Die Kleingeistigkeit der ahnungslosen westlichen Zivilisation und ihrer sich ausbreitenden Globalisierung.

Die Kleingeistigkeit der ahnungslosen westlichen Zivilisation und ihrer sich ausbreitenden Globalisierung.

 

Das Leben im Kaiserreich war dominiert vom wilhelminischen Gesellschaftsdenken und der Herrschaft der Konventionen.

Frauen trugen enge Schnürkorsetts, Männer lüfteten ihre Hüte zum Gruß und angestoßen wurde auf das Wohl des Kaisers.
Durch die fortschreitende Industrialisierung erlebte Deutschland unter Wilhelm II. (1859-1941) bis zum Ausbruch des 1. Weltkrieges einen wirtschaftlichen Aufschwung, der den sozialen Wandel mit bewirkte. Zwar blieben auch im Kaiserreich Besitz, Geschlecht und Klassenzugehörigkeit die bestimmenden Faktoren, die Lebensweg und sozialen Aufstieg vorgaben, zeitgleich bildeten sich durch die wirtschaftliche Blüte aber neue Gesellschaftsklassen heraus. Neben dem Adel trat das Wirtschaftsbürgertum in den Vordergrund, gefolgt vom Bildungsbürgertum und der neuen Mittelschicht, die mehr und mehr auch aus ‚Angestellten‘ bestand, einer noch relativ neuen Berufsgruppe.
Ausdruck fand das gut situierte Bürgertum in einer überbordenden Wohnkultur, in der alles gesammelt und ausgestellt wurde. Reproduktionen bekannter Gemälde wie beispielsweise Arnold Böcklins (1827-1901) „Die Toteninsel“ genauso wie Kronleuchter, Gobelins und Nippes. Plüsch und Schwulst werden auch im Binnenraum des Hauses u Kennzeichen einer Epoche, die es aufgrund der unerhörten Steigerung der materiellen Mittel auf das Luxurieren, auf den demonstrativen Konsum hin angelegt hatte.
Die bürgerliche Wohnstube wird somit zum Zeugnis des wilhelminischen Kleingeistes.

— Nach Katharina Beisiegel, „Weltflucht und Fantasiewelten“. In: ERNST LUDWIG KIRCHNER.

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