Die Mythe Juppiter – Semele

Die Mythe Juppiter – Semele

Der Moment der Wahrheit:
Die Mythe der Semele – Juppiter. In: Ovid, Metamorphosen.
„…es schmerzte Juno, dass schwanger vom Samen des großen
Juppiter Semele geht. Die Zunge gelöst schon zum Zanken,
Spricht sie: „Wie oft hab ich gezankt und wie wenig gewonnen!“
Treffen muss ich sie selbst, sie selbst, ich werde sie verderben,
Heiß ich die große Juno recht, gebührt meiner Hand, zu
Tragen den Edelsteinstab, wenn ich Königin, Schwester und Gattin
Juppiters bin! Die Schwester wohl schon! – Doch vielleicht ist mit stillem
Raub sie zufrieden und kurz meines Ehegemaches Beschimpfung?
Nein! Sie empfing! Das fehlte! Sie zeigt mit trächtigem Leibe
Offen die Schuld und hofft, was MIR kaum gelang, von dem einen
Juppiter Mutter zu werden! So viel vertraut sie der Schönheit!
Dass sie sich täusche! Ich bin nicht die Tochter Saturns, wenn von ihrem
Juppiter selbst nicht versenkt sie gelangt zu den stygischen Wellen!“
  Hob sich hierauf von dem Thron. Verhüllt in fahlem Gewölke
Nahte sie Semeles Schwelle, sie ließ die Wolke nicht schwinden,
Ehe sie sich zur Alten gemacht, ihre Schläfen gedeckt mit
Grau, ihre Haut mit Runzeln gefurcht, auf zitternden Füßen
Trug den gekrümmten Leib, ihre Stimme zur greisen gewandelt:
Beroe aus Epidaurus leibhaftig, Semeles Amme!
Sie knüpt sie an ein Gespräch, und als sie nach längerem Schwatzen
Auch auf Juppiter kamen zu reden, seufzt sie: „Ich wünschte,
Dass es Juppiter sei, doch fürchte ich alles, schon viele
Fanden in züchtige Kammern den Weg unter Namen von Göttern.
Und, dass es Juppiter ist, genügt nicht: Ist er der Rechte,
Soll er ein Pfand seiner Liebe dir geben, er soll dich umarmen
Groß und gewaltig, wie ihn empfängt die erhabene Juno.
Das musst du heischen und, dass zuvor seine Zeichen er annimmt.“
  So von Juno berückt, verlangt des Cadmus betörtes
Kind von dem Gott ein Geschenk, des Name zuvor nicht genannt sei.
„Wähle“, verspricht er ihr da, „du hast kein Nein zu befürchten.
Und das du sicherer glaubst, so soll es auch wissen des dunklen
Stygischen Stromes Macht, der Furcht und Gott ist der Götter!“
  Froh ihres Unheils, zu reich an Macht, dem Verderben verfallen,
Semele durch den Gehorsam des Liebenden spricht: „Wie die hehre
Tochter Saturns dich umfängt, wenn den Bund der Liebe ihr eingeht,
Sollst du dich schenken mir!“ Da wollte der Sprechenden Lippen
Schließen der Gott, doch war das Wort schon enteilt in die Lüfte.
Und er seufzt, denn SIE kann, dass sie gewünscht, nicht mehr ändern,
Dass er geschworen, nicht ER. Tieftraurig schwebt zu des Äthers
Höhen er also empor, er winkt sich die Wolken heran und
Heißt auch folgen die Schauer des Regens, die Winde mit Wetters
Leuten den Donner dazu und den unentrinnbaren Blitzstrahl.
Doch er versucht, soviel er vermag, seine Kräfte zu mindern.
Und er bewehrt sich nicht mit dem Strahl, mit dem er den hundert-
händigen Typhoeus gestürzt, zuviel Wildheit birgt sich in diesem.
Nein, es gibt einen leichtern Blitz, dem die Hand der Cyclopen
Weniger flammende Wut verliehen und weniger Zornkraft.
Zweites Geschoss, so sagen die Götter. Diesen ergriff er,
Trat in des Cadmus Haus. Der sterbliche Leib, er ertrug des
Äthers Gewalten nicht und brennt an den Gaben des Gatten.
  Unentwickelt und zart, das Kind wird entrissen der Mutter
Schoß und – geziemt es der Kunde zu glauben – genäht in des Vaters
Schenkel; und es erfüllt in diesem die Zeit seiner Reife.
Heimlich zog zunächst in der Wiege es auf seine Muhme
Ino, dann ward es den Nymphen des Nysa gegeben; in dessen
Grotte bargen es die und gaben Milch ihm zur Nahrung.
  Während dies nach des Schicksals Gesetzen auf Erden geschieht und
Sicher die Kindheit bleibt des zweimalgeborenen Bacchus,
Habe Juppiter einmal, vom Nectar erheitert die schweren
Sorgen, so sagt man, beiseite gelegt, mit der müßigen Juno
Lose gescherzt“.

The Study of Mythological Narratives.
In looking at myths, in this case the myth of Semele, I am concerned solely with the truth displayed in it, that is to say, with notions, concepts. I have no ulterior purpose beyond that of understanding the concept and its internal logic. I do not want anything for myself from it, I do not ask for a practical use or wish to get answers and help for living my life, for better mastering predicaments, for overcoming neurotic conflicts, for improving my self-development or simply for understanding myself better, nor to give some mythic depth to my reality. All such egoic and extraneous concerns I leave behind. Just as the geometric concepts of a triangle or octagon have nothing immediately to do with us and our real lives; but just as a clear comprehension of them differentiates and cultivates the MIND, so, too, the study of myths is not about us and our sole purpose in pursuing it should be to learn to comprehend something and thereby to refine the MIND. The study of a myth must be free, for interest’s sake only; our study must have everything it needs WITHIN ITSELF, even its reward. Its purpose is truth, insight, nothing else. “The truth shall make you free,” as the Bible says, and “Great is the power of truth and it shall prevail”, so does Tertullian.
— Wolfgang Giegerich, Ph.D. (Modified by me.)

 

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