DER GROSSE ZUSAMMENHANG DER DINGE.

DER GROSSE ZUSAMMENHANG DER DINGE.

DER GROßE ZUSAMMENHANG DER DINGE.

Theodor Fontanes letzter Roman DER STECHLIN (1899) entwirft ein Bild der Gegenwart seiner Zeit: in ihm ist der märkische Adel und die Landbevölkerung, sowie die politischen, wissenschaftlich-technischen und medialen Revolution die Themen. Alle Lebensbereiche einer Gesellschaft im Umbruch werden darin berührt.
Fontane hat das Programm seines Romans wie folgt skizziert: „Titel: ‚Der Stechlin‘. In einem Waldwinkel der Grafschaft Ruppin liegt ein See, ‚Der Stechlin‘. Dieser See, klein und unbedeutend, hat die Besonderheit, mit der weiten Welt draußen in einer halb rätselhaften Verbindung zu stehen, und wenn in der Welt draußen ‚was los ist‘, wenn auf Island oder auf Java ein Berg Feuer speit und die Erde bebt, so macht der ‚Stechlin‘, klein und unbedeutend, wie er ist, die große Weltbewegung mit un sprudelt und wirft Strahlen und bildet Trichter. Und um dies und um DAS Thema dreht sich die ganze Geschichte. Alles Plauderei, Dialog, in dem sich die Charaktere geben, und mit ihnen die Geschichte.“
Der Roman kann als ein frühes Symbol einer „Globalisierung“ gelten. Das durchgehende dialektische Spannungsverhältnis von Alt und Neu ist im Landschaftsbild des Sees angelegt: Nach einem lokalen Mythos reagiert der See auf zeitaktuelle Ereignisse wie etwa politische Revolutionen. Es ist ein sehr moderner See, der per Telegraphie mit der Welt verbunden ist. Die neugeschaffenen weltweiten telegraphischen und telefonischen Vernetzungen zwischen Provinz und Welt verweisen auf die Gleichzeitigkeit eines synchronisierten Raumes. Das Modell der elektrifizierten neuen Nachrichtentechnik wurde auch auf die Medizin, Biologie und Psychologie übertragen. Das menschliche Nervensystem wurde mit dem durch die Kabeltelegraphie vernetzten Globus verglichen, bei dem die Reizung an einer Stelle einen unmittelbaren Reflex an einer anderen nach sich ziehe, so dass man die Telegraphenkabel insgesamt die Nerven der Menschheit nennen könne.
Den Nukleus des Romans bilden die beiden Familien Stechlin am Ruppiner See (Dubslav und seine Schwester Adelheid, sowie Sohn Woldemar) und die Barbys in Berlin (Graf Barby und seine beiden Töchter Melusine und Armgard). Um diese ziehen sich weitere Kreise, in denen nur geredet wird. Die familiären Ausgangssituationen werden zumeist in Form von Gegensatzpaaren eingeführt. Ganze Figurengruppen repräsentieren die durch die Weltvernetzung entstehende Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen. Wie Relikte aus einer lange zurückliegenden Vergangenheit treten die Stiftsdamen des abgeschiedenen Klosters Wutz auf. Sie verharren in völliger Isolation und Abschottung, hegen ein Misstrauen gegen alles, und verstehen sich als Wächterinnen über die reine Lehre der christlichen Orthodoxie. Am anderen Ende des Spektrums finden sich etwa Graf Barby oder der Journalist Doktor Pusch. Jener verweist nicht nur auf die weltpolitischen Herausforderungen, sondern erklärt darüber hinaus, Innenpolitik und Außenpolitik im Zusammenhang sehend, als deren Ursache die sozialen Spannungen innerhalb der europäischen Großmächte. Ähnlich welterfahren ist die Figur des Auslandskorrespondenten Doktor Pusch, der über Barby hinaus auch die Außenperspektive einnimmt und die Dinge von unterschiedlichen Seiten betrachtet.
Die Figuren positionieren sich durch ihr Sprach- und Kommunikationsverhalten und ihre Haltung zum Diskurs. Adelheids Tabuisierung vieler Themenfelder und prinzipielle Tendenz der Diskussions-Verweigerung äußern sich auch durch die Störungen in ihrer Stimme. Und die Mühlenbesitzer und kürzlich geadelten bourgeoisen Aufsteiger Herr und Frau Gundermann weisen sich durch ständige Wiederholung von Stereotypen aus.
Dubslav hingegen zeichnet sich durch seinen ironisch-selbstreflektierten Sprachgebrauch aus, setzt „hinter alles ein Fragezeichen“, hegt eine „Passion“ für „Paradoxe“ und kennt undogmatisch keine absolute Wahrheit: „Unanfechtbare Wahrheiten gibt es überhaupt nicht, und wenn es welche gibt, so sind sie langweilig.“
Im zentralen Dialog des 29. Kapitels kommen in der Pfarrei Melusine und Lorenzen zum vertrauten Vier-Augen-Gespräch und „revolutionären Diskursen“ zusammen. Darin offenbart sie Lorenzen: „Ich respektiere das Gegebene. Daneben aber freilich auch das Werdende, denn eben dies Werdende wird über kurz oder lang abermals ein Gegebenes sein. Alles Alte, soweit es Anspruch darauf hat, sollen wir lieben, aber für das Neue sollen wir recht eigentlich leben.“ In der Ausdeutung des Symbolgehalts des Sees verweist sie auf den durch die Weltvernetzung der Moderne sich ergebenden „großen Zusammenhang“, dem man sich offen und ohne bornierte Abschottung zu stellen habe: „Und vor allem sollen wir, wie der Stechlin uns lehrt, den großen Zusammenhang der Dinge nie vergessen. Sich abschließen, heißt sich einmauern, und sich einmauern ist Tod.“ Am Ende des Romans wird dies in einem brieflich übermittelten Schlusswort Melusines an Pastor Lorenzen noch einmal bekräftigt: „Und nun, lieber Pastor, noch einmal das eine. Erinnern Sie sich unsres geschlossenen Paktes: es ist nicht nötig, dass die Stechline weiterleben, aber es lebe / DER STECHLIN.“ Lorenzen skizziert in seiner Antwort eine Gesellschaft, die nicht mehr ausschließlich durch Herkunft, Stand und eingefrorene Tradition, sondern durch Freiheit, Talent und soziale Mobilität gekennzeichnet ist.
An die Stelle der alten Herrschaftselite treten „Erfinder und Entdecker“. Industrielle, Ingenieure, Naturwissenschaftler, Mediziner, Pharmakologen, Architekten, Bildungsreformer nennt Fontane als Beispiele für einen „neuen Adel, wenn auch ohne ‚von‘, von dem die Welt wirklich was hat, neuzeitliche VORBILDER (denn dies ist die eigentliche Adelsaufgabe), die, moralisch und intellektuell, die Welt fördern und ihre Lebensaufgabe nicht in egoistischer Einpöklung abgestorbener Dinge suchen“.
Diese Erfinder und Entdecker deutet Lorenzen als Vorboten einer politischen Veränderung der Gesellschaft, wobei sich deren Merkmale „demokratisch“, „weit“ und „frei“ gegenseitig bedingen: „wohin wir sehen, stehen wir im Zeichen einer demokratischen Weltanschauung. Eine neue Zeit bricht an. Ich glaube, eine bessere und eine glücklichere. Aber wenn auch nicht eine glücklichere, so doch mindestens eine Zeit mit mehr Sauerstoff in der Luft, eine Zeit, in der wir besser atmen können. Und je freier man atmet, je mehr lebt man.“
--- Nach Iwan-Michelangelo D'Aprile, "Fontane: Ein Jahrhundert in Bewegung". Rowohlt Verlag, 2018.

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