Fontane hat die Gesellschaft als einen dialektischen P r o z e s s betrachtet

Fontane hat die Gesellschaft als einen dialektischen P r o z e s s betrachtet

Unsere ganze Gesellschaft ist aufgebaut auf dem Ich. Das ist ihr Fluch, und daran muss sie zugrunde gehen. Die Zehn Gebote, das war der Alte Bund; der Neue Bund aber hat ein anderes, ein einziges Gebot, und das klingt aus in: ‚Und du hättest der Liebe nicht … .‘
Ich respektiere das Gegebene. Daneben freilich auch das Werdende, denn eben dies Werdende wird über kurz oder lang abermals ein Gegebenes sein. Alles Alte, soweit es Anspruch darauf hat, sollen wir lieben, aber für das Neue sollen wir recht eigentlich leben. Und vor allem sollen wir den großen Zusammenhang nie vergessen. Sich von ihm abschließen heißt sich einmauern, und sich einmauern ist Tod.
Fontane hat die Gesellschaft als einen dialektischen P r o z e s s betrachtet, als eine von Widersprüchen vorangetriebene Entwicklung. Dubslav Stechlin, die Hauptgestalt in seinem Roman „Der Stechlin“ zeichnet sich durch seinen ironisch-selbstreflektierten Sprachgebrauch aus, setzt „hinter alles ein Fragezeichen“, hegt eine „Passion“ für „Paradoxe“ und kennt undogmatisch keine absolute Wahrheit: „Unanfechtbare Wahrheiten gibt es überhaupt nicht, und wenn es welche gibt, so sind sie langweilig.“
„Alt“ und „neu“ werden in der Gesinnung der Liebe zur Einheit, die nur dann auseinanderbricht und zum unheilvollen Gegensatz werden kann, wenn sich die Bindung zur einheitsstiftenden, höheren Wirklichkeit löst. Das bemerkenswerte und geradezu unbequeme an der so recht aus der Liebe kommenden Humanität ist, dass sie letztlich unbestimmbar bleibt, sich in keinem Programm und keiner Lehre gänzlich erschöpft. Die wahre Menschlichkeit bildet kein geschlossenes System, sie lässt sich begrifflich nicht bestimmen. Lorenzen drückt das am Grabe Stechlins so aus: „Er war kein Programmedelmann …, wohl aber ein Edelmann nach jenem alles Beste umschließenden Etwas, das Gesinnung heißt.“ Abgesichert wird diese Gesinnung der Liebe gegen das einseitig Alte oder Neue durch eine allseitige Skepsis, denn seinem ganzen Wesen nach machte der alte Stechlin hinter alles ein Fragezeichen“. In Zeiten des Übergangs ist die Skepsis eine Voraussetzung des Humanen – dann vor allem, wenn sich das Neue durch seine Unfehlbarkeit empfiehlt, und ebendeshalb leicht ins Unmenschliche entartet.

Friedensverhandlungen mit den Comanche-Häuptlingen:

Friedensverhandlungen mit den Comanche-Häuptlingen:

John O. Meusebach, amerikanischer Staatsbürger, sagte 1847 nach den Friedensverhandlungen mit den Comanche-Häuptlingen:
„Wenn mein Volk für eine Zeitlang mit Euch gelebt hat und wenn wir uns gegenseitig besser kennen, dann mag es vorkommen, dass einige heiraten möchten. Bald werden unsere Krieger Eure Sprache lernen. Wenn sie dann wünschen, ein Mädchen aus Eurem Stamm zu heiraten, sehe ich darin überhaupt kein Hindernis, und unsere Völker werden so viel bessere Freunde. … Mein Bruder spricht von einer Mauer zwischen den roten Männern und den Bleichgesichtern. Ich schätze meine roten Brüder nicht geringer, weil ihre Haut dunkler ist, und ich halte nicht mehr vom Volk der Weißen, nur weil ihre Hautfarbe heller ist.“

Büste von John. O. Meusebach, Fredricksburg, Texas
von Charlotte A. Tremper, Skulpteurin

Günter Grass würdigte Schulze als einen der „großartigen Erzähler“ der neuen Bundesländer.

Günter Grass würdigte Schulze als einen der „großartigen Erzähler“ der neuen Bundesländer.

Ingo Schulzes Buch „Adam und Evelyn“ besteht fast ausschließlich aus Dialogen,

im Film gibt es viel weniger Text, da ist sehr viel reduziert worden, gerade auch bei den dramatischen Auseinandersetzungen.
Bei den Gesprächen über die Verfilmung kam der Vorschlag, an dem Punkt aufzuhören, an dem die beiden in den Westen gehen. Warum wird denn so oft aufgehört, wenn der Westen kommt? Diese Geschichte handelt nicht nur von der DDR, sondern auch von dem Neuen, das danach kommt. Dieser undifferenzierte Blick, das Abhaken als Unrechtsstaat, hat viel Verwüstung angerichtet.
Die Akzente der Figuren im Film sind andere. Im Buch ist Adam auf den ersten Blick politischer, auch widerständiger. Im Film wird er es auf eine andere Art, ich würde sogar sagen, auf eine grundsätzlichere Art. Adam geht in der DDR nicht einer entfremdeten Arbeit nach. Es ist ja nicht so, dass man sagen könnte, vorher schlecht, danach gut – oder umgekehrt. Den Druck wegzugehen, hatte ich nie. Es war ein Wechsel von Freiheiten und Abhängigkeiten. Am Landestheater in Altenburg hatten wir 1988 einen unglaublichen Freiraum. Wir befanden uns im Zentrum einer ideologisch und geistig geführten Auseinandersetzung. Es hat mich verwundert, dass die DDR-Oberen sich so schnell und ohne Blutvergießen zur Seite schieben ließen. Als die Mauer fiel, fragte ich mich, warum rennen die jetzt alle in den Westen, lasst uns das doch erst mal hier zu Ende bringen. Plötzlich konnte man ja auch eine Zeitung machen und sich auf der Straße versammeln, ganz legal! Als Schriftsteller empfinde ich eine Verantwortung mitzumachen. Aber für eine ständige politische Auseinandersetzung muss man geboren sein! Die Literatur lebt von den Widersprüchen und der Gleichzeitigkeit verschiedener Wahrheiten. Für die Politik ist das eher ein Problem. Für das, was passiert ist, tragen in allererster Linie die Ostdeutschen die Verantwortung. Als die Mauer fiel, hatte das für mich absolut nichts mit irgendwelchen Vereinigungsgedanken zu tun: Wie sollte das gehen, mit zwei so unterschiedlichen Systemen? Viele Dinge, die damals auch im Westen kritisiert wurden, haben sich eher verfestigt, statt sie in Frage zu stellen. Warum denken Ärzte immer noch wie Geschäftsleute? Warum wurde damals nicht über eine wirklich neue Verfassung abgestimmt? Und warum kann man nicht mal darüber reden, wie sich das Recht auf Arbeit und Wohnung durchsetzen ließe, für ein von Existenzangst freies Leben? Wohnungen sollten den Gesetzen des Profits entzogen werden.

Theodor Fontane: erster literarischer Künstler der seelischen Immanenz („Interiority“):

Theodor Fontane: erster literarischer Künstler der seelischen Immanenz („Interiority“):

– Entdecker des Begriffs Achtsamkeit und somit der psychologischen Wahrheit:

„Fontanes Erzähler ist kein ‚allwissender‘, ‚auktorialer‘ Erzähler, sondern ein ‚beobachtender Erzähler‘, der seine Figuren selbst sprechen lässt. Dadurch wird eine Deutungsoffenheit erzeugt“. „Was der Mensch tut, ‚gehört ihm nur zum Teil‘“.
Richard Moritz Meyer würdigt Fontane in seiner GESCHICHTE DER DEUTSCHEN LITERATUR DES 19. JAHRHUNDERTS des Jahres 1900 als wichtigsten Begründer des realistischen Gesellschaftsromans in Deutschland, dessen Erzähler ein Beobachter und Lernender sei, was Fontane zu einem großen Bahnbrecher mache, der nur in der Neuzeit zu Hause sei. Meyer: „Er will lernen.“ Er lasse seine Figuren quasi selbständig in einem Problemzusammenhang wie in einer Versuchsanordnung operieren, was seine Gesellschaftsromane zu modernen Experimentalromanen mache.
– Entdecker der Geschichtlichkeit der Seele:
„…während sich realistische Romane immer auf allgemein geteilte Wirklichkeitsannahmen, Normen und ‚Selbstverständlichkeiten“ beziehen müssen, um als Realitätsillusion zu wirken, ist es nach Fontane nicht die unwichtigste Aufgabe der Kunst, diese Realitätsannahmen zugleich als historische und damit veränderliche auszuweisen.“

Vom armen B. B.

Vom armen B. B.

Ich, Bertolt Brecht, bin aus den schwarzen Wäldern.
Meine Mutter trug mich in die Städte hinein
Als ich in ihrem Leibe lag. Und die Kälte der Wälder
Wird in mir bis zu meinem Absterben sein.

In der Asphaltstadt bin ich daheim. Von allem Anfang
Versehen mit jedem Sterbesakrament:
Mit Zeitungen. Und Tabak. Und Branntwein.
Misstrauisch und faul und zufrieden am End.

Wir sind gesessen ein leichtes Geschlechte
In Häusern, die für unzerstörbare galten
(So haben wir gebaut die langen Gehäuse des Eilands Manhattan
Und die dünnen Antennen, die das Atlantische Meer unterhalten).

Von diesen Städten wird bleiben: der durch sie hindurchging, der Wind!
Fröhlich machet das Haus den Esser: er leert es.
Wir wissen, dass wir Vorläufige sind
Und nach uns wird kommen: nichts Nennenswertes.

Bei den Erdbeben, die kommen werden, werde ich hoffentlich
Meine Virginia nicht ausgehen lassen durch Bitterkeit
Ich, Bertolt Brecht, in die Asphaltstädte verschlagen
Aus den schwarzen Wäldern, in meiner Mutter, in früher Zeit.

Die Kleingeistigkeit der ahnungslosen westlichen Zivilisation und ihrer sich ausbreitenden Globalisierung.

Die Kleingeistigkeit der ahnungslosen westlichen Zivilisation und ihrer sich ausbreitenden Globalisierung.

 

Das Leben im Kaiserreich war dominiert vom wilhelminischen Gesellschaftsdenken und der Herrschaft der Konventionen.

Frauen trugen enge Schnürkorsetts, Männer lüfteten ihre Hüte zum Gruß und angestoßen wurde auf das Wohl des Kaisers.
Durch die fortschreitende Industrialisierung erlebte Deutschland unter Wilhelm II. (1859-1941) bis zum Ausbruch des 1. Weltkrieges einen wirtschaftlichen Aufschwung, der den sozialen Wandel mit bewirkte. Zwar blieben auch im Kaiserreich Besitz, Geschlecht und Klassenzugehörigkeit die bestimmenden Faktoren, die Lebensweg und sozialen Aufstieg vorgaben, zeitgleich bildeten sich durch die wirtschaftliche Blüte aber neue Gesellschaftsklassen heraus. Neben dem Adel trat das Wirtschaftsbürgertum in den Vordergrund, gefolgt vom Bildungsbürgertum und der neuen Mittelschicht, die mehr und mehr auch aus ‚Angestellten‘ bestand, einer noch relativ neuen Berufsgruppe.
Ausdruck fand das gut situierte Bürgertum in einer überbordenden Wohnkultur, in der alles gesammelt und ausgestellt wurde. Reproduktionen bekannter Gemälde wie beispielsweise Arnold Böcklins (1827-1901) „Die Toteninsel“ genauso wie Kronleuchter, Gobelins und Nippes. Plüsch und Schwulst werden auch im Binnenraum des Hauses u Kennzeichen einer Epoche, die es aufgrund der unerhörten Steigerung der materiellen Mittel auf das Luxurieren, auf den demonstrativen Konsum hin angelegt hatte.
Die bürgerliche Wohnstube wird somit zum Zeugnis des wilhelminischen Kleingeistes.

— Nach Katharina Beisiegel, „Weltflucht und Fantasiewelten“. In: ERNST LUDWIG KIRCHNER.

Theodor Fontane, das Germanentum und Richard Wagner.

Theodor Fontane, das Germanentum und Richard Wagner.

 

Fontane reagierte heftig auf Richard Wagners Germanenkult – hier steigerte sich die Abneigung bis zu körperlichen Abwehrreaktionen.

Bei seinem Besuch der Bayreuther Wagner-Festspiele im Jahre 1889 verließ er trotz des teuer bezahlten Tickets beim „Parsifal“ nach wenigen Tönen fluchtartig den Konzertsaal: „Mir wird immer sonderbarer und als die Ouvertüre zu Ende geht, fühle ich deutlich ‚noch 3 Minuten und Du fällst ohnmächtig oder todt vom Sitz.‘ … Gott sei Dank, wurde mir auf mein Pochen die Tür geöffnet und als ich draußen war, erfüllte mich Preis und Dank.“ „Hundert Mark waren futsch“, resümierte Fontane.

Ein Wagnerianer auf dem Thron.

Die wilhelminische Zeit, von 1888-1918, wird geschichtlich als ruheloses Reich verstanden. Ambivalenz sei seine Signatur gewesen, dem Aufbruch der Abschied zugestellt. Tradition blieb noch machtvolles, suggestives Ritual. Preußische Adler hockten auf öffentlichen Gebäuden und evozierten eine Kontinuität, die längst im Bröckeln war. Bunte Kavalleriedefilees, siegestrunkene Kaisermanöver und glanzvolle Stapelläufe täuschten eine Sicherheit vor, die längst verloren war.
Ein Wagnerianer saß auf dem deutschen Thron. Wilhelm II. versuchte, stets im Mittelpunkt zu stehen, Stil und Stimmung zu prägen. Stets in Bewegung, vielfach auf Reisen, hielt er lärmende Reden; er wollte Härte zeigen, als Prototyp männlicher Kraft erscheinen; sein Leben war jedoch nur eine sorgfältige Maskerade; in Wahrheit zeigte er „weibische Züge“, hatte eine zarte Gesundheit, eine empfindliche Seele. Eine ahnungslos gegen sich selbst gerichtete Natur.
Die Defizite seiner Erziehung bestimmten sein Psychogramm: das bedrückende Verhältnis zu den Eltern, die überstrengen und verkrampften Methoden seines Erziehers, der Minderwertigkeitskomplex, den er wegen seines verkrüppelten linken Armes empfand, während er doch ganz aufs Männlich-Soldatische hin erzogen wurde.
Dieser Mann, dieser Propagandist des Militarismus und Imperialismus hatte den Ehrgeiz, opernhaft das darzustellen, was die Mehrheit des Volkes wünschte: Macht, Größe, Glanz, weshalb das loyale Bürgertum in Wilhelm II. die Verkörperung des Ideals sah. Die bourgeoise Phantasie war täglich angeregt und aufgeregt durch die Persönlichkeit des Kaisers. In allem letzte und höchste Instanz, fand Wilhelm II. nirgends Widerspruch.
Er umgab sich mit einem Geflecht von Männerfreundschaften, gefördert durch sein gebrochenes Verhältnis zum anderen Geschlecht und seine homoerotischen Neigungen. Er sonnte sich in der Liebedienerei seiner Gefährten. Von Besonderer Bedeutung war der Diplomat Philipp Fürst zu Eulenburg. Seine homosexuelle Disposition ließ ihn die Verbindung zum Kaiser besonders eng gestalten.
Mit seiner selbstgefälligen Ignoranz und feudalen Arroganz sowie seinem oberflächlichen Imponiergehabe war Wilhelm II. ein Prototyp der preußischen Offizierskaste, die ihn verehrte. Mit großer Pose und dröhnender Rhetorik verabschiedete er etwa am 27. Juli 1900 in Bremerhaven die zur Niederwerfung des chinesischen Boxeraufstandes and Bord gehenden Truppen. Vergeblich versuchte sein Staatssekretär Bernhard Fürst von Bülow den Pressebericht der Hunnenrede mit ihrem Ungeist zu unterbinden, deren rassistisch ausgerichteten Phantasmagorien Deutschlands Größe beschwörten. In ihrem Bekenntnis zu heroischem Deutschtum waren die Ressentiments gegenüber anderen Völkern sowie die Vorstellung vom deutschen Wesen, an dem die Welt genesen solle, eingeschmolzen.

This book is used at Vanderbilt University, 14th best university nationally, to teach modern German history to its students.

With regard to the unification of the two Germanies, the author writes in the book, “As far as the major powers of the Second World War were concerned, the formula of ‘Two plus Four’ was agreed at a meeting of NATO and Warsaw Pact foreign ministers in Ottawa on 13 February 1990. After the East German election, the (freely elected) governments of the two Germanies WOULD meet to formulate their plans. There WOULD then be a wider conference of the four former wartime allies – USSR, USA, Britain and France – to approve these plans (and to relinquish their rights in Berlin), plans which WOULD finally be confirmed by a broader group of the nations involved in the Conference on Security and Co-operation in Europe (CSCE) later in the year. A major problem at the international level related to the issue of future security arrangements. While Western powers were intent on a united Germany remaining in NATO, with the possible concession that no NATO troops should be stationed on what was formerly East German soil, the Soviet position was that a united Germany should be neutral. The Warsaw Pact was in any case changing in nature [?] … , and it was clear that in a fundamentally changed world system there WOULD need to be fundamental rethinking of European security arrangements.…
… the vote of 18 March 1990 was a decisive one in favour of rapid unification and the introduction of the West German Deutschmark under conservative auspices. … The masses, who for decades had suffered in passivity or retreated into their private niches of ‘grumbling and making do’, finally had their hour; and once again, the dissident intellectuals found themselves isolated. From the point of view of those who had led the peaceful revolution in the autumn, this was a deflection indeed from the vision of democratic socialism which had given them the courage … to risk their lives on the streets. The ‘Third Way’, once again in German history, APPEARED in this moment of historical transformation to represent, not so much a ‘missed opportunity’ as an unattainable mirage. The logic of the capitalist economy – in an ironic vindication of the materialistic determination of history – APPEARED to be having the last word.”

Practically all assertions in the above excerpt are suspended in the irreality by WOULD, APPEARED and vague terms and formulations, which at no point touches the ground level of truth of the real process of the unification of the two Germanies, rendering it to be vacuous garbage with which elite American university students are stuffed and brainwashed and charged millions of dollars. The entire process of unification was done over the heads of the German people who had human aspirations for their future, and which the author, adding insult to injury, calls an unattainable mirage.

„Im Anfang war die Tat!“

„Im Anfang war die Tat!“

Das deutsche Wirtschaftswunder.

Im Anfang war die Tat!“ – Goethe, FAUST I, 1237.

Heinrich Böll, „Es wird etwas geschehen. Eine handlungsstarke Geschichte. (1954).
Zu den merkwürdigsten Abschnitten meines Lebens gehört wohl der, den ich als Angestellter in Alfred Wunsiedels Fabrik zubrachte. Von Natur bin ich mehr dem Nachdenken und dem Nichtstun zugeneigt als der Arbeit, doch hin und wieder zwingen mich anhaltende finanzielle Schwierigkeiten – denn Nachdenken bringt so wenig ein wie Nichtstun -, eine sogenannte Stelle anzunehmen. Wieder einmal auf einem solchen Tiefpunkt angekommen, vertraute ich mich der Arbeitsvermittlung an und wurde mit sieben anderen Leidensgenossen in Wunsiedels Fabrik geschickt, wo wir einer Eignungsprüfung unterzogen werden sollten.
Schon der Anblick der Fabrik machte mich mißtrauisch: die Fabrik war ganz aus Glasziegeln gebaut, und meine Abneigung gegen helle Gebäude und helle Räume ist so stark wie meine Abneigung gegen die Arbeit. Noch mißtrauischer wurde ich, als uns in der hellen, fröhlich ausgemalten Kantine gleich ein Frühstück serviert wurde: hübsche Kellnerinnen brachten uns Eier, Kaffee und Toaste, in geschmackvollen Karaffen stand Orangensaft; Goldfische drückten ihre blasierten Gesichter gegen die Wände hellgrüner Aquarien. Die Kellnerinnen waren so fröhlich, daß sie vor Fröhlichkeit fast zu platzen schienen. Nur starke Willensanstrengung — so schien mir – hielt sie davon zurück, dauernd zu trällern. Sie waren mit ungesungenen Liedern so angefüllt wie Hühner mit ungelegten Eiern. Ich ahnte gleich, was meine Leidensgenossen nicht zu ahnen schienen: daß auch dieses Frühstück zur Prüfung gehöre; und so kaute ich hingebungsvoll, mit dem vollen Bewußtsein eines Menschen, der genau weiß, daß er seinem Körper wertvolle Stoffe zuführt. Ich tat etwas, wozu mich normalerweise keine Macht dieser Welt bringen würde: ich trank auf den nüchternen Magen Orangensaft, ließ den Kaffee und ein Ei stehen, den größten Teil des Toastes liegen, stand 318 auf und marschierte handlungsschwanger in der Kantine auf und ab.
So wurde ich als erster in den Prüfungsraum geführt, wo aufreizen- den Tischen die Fragebogen bereitlagen. Die Wände waren in einem Grün getönt, das Einrichtungsfanatikern das Wort »entzückend« auf die Lippen gezaubert hätte. Niemand war zu sehen, und doch war ich so sicher, beobachtet zu werden, daß ich mich be- nahm, wie ein Handlungsschwangerer sich benimmt, wenn er sich unbeobachtet glaubt: ungeduldig riß ich meinen Füllfederhalter aus der Tasche, schraubte ihn auf, setzte mich an den nächsten Tisch und zog den Fragebogen an mich heran, wie Choleriker Wirtshausrechnungen zu sich hinziehen.
Erste Frage: Halten Sie es für richtig, daß der Mensch nur zwei Arme, zwei Beine, Augen und Ohren hat?
Hier erntete ich zum ersten Male die Früchte meiner Nachdenklichkeit und schrieb ohne Zögern hin: » Selbst vier Arme, Beine, Ohren würden meinem Tatendrang nicht genügen. Die Ausstattung des Menschen ist kümmerlich. «
Zweite Frage: Wieviel Telefone können Sie gleichzeitig bedienen?
Auch hier war die Antwort so leicht wie die Lösung einer Gleichung ersten Grades. »Wenn es nur sieben Telefone sind«, schrieb ich, »werde ich ungeduldig, erst bei neun fühle ich mich vollkommen ausgelastet. «
Dritte Frage: Was machen Sie nach Feierabend?
Meine Antwort: »lch kenne das Wort Feierabend nicht mehr — an meinem fünfzehnten Geburtstag strich ich es aus meinem Vokabular, denn am Anfang war die Tat. «
Ich bekam die Stelle. Tatsächlich fühlte ich mich sogar mit den neun Telefonen nicht ganz ausgelastet. Ich rief in die Muscheln der Hörer: »Handeln Sie sofort!« oder: »Tun Sie etwas! – Es muß etwas geschehen — Es wird etwas geschehen —Es ist etwas geschehen — Es sollte etwas geschehen. « Doch meistens – denn das schien mir der Atmosphäre gemäß – bediente ich mich des Imperativs.
Interessant waren die Mittagspausen, wo wir in der Kantine, von lautloser Fröhlichkeit umgeben, vitaminreiche Speisen aßen. Es wimmelte in Wunsiedels Fabrik von Leuten, die verrückt darauf waren, ihren Lebenslauf zu erzählen, wie eben handlungsstarke Persönlichkeiten es gern tun. Ihr Lebenslauf ist ihnen wichtiger als ihr Leben, man braucht nur auf einen Knopf zu drücken, und schon erbrechen sie ihn in Ehren.
Wunsiedels Stellvertreter war ein Mann mit Namen Broschek, der seinerseits einen gewissen Ruhm erworben hatte, weil er als Student sieben Kinder und eine gelähmte Frau durch Nachtarbeit ernährt, zugleich vier Handelsvertretungen erfolgreich ausgeübt und dennoch innerhalb von zwei Jahren zwei Staatsprüfungen mit Auszeichnung bestanden hatte. Als ihn Reporter gefragt hatten: »Wann schlafen Sie denn, Broschek?«, hatte er geantwortet: » Schlafen ist Sünde !«
Wunsiedels Sekretärin hatte einen gelähmten Mann und vier Kin- der durch Stricken ernährt, hatte gleichzeitig in Psychologie und Heimatkunde promoviert, Schäferhunde gezüchtet und war als Barsängerin unter dem Namen Vamp 7 berühmt geworden.
Wunsiedel selbst war einer von den Leuten, die morgens, kaum erwacht, schon entschlossen sind, zu handeln, »lch muß handeln«, denken sie, während sie energisch den Gürtel des Bademantels zu- schnüren. »lch muß handeln«, denken sie, während sie sich rasieren, und sie blicken triumphierend auf die Barthaare, die sie mit dem Seifenschaum von ihrem Rasierapparat abspülen: Diese Reste der Behaarung sind die ersten Opfer ihres Tatendranges. Auch die intimeren Verrichtungen lösen Befriedigung bei diesen Leuten aus: Wasser rauscht, Papier wird verbraucht. Es ist etwas geschehen. Brot wird gegessen, dem Ei wird der Kopfabgeschlagen.
Die belangloseste Tätigkeit sah bei Wunsiedel wie eine Handlung aus: wie er den Hut aufsetzte, wie er — bebend vor Energie — den Mantel zuknöpfte, der Kuß, den er seiner Frau gab, alles war Tat.
Wenn er sein Büro betrat, rief er seiner Sekretärin als Gruß zu: »Es muß etwas geschehen!« Und diese rief frohen Mutes: »Es wird etwas geschehen!« Wunsiedel ging dann von Abteilung zu Abteilung, rief sein fröhliches: »Es muß etwas geschehen!« Alle antworteten: »Es wird etwas geschehen!« Und auch ich rief ihm, wenn er mein Zimmer betrat, strahlend zu: »Es wird etwas geschehen!«
Innerhalb der ersten Woche steigerte ich die Zahl der bedienten Telefone auf elf, innerhalb der zweiten Woche auf dreizehn, und es machte mir Spaß, morgens in der Straßenbahn neue Imperative zu erfinden oder das Verbum geschehen durch die verschiedenen Tempora, durch die verschiedenen Genera, durch Konjunktiv und Indi- kativ zu hetzen; zwei Tage lang sagte ich nur den einen Satz, weil ich ihn so schön fand: »Es hätte etwas geschehen müssen«, zwei weitere Tage lang einen anderen: »Das hätte nicht geschehen dürfen. «
So fing ich an, mich tatsächlich ausgelastet zu fühlen, als wirklich etwas geschah. An einem Dienstagmorgen — ich hatte mich noch gar nicht richtig zurechtgesetzt — stürzte Wunsiedel in mein Zimmer und rief sein »Es muß etwas geschehen!* Doch etwas Unerklärliches auf seinem Gesicht ließ mich zögern, fröhlich und munter, wie es vorgeschrieben war, zu antworten: »Es wird etwas geschehen!« Ich zögerte wohl zu lange, denn Wunsiedel, der sonst selten schrie, brüllte mich an: »Antworten Sie! Antworten Sie, wie es vorgeschrieben ist!« Und ich antwortete leise und widerstrebend wie ein Kind, das man zu sagen zwingt: ich bin ein böses Kind. Nur mit großer Anstrengung brachte ich den Satz heraus: »Es wird etwas geschehen«, und kaum hatte ich ihn ausgesprochen, da geschah tatsächlich etwas: Wunsiedel stürzte zu Boden, rollte im Stürzen auf die Seite und lag quer vor der offenen Tür. Ich wußte gleich, was sich mir bestätigte, als ich langsam um einen Tisch herum auf den Liegenden zuging: daß er tot war.
Kopfschüttelnd stieg ich über Wunsiedel hinweg, ging langsam durch den Flur zu Broscheks Zimmer und trat dort ohne anzuklopfen ein. Broschek saß an seinem Schreibtisch, hatte in jeder Hand einen Telefonhörer, im Mund einen Kugelschreiber, mit dem er Notizen auf einen Block schrieb, während er mit den bloßen Füßen eine Strickmaschine bediente, die unter dem Schreibtisch stand. Auf diese Weise trägt er dazu bei, die Bekleidung seiner Familie zu vervollständigen. »Es ist etwas geschehen«, sagte ich leise. Broschek spuckte den Kugelstift aus, legte die beiden Hörer hin, löste zögernd seine Zehen von der Strickmaschine.
»Was ist denn geschehen?« fragte er.
»Herr Wunsiedel ist tot«, sagte ich.
»Nein«, sagte Broschek.
»Doch«, sagte ich, »kommen Sie!«
»Nein«, sagte Broschek, »das ist unmöglich«, aber er schlüpfte in seine Pantoffeln und folgte mir über den Flur.
»Nein«, sagte er, als wir an Wunsiedels Leiche standen, mein, nein!« Ich widersprach ihm nicht. Vorsichtig drehte ich Wunsiedel auf den Rücken, drückte ihm die Augen zu und betrachtete ihn nachdenklich.
Ich empfand fast Zärtlichkeit für ihn, und zum ersten Male wurde mir klar, daß ich ihn nie gehaßt hatte. Auf seinem Gesicht war etwas, wie es auf den Gesichtern der Kinder ist, die sich hartnäckig weigern, ihren Glauben an den Weihnachtsmann aufzugeben, obwohl die Argumente der Spielkameraden so überzeugend klingen.
»Nein«, sagte Broschek, »nein.«
»Es muß etwas geschehen«, sagte ich leise zu Broschek.
»Ja«, sagte Broschek, »es muß etwas geschehen.«
Es geschah etwas: Wunsiedel wurde beerdigt, und ich wurde ausersehen, einen Kranz künstlicher Rosen hinter seinem Sarg herzutragen, denn ich bin nicht nur mit einem Hang zur Nachdenklichkeit und zum Nichtstun ausgestattet, sondern auch mit einer Gestalt und einem Gesicht, die sich vorzüglich für schwarze Anzüge eignen. Offenbar habe ich – mit dem Kranz künstlicher Rosen in der Hand hinter Wunsiedels Sarg hergehend — großartig ausgesehen. Ich erhielt das Angebot eines eleganten Beerdigungsinstituts, dort als berufsmäßiger Trauernder einzutreten. »Sie sind der geborene Trauernde*, sagte der Leiter des Instituts, »die Garderobe bekommen Sie gestellt. Ihr Gesicht – einfach großartig!«
Ich kündigte Broschek mit der Begründung, daß ich mich dort nicht richtig ausgelastet fühle, daß Teile meiner Fähigkeiten trotz der dreizehn Telefone brachlägen. Gleich nach meinem ersten berufsmäßigen Trauergang wußte ich: Hierhin gehörst du, das ist der Platz, der für dich bestimmt ist.
Nachdenklich stehe ich hinter dem Sarg in der Trauerkapelle, mit einem schlichten Blumenstrauß in der Hand, während Händels Largo gespielt wird, ein Musikstück, das viel zu wenig geachtet ist. Das Friedhofscafe ist mein Stammlokal, dort verbringe ich die Zeit zwischen meinen beruflichen Auftritten, doch manchmal gehe ich auch hinter Särgen her, zu denen ich nicht beordert bin, kaufe aus meiner Tasche einen Blumenstrauß und geselle mich zu dem Wohlfahrtsbeamten, der hinter dem Sarg eines Heimatlosen hergeht. Hin und wieder auch besuche ich Wunsiedels Grab, denn schließlich verdanke ich es ihm, daß ich meinen eigentlichen Beruf entdeckte, einen Beruf, bei dem Nachdenklichkeit geradezu erwünscht und Nichtstun meine Pflicht ist.
Spät erst fiel mir ein, daß ich mich nie für den Artikel interessiert habe, der in Wunsiedels Fabrik hergestellt wurde. Es wird wohl Seife gewesen sein.

Diskussionen

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„2021 wird der Anteil der Fremden und Personen mit Migrationshintergrund bereits ein Drittel der Bevölkerung betragen, 10 Jahre danach mehr als die Hälfte. Eine Umkehr ist jetzt schon unmöglich, dann aber erst recht nicht. Sollte irgendeine Partei oder politische Kraft wie durch ein Wunder an die Macht gelangen und es wagen, eine Politik für Deutsche und deutsche Interessen zu betreiben und die „Heimführung“ der Ausländer ins Auge fassen, würde es hier zu einem sehr schrecklichen Krieg kommen, in dem mehrheitlich junge und noch echte Ausländermänner siegen und die Einheimischen unterwerfen würden. Schon aus dieser Furcht heraus werden 2021 die meisten Deutschen wieder ihre eigenen Abschaffer wählen.“ — Akif Pirinçci

EIN DISKURS ZU OBIGEM ZITAT:
Er: Schauen wir mal, unser Spiel ist erst nach dem Abpfiff zu Ende. Ist natürlich äußerst brisant, weil der eigentliche Feind von den Deutschen, auch von denen die sich nicht aufgeben wollen kaum realisiert wird, obwohl das für einen klaren Verstand mit etwa alternativer Geschichtskenntnis und ein wenig Sinn für Revision ziemlich klar erkennbar ist.
Ich: Wie geht’s den Verlierern noch, Gerhard? Du weißt es doch!
Er: Stehe gerade auf dem Schlauch. Was meinst du?
Ich: Früher wurden sie mit Stumpf und Stiel ausgerottet. Jetzt aber biologisch mit Sex. Ist doch menschlicher, also ein Fortschritt. Vielleicht ist das mit ein Grund, weshalb du vor Sex zurückschreckst. Er bringt ein Lustgefühl; oder streitest du das ab?
Er: Sex und meine seelische Struktur sind miteinander nicht vereinbar. Sex paßt da nicht rein. Ich hab da früher sehr viele schmerzhafte und unschöne Erfahrungen gesammelt. Mir geht‘s ohne besser. Wenn man wirklich von tiefen sexuellen Affekten ergriffen wird, hat das für mich was Gefährliches. Ich gerate außer mir und drohe psychisch mich zu sprengen. Bin froh, wenn ich das Potential in Ruhe halten kann. An sich sehe ich aber Sex positiv, wenn man das gut mit sich vereinbaren kann. Sex dürfte heute teilweise sehr entgleisen etwa analog dem Materialismus, leicht vielleicht zu seelenlos. Wirklich tiefer Sex ist eine göttliche Angelegenheit, aber das kann ich nicht erreichen. Das man uns mit Sexualisierung versucht zu zerstören, daß heißt unsere abendländischen Seelischer Grundlagen zu zerstören, liegt auf der Hand.
Ich: Damit bist du nicht alleine, Gerhard. Turgenjew, dem großen russischen Dichter, erging es ähnlich. Dennoch pflegte er die Liebe und schuf eine große Dichtkunst aus ihrem Geiste.
Er: Ich verstehe, was du sagen willst. Ich backe tolle Sauerteigbrote. Richtiges Brot vermittelt ein unmittelbares Dankbarkeitsgefühl gegenüber dem Schöpfer, der dies gedeihen lies. Der sexuelle Konflikt erzwingt enorme Energie, die man auch kreativ und geistig einsetzen kann.
Ich: Ich bin überzeugt, dass ihr nicht die einzigen Menschen seid, bei denen sich das bestätigt hat. Die Vorstellung, dass man auf sexuellem Wege eine bestimmte Seelenkultur zerstören kann, teile ich allerdings nicht, denn deren Wesen ist nicht materialistisch-biologisch, positivistisch.
Er: Ghandi als Beispiel: Er beschreibt, daß er unter Fleischgenuß poppen mußte wie ein Kaninchen. Als Vegetarier wurde er frei davon und über Fastenperioden erfuhr er tiefe geistige Einsichten. (Ghandi: Mein Leben) Wie sollte eine solche hohe pertsönlich-geistige Kultur entstehen können, wenn die Sexualität so einen großen Raum einnimmt. — Auch unsere ganz normale Kultur und Arbeitswelt ist doch garnicht denkbar ohne größere Triebverdrängungen. – Afrikaner die mehr im Hier und Jetzt leben, werden in unserer Arbeitswelt nicht bestehen, jedenfalls nicht im Schnitt.
Ich: Den entscheidenden Faktor darüber, was ein Mensch jeweilig vermag oder nicht, sehe ich in dessen Bewusstseinsstatus.
Er: Sehe ich auch so, dieser ist aber von Einflüssen sehr abhängig. Alle Dinge die es in der Welt gibt haben neben anderem eine magische Wirkung. Diese kann ein sehr fein entwickelter Geist spüren und erkennen. Diese Wirkungen bilden insgesamt so eine kosmische (Ordnung) Ganzheit. Je nachdem was man ißt oder wo man sich aufhält, um nur zwei Einflußfaktoren zu nennen, hat dies auf den Bewußtseinsstatus Auswirkungen.
Ich: Der Mensch lebt in einer konkret-spezifischen Realität; mit dieser setzt sich der Geist, bzw. die Geistseele, entsprechend des jeweilig menschlichen Bewusstseinsstatus auseinander. (Diskursende.)