Der Kampf zwischen Geld und Geist

Der Kampf zwischen Geld und Geist

Der Kampf zwischen Geist und Geld.
Als Eulenspiegel kreuz und quer durch die Länder zog, kam er auf eine Zeit wieder nach Hannover, wo er viel Außergewöhnliches trieb. Einmal ritt er vor dem Stadttor ein Stück Weges spazieren. Da begegneten ihm zwölf Blinde. Als er zu ihnen kam, fragte er: „Woher, ihr Blinden?“ Die Blinden blieben stehen und hörten, dass er auf einem Pferd saß. Daher meinten sie, es wäre ein vornehmer Herr, zogen ihre Hüte und Mützen und antworteten: „Lieber Herr, wir sind in der Stadt gewesen. Da ist ein reicher Mann gestorben, ihm hielt man ein Seelenamt, und es gab Spenden.“ Es war grässlich kalt. Eulenspiegel sprach zu den Blinden: „Es ist bitterkalt, und ich fürchte, dass ihr erfriert. Seht her, hier habt ihr zwölf Gulden, geht wieder in die Stadt zurück, und zwar in das Gasthaus, von dem ich geritten komme.“ Daraufhin beschrieb er ihnen die Wirtschaft, und fügte hinzu: „Und um meinetwillen lebt dort von diesen zwölf Gulden so lange, bis die kalte Winterszeit vorüber ist und ihr wieder weiterwandern könnt.“ Die Blinden standen da, verneigten sich und dankten ihm zutiefst. Und jeder Blinde meinte, der andere hätte das Geld, der zweite meinte, der dritte hätte es, und so fort bis zum letzten, der glaubte nämlich, das Geld hätte der erste.
Also gingen sie in die Stadt zu dem Gasthaus, wohin sie Eulenspiegel gewiesen hatte. Als sie in die Gaststätte kamen, sagten die Blinden dem Wirt, sie seien unterwegs einem guten Mann auf einem Pferd begegnet, der ihnen Gott zuliebe zwölf Gulden geschenkt habe. Die sollten sie um jenes Herrn willen verzehren, bis der Winter vorüber sei. Der Wirt wurde gierig auf das Geld und nahm sie alle auf. Er versäumte es allerdings, die Blinden zu fragen und nachzusehen, wer von ihnen die zwölf Gulden hatte. Er sagte: „Ja, meine lieben Leute, ihr werdet es gut bei mir haben.“ Er schlachtete, bereitete zu und kochte für die Blinden und ließ sie so lange in seiner Wirtschaft essen, bis es ihm schien, dass sie die zwölf Gulden verzehrt hätten. Da sprach er: „Liebe Leute, wir wollen abrechnen, die zwölf Gulden sind so gut wie verzehrt.“  Die Blinden waren einverstanden, und ein jeder fragte den anderen, ob er die zwölf Gulden habe, um den Wirt zu bezahlen. Der erste hatte die Gulden nicht, der zweite hatte sie auch nicht, der dritte ebenfalls nicht, und der vierte natürlich auch nicht, sie alle, vom ersten bis zum letzten, hatten die zwölf Gulden nicht. Die Blinden redeten miteinander und kratzten sich die Köpfe, denn sie waren betrogen worden; der Wirt war es leider auch. Der saß und überlegte: „Lässt du sie gehen, so werden dir deine Kosten nicht bezahlt; behältst du sie, so fressen und verzehren sie noch mehr, und da sie ohnehin nichts haben, hast du doppelten Schaden.“ Also trieb es sie mit Schlägen hinten in den Schweinestall, schloss sie darin ein und setzte ihnen Stroh und Heu vor.
Nach einiger Zeit dachte Eulenspiegel bei sich: „Die Blinden sollten jetzt das Geld verbraucht haben.“ Er beschloss nachzusehen, wie es ihnen erging. Er verkleidete sich und ritt in die Stadt zu dem Wirt des gleichen Gasthauses. Als er in den Hof kam und sein Pferd im Stall anbinden wollte, sah er, dass die Blinden im Schweinestall lagen. Da ging er in die Gaststätte und fragte den Wirt: „Herr Wirt, was denken Sie sich dabei, dass die armen Leute so im Stall liegen? Erbarmt es Sie nicht, dass die Blinden essen müssen, wovon ihnen Leib und Leben wehtun?“ Der Wirt erwiderte: „Ich wünschte, sie wären dort, wo alle Wasser zusammenfließen, nämlich auf dem Meeresgrund. Wären doch nur meine Kosten bezahlt!“ Und er erzählte ihm, wie es dazu gekommen, dass er mit den Blinden betrogen worden war. Eulenspiegel fragte: „Wie, Herr Wirt, können Sie sich keinen Bürgen beschaffen?“ Der Wirt dachte bei sich: „O, hätte ich jetzt einen.“ Und er antwortete ihm: „Freund, könnte ich einen zuverlässigen Bürgen bekommen, den nähme ich und ließe die unseligen Blinden laufen.“ Eulenspiegel sagte: „Gut, ich will mich in der Stadt umhören und sehen, dass ich für Sie einen Bürgen finde.“
Eulenspiegel ging zum Pfarrer und sprach zu ihm: „Mein lieber Herr Pfarrer, helfen Sie doch bitte wie ein guter Freund. Mein Wirt hier ist in dieser Nacht vom bösen Geist befallen worden und lässt Sie bitten, ihm diesen auszutreiben.“ Der Pfarrer sagte zwar zu, doch der Wirt müsse einen Tag oder zwei warten, man dürfe solche Dinge nicht übereilen. Eulenspiegel antwortete ihm seinerseits: „Ich will gehen und die Wirtsfrau holen, damit Sie ihr das selber sagen.“ Der Pfarrer erwiderte ihm darauf: „Ja, lassen Sie sie herkommen.“
Da ging Eulenspiegel wieder zu seinem Wirt zurück und sagte ihm: „Ich habe Ihnen einen Bürgen gefunden, das ist Ihr Herr Pfarrer. Er will dafür einstehen und Ihnen geben, was Sie bekommen sollen. Lassen Sie Ihre Frau mit mir zu ihm gehen, denn er will es ihr selber zusagen.“ Der Wirt war damit einverstanden und froh, das zu hören, und er schickte seine Frau mit ihm zum Pfarrer. Dort legte Eulenspiegel gleich los: „Herr Pfarrer, hier ist die Frau. Sagen Sie ihr nun selber, was Sie mir gesagt und versprochen haben.“ Der Pfarrer sprach: „Ja, liebe Frau, gedulden Sie sich einen Tag oder zwei, dann werde ich ihm helfen.“ Die Frau war damit zufrieden, ging mit Eulenspiegel wieder nach Haus und sagte es ihrem Mann. Der war froh, sprach die Blinden ihrer Schulden frei und ließ sie gehen. Daraufhin machte sich Eulenspiegel reisefertig und verschwand unauffällig.
Am dritten Tag ging die Frau zum Pfarrer und mahnte ihn wegen der zwölf Gulden, die die Blinden verzehrt hatten. Der Pfarrer fragte: „Liebe Frau, hat Ihnen Ihr Mann das so aufgetragen?“ Die Frau bejahte es. Da sagte ihr der Pfarrer: „Das ist die Eigenschaft böser Geister, dass sie Geld haben wollen.“ Die Frau entgegnete: „Das ist kein böser Geist, bezahlen Sie ihm die Kosten!“ Der Pfarrer erwiderte: „Mir wurde gesagt, Ihr Mann sei vom bösen Geist besessen. Holen Sie ihn mir her! Ich will ihn mit Gottes Hilfe davon befreien.“ Die Frau sagte: „So pflegen Narren zu handeln, die lügen, wenn sie bezahlen sollen. Ist mein Mann vom bösen Geist besessen, so sollen Sie das heute noch zu spüren bekommen!“ Und sie lief nach Hause und erzählte ihrem Mann, was der Pfarrer ihr gesagt hatte.
Der Wirt bewaffnete sich sofort mit Spießen und Hellebarden und lief zum Pfarrhof. Als der Pfarrer ihn zum Kampf gerüstet daherstürmen sah, rief er seine Nachbarn zu Hilfe, bekreuzigte sich und sprach: „Kommt mir zu Hilfe, ihr lieben Nachbarn! Denn seht, dieser Mensch ist vom bösen Geist besessen!“ Der Wirt schrie ihm entgegen: „Pfarrer, erinnere dich und bezahl mich!“ Der Pfarrer stand da und bekreuzigte sich. Als der Wirt den Pfarrer schlagen wollte, kamen die Bauern dazwischen und brachten die beiden mit großer Mühe auseinander.
Und solange der Wirt und der Pfarrer lebten, mahnte der Wirt den Pfarrer wegen der Kosten, worauf der Pfarrer stets entgegnete, er sei ihm nichts schuldig, denn er sei von einem bösen Geist besessen, und von dem er ihn im Nu befreien könne. Und dieses Spiel währte, solange die beiden lebten.
— Aus dem Urtext ins Neuhochdeutsche übertragen von Roland Lukner

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