in der DDR bin ich satt geworden. Obwohl ich manchmal auch Appetit auf eine Banane gehabt habe, doch bin ich mir heute darüber bewußt, daß wertvolle Waldstücke abgeholzt werden, um in den entsprechenden Entwicklungsländern neue Bananenplantagen anzulegen. So habe ich heute nicht die rechte Freude daran, eine Banane zu verschlingen mit dem Wissen, wieder mitschuldig zu sein an der Abholzung von Regenwald und der Vertiefung der Abhängigkeit von Ländern mit landwirtschaftlichen Monokulturen. Dieses Schildchen ‚Made in Taiwan‘ und ‚Made in…anderen Billigländern‘ klebt an recht vielen auch preisgünstigen Waren, und ich kann mir nicht vorstellen, daß es nur aus reiner Herzensgüte geschieht, daß westliche Firmen Wirtschaftshilfe leisten.
Ich habe schon immer recht bescheiden gelebt an Dingen, die ich kaufen mußte, aber nach einem Jahr in Amerika versuche ich, so wenig wie möglich zu verbrauchen, so lange, wie ich noch nicht ganz die marktwirtschaftlichen Zusammenhänge erkannt habe und weiß, wer denn nun wirklich die Vorteile hat. Ich denke, daß auch in dieser Beziehung den Menschen bisher recht wenig Wahrheit vermittelt wurde, sich aber die menschliche Gier des kleinen Mannes recht gut ausnutzen läßt, um die Gier noch größerer Wirtschaftsmänner oder Strategen zu befriedigen.
Dies alles hört sich sicher so an wie in der sozialistischen Schule gelernt, aber bisher konnte mich das Leben nach den Umgestaltungen und besonders nicht das Jahr in Amerika davon überzeugen, daß dieses Gelernte falsch ist.
Doch neben diesem Teil der amerikanischen Kultur fanden vor allem viele musische Bestandteile meine Bewunderung. Es gefiel mir, den Straßenbands und Künstlern zuzuhören und zuzuschauen, die in New York, San Francisco oder Boulder, der Universitätsstadt nahe Denver, ihre Künste zeigten. Da gab es den Blues des kleinen Mannes, der mich schon immer begeistert hatte. Da gab es Zauberer, die die Passanten mit in ihre Tricks einbezogen. Es war erfrischend, wenn man auf Reisen noch in einsamen Bergorten in irgendeiner Bar Livemusik erleben konnte oder wenn in Harlem ein Schwarzer seinen Blues an einer Häuserecke zum besten gab. Es war auch schön, in die Kirchen zu gehen, in denen die Musik noch echt und spontan entstehen kann und ich nicht die Beklemmungen bekam wie in deutschen Gottesdiensten. Gern besuchte ich die kleinen Theater, die um ihr Überleben kämpften, aber gerade dadurch so ungezwungen und lebensnah Geschichten erzählen konnten. Oft konnte ich stundenlang in Second-Hand–Bücherläden herumstöbern und konnte mich dann freuen, mit zehn Büchern unterm Arm für nur vier oder fünf Dollar den Laden wieder zu verlassen. Natürlich hat diese Tatsache auch ihre Kehrseite. Sie beschreibt die Macht des Fernsehens, aber für mich war es von Vorteil, da ich viel und gern lese. Eine andere wertvolle Einrichtung waren mir die abendlichen Cafés geworden, in denen ich mich öfters in geselligen Runden aufhielt, da mir grund meines zarten Alters und des Alkoholalters von 21 Jahren in Amerika der Eintritt in die Bars verwehrt war und ich schon nach einer Woche ungern etwas in einem der unzähligen Fastfoodläden zu mir nehmen wollte, geschweige denn einen Abend verbringen wollte.
Viele der Cafés waren aber sehr gemütlich, zu sitzen mit etwas dezenter Livemusik im Hintergrund bei einer Partie Schach oder einfach stundenlang zu plaudern mit netten Leuten. So oft es mir möglich war, finanziell und organisatorisch, besuchte ich Konzerte von Jazz, Bluegrass, Country, Blues und Folk, das habe ich auch schon zu Hause vorrangig gehört.
Alle Konzerte haben mir gefallen, obwohl sie nicht von klangvollen Namen gegeben wurden, wie man sie auch in Deutschland kennt, aber auch die Künstler, die ich sah, waren begabt mit ihren Feinheiten der Stimme, die Gefühle der Musik zu interpretieren, daß ich mich fragte, wo der Schlüssel für Erfolg und Berühmtheit liegt. Egal, jedenfalls hatte ich immer den Eindruck, daß diese Musik viel Freude in den tristen Alltag vieler Menschen bringt.
Nun, für mich war dieser Alltag die Schule, die High School. Ich hatte den Vorteil, da mein Abitur in Deutschland schon abgeschlossen war, daß ich außer ein paar Fächern in englischer Sprache oder amerikanischer Geschichte keine weiteren Fächer belegen mußte, um mein Abitur in Deutschland weiterzuführen. Ich belegte musische Klassen, Computer, Literatur oder Psychologie und hatte einen recht angenehmen Alltag.
Ich versäumte es aber trotzdem nicht, bei Mitschülern zu erfragen, was jeweils in den naturwissenschaftlichen Fächern gelehrt wurde. Ich stellte fest, daß in der Abiturstufe in der DDR doch weit mehr verlangt wurde von uns. Nun es ist sicher ein Problem, daß in anderen Bundesstaaten der USA alles anders sein kann. Als positiv empfand ich es aber, daß der Schüler Entscheidungen treffen konnte bei der Wahl seiner Fächer, was ich von der DDR her nicht kannte. Auch der Umgang zwischen Lehrern und Schülern ist viel zwangloser, als ich es von meiner ostdeutschen Schulzeit her kannte, wobei ein wichtiger Faktor dabei die Unterscheidung von Sie und Du im Deutschen ist. Die Unterrichtsatmosphäre erschien mir locker, da die Lehrer nicht an solch feste Lehrpläne gebunden sind. Das hat sicher seine Vorteile, daß der Schüler kreativer und spontaner zu arbeiten lernt, aber auch seine Nachteile, daß er weniger lernt.
Zwei Dinge haben mir nicht gefallen an den beiden Schulen, die ich besuchte. Das eine war der Patriotismus für die Schule, der unter den Schülern aufgebaut wurde.
Es war geschmacklos, wenn vor Footballspielen zum Beispiel die Schule geziert war mit Skeletten, die die Spieler der gegnerischen Mannschaft darstellten, wenn das Spiel vorbei war, und dazu war die Schule voller Sprüche, die von Tod und morden sprachen. Da fand ich es nicht verwunderlich, welch großen Zuspruch auch der Krieg im Golf unter den Schülern hatte, denn ganz ohne Folgen kann ja der Krieg zwischen den Schulen nicht an den Schülern vorübergehen.
Eine andere Sache war die Art der Zensierung, an der ich meine Zweifel in ihrer Wirkung hatte. In vielen Klassen gab es allein Punkte, also gute Zensuren, nur für die Anwesenheit oder gab es Punkte für den Fakt, daß man seine Hausaufgaben erfüllt hatte. Die Qualität der angefertigten Arbeit spielte dabei keine Rolle. In anderen Klassen stellten die Lehrer wirklich blödsinnige Aufgaben, die man nicht erfüllen mußte, aber wenn man es tat, dann gab es Zusatzpunkte, die man zum Verrechnen bei mißlungenen Klassenarbeiten verwenden konnte. Für das Malen einer simplen Grafik mit vorgegebenen Werten gab es da schon Zusatzpunkte.
Am Ende eines Semesters erschien es mir dann, als ob man allein mit Fleiß schon zu den Besten der Klasse gehören konnte, aber der intelligente Schüler, der keine Lust hatte, die vielen Schikanebeschäftigungsaufgaben zu erfüllen, in der Bewertung am Ende der Klasse war.
Ich weiß, daß keine Zensur einen Menschen wirklich einschätzen kann, aber hier kam es mir so vor, als ob die Schüler dazu erzogen werden, genau das zu tun, was die Lehrer verlangen, praktisch sich dem Willen des Lehrers zu beugen, sonst gebe es keine Punkte.
Nachdem ich also durch das ostdeutsche Schulsystem geformt wurde, welches Mittel und Wege hatte, den Schüler zu Gehorsam und Unterwürfigkeit zu erziehen, daß er auch ja in die notwendigen Jugendorganisationen eintrat, fand ich hier in Amerika andere Mittel und Wege. Das Prinzip aber war dasselbe, daß man ohne Anpassung an irgendjemanden oder irgendetwas nicht weit kommt. Jedes Schulsystem hat seine Vor- und Nachteile, und sicher war das ostdeutsche in seiner Art, die Schüler in Jugendorganisationen zusammenzufassen und zu vereinheitlichen, schlimmer als das amerikanische, aber doch konnte ich auch hier andere feinere Methoden vielleicht entdecken, die doch den Schüler zu einem hörigen Objekt erziehen.
Einst sollten die USA das feindliche Böse für mich darstellen. Nun, das war es nicht, da es mich persönlich nicht angriff, oder ein einziges Mal vielleicht, als ein sonnenbebrillter cooler Policeofficer 20 Dollar von mir haben wollte, da ich nicht im Winkel von 90 Grad eine kleine Seitenstraße überquerte. Ansonsten begegnete mir Amerika meist übertrieben freundlich, nur hätte ich nicht in die Bronx gehen sollen, hätte nicht zu viel hetzerische Literatur kleiner Antigruppen lesen sollen, hätte nicht auch mit den Randgruppen reden sollen, wie es ihnen erging, hätte nicht so viele Fragen stellen sollen, dann wäre es ein klares Bild geblieben. So aber wurde mir nun jeglicher Glaube genommen an irgendeine politische Richtung, an irgendein wirtschaftliches System. Ja meine Erfahrung, die ich aus Amerika mitbringe, ist, daß auch dort nur Menschen leben, die so sind, wie all die anderen Menschen auf der Welt, sich aber ein wenig unterscheiden in ihrer Mentalität, in kulturellen Besonderheiten und der Lebensweise.
Mag das meiste des Geschriebenen sich negativ anhören, mag der Großteil Kritik sein, das bedeutet nicht, daß ich mich nicht in Amerika wohlfühlte, daß ich keine Freunde dort hatte. Im Gegenteil, es hat mir sehr gefallen. Die Menschen sind auf eine Art unkomplizierter, nicht so verkrampft wie die Deutschen, aber doch kann ich es nicht verhindern in mir, daß ich nach den Erlebnissen und Lügen in der DDR nicht auch weiterhin lieber vorsichtig bin mit vorschnellen, unwissentlich gemachten guten Urteilen, mit Jubel für etwas oder mit Lob über Dinge, bei denen ich genau weiß, daß mir bewußt auch Informationen vorenthalten werden.
Mein Enthusiasmus wurde schon einmal ausgenutzt und aufgebraucht. Ich werde nach Amerika zurückkehren. Noch gibt es unheimlich viel dort zu entdecken an allen
Extremen.

0 Shares

Schreibe einen Kommentar