Das Zeitalter des technischen Gesundheitswesens

Das Zeitalter des technischen Gesundheitswesens

Das Zeitalter des technischen Gesundheitswesen Die wissenschaftlich-industrielle Pharmaindustrie und Gerätemedizin haben jetzt auf alles Patentrechte. Was früher bei der Therapie hilfreich und unterstützend verwendet wurde, ist von Giften und zellenbeeinträchtigen Verfahren ersetzt worden, die beständig neue Krankheiten hervorbringen, einschließlich die Ernährung und Krankheitsdiaten, die im Schlankheitswahn empfohlen werden. Am Ende von allem steht der Profit und dessen Maximierung. Die wenigsten denken über diese Dinge nach, geschweige denn handeln, auch die Ärzte nicht, jedenfalls wenige. Zudem wird in der Schulmedizin über Krankheiten und deren Therapie zumeist abstrakt gedacht und gehandelt, nicht konkret und individuell. So mag, z.B. eine Arznei und das Verfahren zu 80% für Tausende von Patienten hilfreich sein, doch wer in die restlichen 20% fällt, lässt sich im Voraus konkret nicht bestimmen. Es ist auch schwierig, einen Arzt zu finden, bei dem man Vertrauen haben kann; der es auch wissen will, weil er hilfreich sein will. Solche Ärzte suchen gemeinsam mit ihren Patienten nach einer Lösung der Beschwerde und verschreiben auch nicht sogleich oder zur Probe.

Ein aufrichtiges, vertrauensvolles Gespräch zwischen Ärzten und Patienten ist aus ökonomischen, versicherungsschützenden und technischen Gründen eine Seltenheit geworden, was doch die Grundlage bei einer erfolgreichen Therapie ist. Stattdessen ist diese Grundlage durch die ökonomische ersetzt, womit die eigentliche Therapie hinfällig geworden ist. Diese vermeintliche Heilpraxis kommt jedoch gut beim Arzt und Patienten gut an, da sie damit den selben Raubbau betreiben, wie das kollektive Ich an der Erde, einen Raubbau, der in den Untergang führt. Obwohl der Gesundheitszustand der Menschen, die Verteilung der Krankheiten und deren Ursachen, verbunden mit Diagnostik und Therapie, auch viel über ihren Lebenstil und ihre Kultur aussagt, so scheint der Krankheitsbegriff, biologisch reduziert, auf alle Zeiten und Kulturkreise festgeschrieben zu sein und wird jeglicher Entwicklung und Diskussion entzogen. Die Medizin befasst sich nicht mehr mit dem Menschen als Menschen, sondern mit Technologien, die auf jenen als bloß biologischen Körper angewendet werden. Man handwerkelt wissenschaftlich-abstrakt an Symptomen herum, um sich derer zu entledigen, was doch nur zur Verschlimmerung führt, insofern vor die eigentliche Heilung, die Götter bekanntlich die richtige Diagnose gestellt haben. Ihr auf die Schliche zu kommen und dem Symptom gerecht zu werden, lässt sich nur in direktem Kontakt und gemeinsamer Anstrengung mit dem einzelnen Patienten in der Praxis aneignen und gewährleisten. Es ist bereits so weit gekommen, dass es Ärzte gibt, die mit dem Patienten keine Gespräche im Sinne des Dialogs führen. Stattdessen wird darauf getrimmt, die Symptome zu vertreiben, sie nicht zu befragen, womit ihnen die Möglichkeit genommen wird, uns die Art ihrer Not mitzuteilen. Der Schmerz muss einfach weg, ungeachtet dessen, weshalb er erschienen ist. Diese Vorgehensweise verschlimmert letzten Endes den Gesundheitszustand, denn der Schmerz kommt früher oder später wieder zurück, doch dann in immer böserer Form. Das ist die biologische Falle. Ohne den therapeutischen Eros im Ringen mit dem Symptom, wächst die Somatisierung beständig weiter. Das ist schon auf allen Ebenen zu beobachten – von der psychologischen über die physische bis zur gesellschaftlichen. Gelegentlich ist dieses Geschehen aber auch bewusst zu akzeptieren, sodass Niedergang auch wirklich Niedergang bleibt. So hat Watzlawick sogar in manchen Fällen dieses Vorgehen als mögliche therapeutsche Verschreibung empfohlen, d.h., mehr desselben, damit Heilung einsetzen kann. In diesem Sinne zu helfen, indem man dem Patienten nicht von außen hilft, um den Selbstheilungskräften die Chance zur Heilung zu geben, ist schwer durchzuhalten, denn der Patient wird trick- und tränenreich nach der schnellen Lösung verlangen. Watzlawick hat zu dieser Methode daher einen Verschreibungskatalog entwickelt, der angibt, wann und wann nicht, wie und wie nicht sie eingesetzt werden kann. Daraus geht hervor, dass diese Art von Verschreibung nicht auf jedes beliebige Symptom anwendbar ist, wie z.B. bei Süchtigen und seelisch Leidenden. Leidet ein solcher Patient unter Halluzinationen, so wäre ein Niedergang unvertretbar und man muss zunächst Psychopharmaka zu Hilfe ziehen.

Und dennoch ist es ein Akt der Liebe, denn der Arzt ist letztlich nicht der eigentliche Heiler; das ist die Krankheit selber. Jedes Symptom ist ein Hilfeschrei. Der Körper spricht eine deutliche Sprache und seine Sprache lernt sich nicht durch Pillen, sondern das Symptom selbst trägt schon die Lösung in sich. Der Arzt ist wie eine Hebamme, und der eigentliche Lohn, Begleiter sein zu dürfen, ist, wenn das Leben zum Atmen kommt, was mehr ist, als jedes Geld. Das darf der Arzt niemals übersehen. Technokraten gibt es in diesem Fach schon genug. Das Leben ist letztendlich ein Mysterium.

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