Jesus in the Desert

Jesus in the Desert

What does the figure represent that Jesus encounters in the desert, the land of the spirit? Part I.

The first thing to be noticed is that obviously this devil is not Luciferian, satanic, absolutely evil. He does not represent the dark side. He does not want to seduce Christ to commit a crime, to gratify evil lusts, as, for example, sexual child molestation. Instead he merely represents the NATURAL, concretistic perspective versus a non-literal one. The first temptation is ultimately about social welfare, providing enough to eat for everyone. The second temptation is about performing a spectacular miracle that would make him credible to the masses as someone to put their hopes on. And the last one is about becoming a political world leader, who would by no means have to be a cruel despot, but could just as well be a wise and just ruler, a benefactor of the world, bringing a long-lasting period of peace and the flowering of culture. These are the devil’s offers. The issue here is not the choice between good and evil. In fact we see that as far as the semantic substance of the goals is concerned, the devil and Jesus are not at all apart. Both were thinking in the same direction. Jesus showed the same concern for people being fed and he would later teach his followers to pray, “Give us this day our daily bread,” he performed numerous miracles, and he also conceived himself as the ruler of the world. The only difference is that Jesus gives to the goal shared by both a fundamentally other meaning. “My kingdom is NOT of THIS world”, “Blessed are they who have NOT seen, and yet have believed”, and Man shall NOT live by BREAD alone, but by every word that proceedeth out of the mouth of God.” What is at stake in the dispute between the devil and Jesus was beautifully highlighted by Dostoevsky in his parable, “The Grand Inquisitor.”
Jesus and the devil are by no means divided by the strict opposition between good and evil, which is a horizontal opposition much like that between right and left. No, both aim for the good, namely “bread” and “kingdom.” There is no dispute between them about the goal itself. Theirs is the vertical difference within one and the same semantic content or concept, e.g., “kingdom”, between “of this world” and “NOT of this world.” Jesus negates and inwardizes the notion of “kingdom” into itself. It is the case of the sophisticated difference between two different modes or styles of understanding of the same desire, between a naturalistic, external sense of “bread” or “kingdom” and an inner, logical sense, between the literal and the spiritual, between positivity here and logical negativity over there. Rather than rejecting “kingdom” altogether and opting for something totally different, Jesus pushes off from and sublates, sublimates, distills, evaporates the concept of “kingdom.” What a kingdom that is not of this world is he cannot show. It does not exist as a positive fact. It is logically negative and exists only for, i.e., if there is, a soulful understanding. He overcomes the worldly naturalism of the meaning of the words used and opens up a new dimension and inner depth of meaning of the same words that did not exist before.
What we witness here in this scene is the first-time conquest or birth of this new objective soul dimension, the dimension of spirit as logical negativity through the process of negating the natural desire or the naturalistic understanding of the desire. Jesus sees through the superficiality of the literal (political) kingdom. He gets a clearer, deeper self-understanding about his actual desire. He for the first time becomes aware that he is indeed striving for “kingdom,” but also comes to realize that he would only fool himself if he gave in to this wish for “kingdom” in the external sense of literal, political power as offered by the devil, and that that sense of kingdom would not at all give him what his soul in truth needs. Instead of the clash of two opposite theses, we find the logical movement from a preliminary thesis to a deeper, more sophisticated one.

— Wolfgang Giegerich, PhD

Roland Lukner

Roland Lukner

Prof. Roland F. Lukner

Roland F. Lukner

Prof. Roland F. Lukner, Jahrgang 1934, lebt in Nashville (Tennessee). Er wuchs in Salzgitter, Niedersachsen auf, nahe Kneitlingen und Schöppenstedt, im Herkunftsgebiet Till Eulenspiegels, dessen Geist ihn bei Museumsbesuchen von Kindheit an ergriff und zeitlebens nicht mehr losließ. Die Museumsgründung lag mitten im Toben des Zweiten Weltkriegs. Sein Keim ist der Triumph, die Selbstbehauptung des menschlichen Geistes, die Selbstäußerung seines Wertes und die Erneuerung des Lebens inmitten lebensgefährdender Bedrohung und totaler Zerstörung.

Die vorliegende Arbeit stellt die Krönung einer langjährigen und intensiven, in die Tiefe gehender Beschäftigung mit dieser Figur dar.

Nach seiner Emigration in die USA studierte er an mehreren Universitäten mit Masterabschlüssen neuere Germanistik und Psychologie. Seit 1965 unterrichtete er als Assistenzprofessor an amerikanischen Colleges und an der Tennessee State University in Chattanooga. Der Schwerpunkt seines Forschungsinteresses lag auf den Gebieten der Literaturwissenschaft, der europäischen Geistesgeschichte und dem Wesen und der Entfaltung des Bewusstseins.

Seine Bücher hat bei bei folgenden Verlagen veröffentlicht: Edition Forsbach und Ibidem-Verlag und sind auch bei Amazon zu haben:

Vom-Umgang-Seele-mit-Menschen 

 

Die Eisenbahn kommt

Die Eisenbahn kommt

DIE EISENBAHN verändert die Arbeitswelt

„Trotz allen Katzbalgereien und Streitigkeiten ist die rheinische Eisenbahn dennoch fertiggestellt worden. In der Tat ist nicht so leicht gegen einen Schienenweg so viel demonstriert worden, wie gegen denjenigen, der jetzt von Bingen bis Bonn führt. Von religiösen Fanatikern, welche die Erfindung der Dampfmaschinen für ein Werk des Teufels halten, und von politischen Krebsgängern, welche das Volk gern auf der alten deutschen Postschnecke kriechen sähen, während sie selbst in vierspännigen Karossen dahinjagen, will ich gar nicht reden. Ihre Bestrebungen werden mit der Zeit auf dem Nullpunkt zu stehen kommen. Aber auch viele sonst ganz vernünftige Leute haben sich immer mächtig ereifert, wenn von einer Eisenbahn an den Ufern des Rheins die Rede war. Naturschwärmer riefen: Ihr werdet uns die schönen Felsen und die landschaftlichen Bilder verderben. Idyllische Landhausbewohner ließen sich vernehmen: Ihr stört uns die freundliche Ruhe unserer Wohnungen. Die Fuhr- und Postleute klagten: Unsere Geschäfte gehen zugrunde. Die Schiffer und Dampfschiffer lamentierten: Wofür lässt der liebe Gott denn den Fluss zwischen diesen Bergen herlaufen, als dass wir ihn nicht mit unseren Fahrzeugen ausbeuten? Und dazu meinten noch die Wirte, es wär schon an den Dampfschiffen genug, die Züge der Eisenbahn würden die Gäste in noch rascherem Lauf vorbeiführen. Lauter dummes Zeug! Die Landschaft ist so schön geblieben, wie sie es immer war, die Ruhe ist für den vorhanden, der sie im Herzen trägt, und sonst hat die Konkurrenz die ökonomischen Verhältnisse des Landes eher gebessert wie verschlechtert, denn der Preis der Liegenschaften ist gestiegen und überall wird gebaut und angelegt.“
— Wolfang Müller, der die Diskussionen um die Bahnstrecke im Rheintal verfolgt hatte, beschreibt 1861 die Lage nach dem Bau.
Die Zerstörung von Raum und Zeit.
Als man noch mit der Kutsche fuhr, erlebte man den durchreisten Raum direkt, sogar fast so, als ob man die Strecke gelaufen wäre. Aus dem Fenster der Kutsche sah man die Straße, die Landschaft und die Menschen, an denen man vorbeifuhr, sehr genau.
Die frühen Eisenbahnen fuhren nach heutigem Maßstab sehr langsam. Trotzdem erschien damals den Reisenden die erhöhte Reisegeschwindigkeit, meist kaum mehr als 30 Kilometer in der Stunde, unglaublich hoch. Die mit der Kutsche vertrauten Menschen waren an das Sehen bei großen Geschwindigkeiten nicht gewöhnt. Wenn man aus dem Fenster eines Abteils sah, konnte man die Landschaft kaum erkennen, geschweige denn Einzelheiten oder Menschen.
Die Reise mit der Eisenbahn dauerte natürlich nicht so lang wie eine Kutschreise zum selben Ort. Aber diese Zeit hatte eine andere Qualität. Bei der Kutschenfahrt war das Reisen an sich die Hauptsache, bei der Bahnfahrt war die pünktliche Ankunft am Ziel die Hauptsache. Auch für die Kutsche hatte es Fahrpläne gegeben, aber zur Zeit der Kutschen war das Reisen ohnehin sehr aufwendig gewesen. Nun musste man nur warten, bis man ankam. Das Reisen selbst ging viel schneller, und subjektiv erlebte man es kaum noch. Dafür musste man sich der Logik der Eisenbahn unterwerfen, etwa indem man auf die Minute genau handelte. Die frühen Verfechter der Eisenbahn behaupteten, die Eisenbahn gebe dem Menschen Macht über Zeit und Raum. Die Kritiker fanden im Gegensatz dazu, die Eisenbahn würde Zeit und Raum vernichten, weil man beide nun nicht mehr erleben konnte. Sie glaubten der Mensch verlöre eine wichtige Erfahrung, wenn ihm das Gefühl für Raum und Zeit zwischen zwei Orten abhanden käme.

Vermessung der Welt 15

Vermessung der Welt 15

Die Vermessung der Welt, 15. Teil: Wie sich Gauß und Johanna, seine zukünftige Frau, zum ersten Mal begegneten.

Die Arbeit ging schnell voran. Immer wieder legte er die Feder weg, und fragte sich, ob das, was er tat, überhaupt erlaubt war. Drang er nicht zu tief ein? Auf dem Grund der Physik waren Regeln, auf dem Grund der Regeln Gesetze, auf deren Grund Zahlen. Einiges an ihrem Gefüge schien unvollständig, seltsam flüchtig entworfen, und nicht nur einmal glaubte er, notdürftig kaschierten Fehlern zu begegnen – als hätte Gott sich Nachlässigkeiten erlaubt und gehofft, keiner würde sie bemerken.
Dann kam der Tag, an dem er kein Geld mehr hatte. Da gebe es Abhilfe, sagte Zimmermann. Ein Gelegenheitsauftrag. Man brauche einen tüchtigen jungen Mann, der bei der Landvermessung helfe.
So fand er sich unversehens durch die verregnete Landschaft stolpern. Er kletterte über eine Hecke und stand keuchend, verschwitzt vor zwei Mädchen. Gefragt, was er hier tue, erklärte er nervös die Technik der Triangulation: Man wähle ein Dreieck irgendwo hier draußen, messe die Seite, zu der man am leichtesten Zugang habe, und bestimme mit diesem Gerät die Winkel zum dritten Punkt. Er hob den Theodolit und drehte ihn, so und so. Dann füge man eine Serie solcher Dreiecke aneinander. Ein preußischer Forscher tue genau das in diesem Moment unter den Fabelwesen der Neuen Welt.
Aber eine Landschaft, erwiderte die Größere der beiden, sei doch keine Fläche?
Er starrte sie an. Die Pause hatte gefehlt. Als hätte sie nicht nachdenken müssen. Allerdings nicht, sagte er lächelnd.
Ein Dreieck, sagte sie, habe nur auf einer Fläche hundertachtzig Grad Winkelsumme, auf einer Kugel aber nicht. Damit stehe und falle doch alles.
Er musterte sie, als sähe er sie erst jetzt. Ja, sagte er. Um das auszugleichen, müsse man die Dreiecke gewissermaßen nach der Messung zu unendlich kleiner Größe schrumpfen lassen. Grundsätzlich eine einfache Differentialoperation. Er holte seinen Block hervor. In dieser Form, murmelte er, während er zu notieren begann, habe das noch keiner durchgeführt. Als er aufsah, war er allein.
Ein paar Wochen zog er noch mit den geodätischen Gerätschaften durchs Gelände. Aber als aus dem Wald ein Schäferhund sprang, ihn zu Boden stieß, fast zärtlich in seine Wade biss und wie ein Spuk wieder verschwand, beschloss er mit dieser Arbeit aufzuhören.
Doch Johanna sah er jetzt öfter. Einmal gingen sie mit ihrer dummen und ständig kichernden Freundin Minna vor der Stadt spazieren. Oft antwortete Johanna, bevor er zu Ende gesprochen hatte. Er dachte daran, sie zu umfassen und zu Boden zu ziehen, und wusste genau, dass sie seine Gedanken kannte. Musste all diese Verstellung wirklich sein? Als er aus Versehen ihre Hand berührte, machte er eine tiefe Verbeugung, wie es die Adligen taten, und sie einen Knicks. Auf dem Rückweg fragte er sich, ob je ein Tag kommen würde, an dem Menschen miteinander umgehen könnten, ohne zu lügen. Aber bevor ihm etwas darauf einfiel, begriff er, wie jede Zahl sich als Summe dreier Dreieckszahlen darstellen ließ. Mit zitternden Händen tastete er nach seinem Block, aber er hatte ihn daheim vergessen und musste die Formel leise vor sich hin murmeln. Von da an verließ er die Wohnung nicht mehr.

Vermessung der Welt 17

Vermessung der Welt 17

Die Vermessung der Welt, 17. Teil; Gauß unternimmt eine lange, sehr beschwerliche Reise nach Königsberg zu dem von ihm verehrten Immanuel Kant. Bei ihm spricht er sich über den Gehalt seiner Arbeit aus.

In einem Brief hielt Gauß um Johannas Hand an und wurde abgewiesen. Sie bezweifle, dass die Existenz an seiner Seite einem zuträglich sein könne. Sie habe den Verdacht, dass man in seiner Nähe zur Blässe und Halbwirklichkeit eines Gespensterdaseins verurteilt sei.
Er nickte. Er hatte genau diese Entscheidung erwartet, wenn auch keine so gute Begründung. Jetzt fehlte nur mehr eines.
Die Reise war fürchterlich. Seine Mutter weinte beim Abschied, und dann weinte auch er. Die Kutsche war voll übelriechender Leute, eine Frau aß rohe Eier mitsamt der Schale, ein Mann machte, ohne Atem zu holen, Witze, die nicht komisch waren. Gauß versuchte, das alles zu übersehen, indem er in der neuesten Ausgabe der „Monatlichen Korrespondenz zur Beförderung von Erd- und Himmelskunde“ las. Im Teleskop des Astronomen Piazzi war ein Geisterplanet aufgetaucht und, bevor man seine Bahn hatte bestimmen können, wieder verschwunden. Gauß schloss die Augen. Eine Weile sah er ein von Magnetlinien durchzogenes Firmament, dann Johanna, dann wachte er auf. Dass weitere elf Tage und Nächte kommen würden, war kaum vorstellbar. Wie schrecklich das Reisen war!
Als er in Königsberg ankam, war er fast besinnungslos. Die Straßen sahen fremd aus, die Geschäfte hatten unverständliche Schilder, und das Essen roch nicht wie Essen. Noch nie war er so weit von daheim gewesen.
Endlich hatte er die Adresse gefunden. Er klopfte, nach langem Warten öffnete ihm ein durch und durch staubiger alter Mann und sagte, der gnädige Herr empfange nicht.
Gauß holte Empfehlungsbriefe hervor.
Der Diener hielt die Papiere verkehrt herum, ohne einen Blick darauf zu werfen. Er überlegte, dann ging er hinein und ließ die Tür offen.
Gauß folgte ihm durch einen dunklen Flur in ein kleines Zimmer. Er sah ein verhängtes Fenster, einen Tisch, einen Sessel und darin einen in Wolldecken gewickelten, reglosen Zwerg, wulstige Lippen, vorspringende Stirn, eine scharfe, dünne Nase. Die halbgeöffneten Augen wandten sich ihm nicht zu. Die Luft war stickig, dass man kaum atmen konnte. Mit heiserer Stimme fragte er, ob das der Professor sei.
Wer sonst, sagte der Diener.
Gauß holte ein Exemplar der „Disquisitiones“ hervor, auf dessen erste Seite er etwas von Verehrung und Dank geschrieben hatte. Er hielt dem Männchen das Buch hin, es regte keine Hand.
Mit gedämpfter Stimme erklärte er sein Anliegen. Er habe Ideen, die er noch keinem habe mitteilen können. Die Wahrheit sei sehr unheimlich: Der Satz, dass zwei gegebene Parallelen einander niemals berührten, sei nie beweisbar gewesen. Er, Gauß, vermute nun, dass der Satz nicht stimme. Dies sei kein Gedankenspiel! Er behaupte etwa … Er ging auf das Fenster zu, aber ein erschrockenes Quieken des Männchens ließ ihn stehenbleiben. Er behauptete etwa, dass ein Dreieck von genügender Größe, aufgespannt zwischen drei Sternen dort draußen, bei genauer Messung eine andere Winkelsumme habe als die erwarteten hundertachtzig Grad, sich also als sphärischer Körper erweisen werde. Als er gestikulierend aufsah, bemerkte er die Spinnweben an der Decke, mehrere Schichten davon, filzig ineinandergewoben. Einstweilen benötige er die Meinung des einzigen, der ihn nicht für verrückt halten könne, der ihn verstehen müsse. Er ging in die Hocke, so dass sein Gesicht auf gleicher Höhe mit dem des Männchens war. Er wartete. Die kleinen Augen richteten sich auf ihn.
Wurst, sagte Kant.
Bitte?
Der Lampe soll Wurst kaufen, sagte Kant. Wurst und Sterne.
Gauß stand auf.
Ganz hat mich die Zivilität nicht verlassen, sagte Kant. Meine Herren! Ein Tropfen Speichel rann über sein Kinn.
Der gnädige Herr sei müde, sagte der Diener.
Gauß nickte. Der Diener berührte mit dem Handrücken Kants Wange. Das Männchen lächelte. Sie gingen hinaus. Von weitem hörte Gauß den Gesang dunkler Männerstimmen. Der Gefängnischor, sagte der Diener. Der habe den gnädigen Herrn immer sehr gestört.
In der Kutsche, eingeklemmt zwischen einem Pastor und einem dicken Leutnant, las er zum dritten Mal den Artikel über den rätselhaften Planeten. Natürlich konnte man seine Bahn berechnen! Ein paar Tage Arbeit, dann konnte man voraussagen, wann und wo er wiederauftauchen würde. Dann war er wieder zurück in Braunschweig.

Vermessung der Welt 16

Vermessung der Welt 16

Die Vermessung der Welt, 16. Teil: Gauß‘ Gipfelerlebnisse bei der Gewinnung neuen Wissens.

Von da an verließ er die Wohnung nicht mehr. Er musste sich beeilen, sterben ließ sich schnell. Manchmal kam Bartels und brachte Essen. Manchmal kam seine Mutter. Sie strich ihm über den Kopf, sah ihn mit vor Liebe verschwommenem Blick an und wurde rot vor Freude, wenn er sie auf die Wange küsste. Dann tauchte Zimmermann auf, fragte, ob er Hilfe bei der Arbeit brauche, begegnete seinem Blick und ging verlegen brummend seiner Wege. Briefe trafen ein, auch vom Sekretär des Herzogs, er las keinen davon. Zweimal hatte er Durchfall, dreimal Zahnweh und eines Nachts so heftige Koliken, dass er meinte, nun sei es soweit. In einer anderen Nacht kamen ihm plötzlich die Wissenschaft, seine Arbeit, sein gesamtes Leben fremd und überflüssig vor, weil er keinen Freund hatte und außer seiner Mutter niemanden, dem er etwas bedeutete. Aber auch das ging, wie alles, vorüber.
Und eines Tages war er fertig. Er legte die Feder weg, schneuzte sich und rieb sich die Stirn. Ihm schien, das alles hatte jemand erlebt, der er seit wenigen Momenten nicht mehr war. Vor ihm lag das Manuskript, das der andere zurückgelassen hatte. Hunderte eng beschriebener Seiten. Er blätterte darin und fragte sich, wie er das hatte leisten können. Er konnte sich an keine Inspiration, keine Erleuchtungen erinnern. Nur an Arbeit.
Für die Kosten des Drucks musste er sich Geld von Bartels ausleihen, der selbst fast nichts besaß. Dann gab ihm der Dummkopf von Buchhändler Schwierigkeiten, als er die gesetzten Blätter noch einmal Korrektur lesen wollte. Zimmermann schrieb an den Herzog, der rückte noch etwas Geld heraus, und die „Disquisitiones Arithmeticae“ konnten erscheinen. Er war Anfang Zwanzig, und sein Lebenswerk war getan. Er wusste: Wie lange er auch noch da sein würde, er könnte nichts Vergleichbares mehr zustande bringen.

Die Vermessung der Welt, 19. Teil

Die Vermessung der Welt, 19. Teil

Unterwegs zum geheimnisumwitterten Kanal zwischen Orinoko und Amazonas.

Die Tage in Caracas waren schnell vergangen. Die Besteigung des Silla mussten, sie ohne Führer unternehmen, weil sich herausstellte, dass kein Eingeborener je auf dem Doppelberg gewesen war. Auf dem Gipfel wurden sie von einem Schwarm pelziger Bienen belästigt. Der Gouverneur hatte sie gewarnt: Das Wichtigste sei, sich nicht zu rühren. Nicht zu atmen. Abzuwarten. Nach einer Viertelstunde lösten die Tiere sich von ihnen und schwirrten davon.
Zu ihrem Abschied wurde im Theater von Caracas ein Konzert unter freiem Himmel gegeben. Glucks Akkorde stiegen in die Dunkelheit der klaren Nacht voller Sterne. Ihm habe, flüsterte Humboldt, Musik nie viel gesagt.
Mit Maultieren brachten sie in Richtung des Orinoko auf. Um die Hauptstadt breiteten sich Ebenen aus, Tausende Meilen weit, ohne Baum, Strauch oder Hügel. Zwei Wochen waren sie unterwegs gewesen, als Hütten auftauchten, Menschen ihnen entgegenkamen.
In Calabozo trafen sie einen alten Mann, der noch nie das Dorf verlassen hatte. Trotzdem besaß er ein Laboratorium mit Messgeräten und einen Apparat, welcher zwischen gegeneinander rotierenden Rädchen, helle Funken erzeugte. Diese rätselhafte Kraft habe er entdeckt, rief der Alte. Das mache ihn zum großen Forscher!
Beeindruckend, sage Humboldt, aber das Phänomen nenne sich Galvanismus und sei in der ganzen Welt bekannt. Er selbst habe etwas dabei, was gleiche Wirkungen erzeuge. Er zeigte die Leydener Flasche und wie man mit einem Fell rieb, um haarfein verästelte Blitze entstehen zu lassen.
Der Alte kratzte sich schweigend am Kinn.
Humboldt klopfte ihm auf die Schulter und wünschte viel Glück weiterhin.
Sie kamen an einen Teich. Bonpland zog sich aus, stieg hinein, zögerte, stöhnte und sank der Länge nach um. Im Wasser lebten elektrische Aale. Die Tiere konnten Schläge auch ohne Berührung verteilen. Der Schlag war durch kein Instrument zu erkennen, nur am Schmerz, den er zufügte. Und er war ungeheuerlich, der Schmerz, so stark, dass man nicht begriff, was mit einem vorging. Er wurde einem erst mit Verzögerung bewusst und in der Erinnerung immer stärker; er kam einem vor wie etwas, das mehr der Außenwelt als dem eigenen Körper angehörte.
Sie reisten weiter. Bonpland hinkte, seine Hände waren gefühllos. Noch Tage danach tanzten Funken durch Humboldts Blickfeld, wenn er – er hatte auch was abbekommen – die Augen schloss. Lange blieben seine Knie so steif wie die eines alten Mannes.
Im hohen Gras fanden sie ein ohnmächtiges Mädchen, wohl dreizehn Jahre alt, in zerrissener Kleidung. Bonpland träufelte ihr Medizin in den Mund, sie spuckte, hustete und begann zu schreien. Jemand müsse ihr Furchtbares angetan haben, sagte Bonpland.
Bonpland gab ihr Wasser, sie trank hastig. Essen wollte sie nicht. Er half ihr auf die Füße. Ohne ein Zeichen der Dankbarkeit riss sie sich los und rannte davon.
Vermutlich die Hitze, sage Humboldt. Kinder verliefen sich und würden ohnmächtig.
Bonpland sah ihn eine Weile an. Ja, sagte er dann. Vermutlich.
In der Stadt San Fernando verkauften sie ihre Maultiere und erstanden ein breites Segelboot mit einem Holzverschlag, Lebensmittel für einen Monat und zuverlässige Gewehre. Humboldt erkundigte sich nach Ruderern, die Erfahrung mit dem Fluss hatten. Man wies ihn zu vier an einer Schenke setzenden Männern.
Humboldt fragte, ob sie den Kanal zwischen Orinoko und Amazonas kennen würden.
Natürlich, sagte einer.
Es gebe ihn nicht. Alles ein Gerücht, sagte ein anderer.
Humboldt schwieg verwirrt. Wie auch immer, sagte er dann, er wolle diesen Kanal vermessen, er brauche erfahrene Ruderer.
Was zu gewinnen sei, fragte ein Dritter.
Geld und Wissen.
Geld ist besser, sagte sein Kumpane.
Geht in Ordnung, sagte Humboldt.
Auf dem Weg zur Herberge folgte ihm ein struppiger Schäferhund. Humboldt blieb stehen, der Hund kam heran und drückte die Nase gegen seinen Schuh. Als Humboldt ihn hinter den Ohren kraulte, rülpste er, dann winselte er glücklich, wich zurück und knurrte Bonpland an.
Der gefalle ihm, sagte Humboldt. Offenbar habe er keinen Herrn. Den nehme er mit.
Das Boot sei zu klein, sagte Bonpland. Der Hund sei bissig und rieche nicht gut.
Man werde sich schon verstehen, sagte Humboldt und ließ den Hund in seinem Herbergszimmer schlafen.
Von Hunden sei nie die Rede gewesen, sagte einer der Ruderer, als die beiden am nächsten Morgen zum Boot kamen.
Es gebe Zwerghunde mit Flügeln, wo die Leute wahnsinnig seinen und rückwärts sprächen, sagte ein zweiter. Das habe er selbst gesehen.
Er auch, sagte jener. Aber jetzt seien sie ausgerottet. Gefressen von den sprechenden Fischen.
Seufzend bestimmte Humboldt die Position der Stadt, wieder einmal waren die Karten ungenau gewesen. Dann legten sie ab.