DER GROSSE ZUSAMMENHANG DER DINGE.

DER GROSSE ZUSAMMENHANG DER DINGE.

DER GROßE ZUSAMMENHANG DER DINGE.

Theodor Fontanes letzter Roman DER STECHLIN (1899) entwirft ein Bild der Gegenwart seiner Zeit: in ihm ist der märkische Adel und die Landbevölkerung, sowie die politischen, wissenschaftlich-technischen und medialen Revolution die Themen. Alle Lebensbereiche einer Gesellschaft im Umbruch werden darin berührt.
Fontane hat das Programm seines Romans wie folgt skizziert: „Titel: ‚Der Stechlin‘. In einem Waldwinkel der Grafschaft Ruppin liegt ein See, ‚Der Stechlin‘. Dieser See, klein und unbedeutend, hat die Besonderheit, mit der weiten Welt draußen in einer halb rätselhaften Verbindung zu stehen, und wenn in der Welt draußen ‚was los ist‘, wenn auf Island oder auf Java ein Berg Feuer speit und die Erde bebt, so macht der ‚Stechlin‘, klein und unbedeutend, wie er ist, die große Weltbewegung mit un sprudelt und wirft Strahlen und bildet Trichter. Und um dies und um DAS Thema dreht sich die ganze Geschichte. Alles Plauderei, Dialog, in dem sich die Charaktere geben, und mit ihnen die Geschichte.“
Der Roman kann als ein frühes Symbol einer „Globalisierung“ gelten. Das durchgehende dialektische Spannungsverhältnis von Alt und Neu ist im Landschaftsbild des Sees angelegt: Nach einem lokalen Mythos reagiert der See auf zeitaktuelle Ereignisse wie etwa politische Revolutionen. Es ist ein sehr moderner See, der per Telegraphie mit der Welt verbunden ist. Die neugeschaffenen weltweiten telegraphischen und telefonischen Vernetzungen zwischen Provinz und Welt verweisen auf die Gleichzeitigkeit eines synchronisierten Raumes. Das Modell der elektrifizierten neuen Nachrichtentechnik wurde auch auf die Medizin, Biologie und Psychologie übertragen. Das menschliche Nervensystem wurde mit dem durch die Kabeltelegraphie vernetzten Globus verglichen, bei dem die Reizung an einer Stelle einen unmittelbaren Reflex an einer anderen nach sich ziehe, so dass man die Telegraphenkabel insgesamt die Nerven der Menschheit nennen könne.
Den Nukleus des Romans bilden die beiden Familien Stechlin am Ruppiner See (Dubslav und seine Schwester Adelheid, sowie Sohn Woldemar) und die Barbys in Berlin (Graf Barby und seine beiden Töchter Melusine und Armgard). Um diese ziehen sich weitere Kreise, in denen nur geredet wird. Die familiären Ausgangssituationen werden zumeist in Form von Gegensatzpaaren eingeführt. Ganze Figurengruppen repräsentieren die durch die Weltvernetzung entstehende Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen. Wie Relikte aus einer lange zurückliegenden Vergangenheit treten die Stiftsdamen des abgeschiedenen Klosters Wutz auf. Sie verharren in völliger Isolation und Abschottung, hegen ein Misstrauen gegen alles, und verstehen sich als Wächterinnen über die reine Lehre der christlichen Orthodoxie. Am anderen Ende des Spektrums finden sich etwa Graf Barby oder der Journalist Doktor Pusch. Jener verweist nicht nur auf die weltpolitischen Herausforderungen, sondern erklärt darüber hinaus, Innenpolitik und Außenpolitik im Zusammenhang sehend, als deren Ursache die sozialen Spannungen innerhalb der europäischen Großmächte. Ähnlich welterfahren ist die Figur des Auslandskorrespondenten Doktor Pusch, der über Barby hinaus auch die Außenperspektive einnimmt und die Dinge von unterschiedlichen Seiten betrachtet.
Die Figuren positionieren sich durch ihr Sprach- und Kommunikationsverhalten und ihre Haltung zum Diskurs. Adelheids Tabuisierung vieler Themenfelder und prinzipielle Tendenz der Diskussions-Verweigerung äußern sich auch durch die Störungen in ihrer Stimme. Und die Mühlenbesitzer und kürzlich geadelten bourgeoisen Aufsteiger Herr und Frau Gundermann weisen sich durch ständige Wiederholung von Stereotypen aus.
Dubslav hingegen zeichnet sich durch seinen ironisch-selbstreflektierten Sprachgebrauch aus, setzt „hinter alles ein Fragezeichen“, hegt eine „Passion“ für „Paradoxe“ und kennt undogmatisch keine absolute Wahrheit: „Unanfechtbare Wahrheiten gibt es überhaupt nicht, und wenn es welche gibt, so sind sie langweilig.“
Im zentralen Dialog des 29. Kapitels kommen in der Pfarrei Melusine und Lorenzen zum vertrauten Vier-Augen-Gespräch und „revolutionären Diskursen“ zusammen. Darin offenbart sie Lorenzen: „Ich respektiere das Gegebene. Daneben aber freilich auch das Werdende, denn eben dies Werdende wird über kurz oder lang abermals ein Gegebenes sein. Alles Alte, soweit es Anspruch darauf hat, sollen wir lieben, aber für das Neue sollen wir recht eigentlich leben.“ In der Ausdeutung des Symbolgehalts des Sees verweist sie auf den durch die Weltvernetzung der Moderne sich ergebenden „großen Zusammenhang“, dem man sich offen und ohne bornierte Abschottung zu stellen habe: „Und vor allem sollen wir, wie der Stechlin uns lehrt, den großen Zusammenhang der Dinge nie vergessen. Sich abschließen, heißt sich einmauern, und sich einmauern ist Tod.“ Am Ende des Romans wird dies in einem brieflich übermittelten Schlusswort Melusines an Pastor Lorenzen noch einmal bekräftigt: „Und nun, lieber Pastor, noch einmal das eine. Erinnern Sie sich unsres geschlossenen Paktes: es ist nicht nötig, dass die Stechline weiterleben, aber es lebe / DER STECHLIN.“ Lorenzen skizziert in seiner Antwort eine Gesellschaft, die nicht mehr ausschließlich durch Herkunft, Stand und eingefrorene Tradition, sondern durch Freiheit, Talent und soziale Mobilität gekennzeichnet ist.
An die Stelle der alten Herrschaftselite treten „Erfinder und Entdecker“. Industrielle, Ingenieure, Naturwissenschaftler, Mediziner, Pharmakologen, Architekten, Bildungsreformer nennt Fontane als Beispiele für einen „neuen Adel, wenn auch ohne ‚von‘, von dem die Welt wirklich was hat, neuzeitliche VORBILDER (denn dies ist die eigentliche Adelsaufgabe), die, moralisch und intellektuell, die Welt fördern und ihre Lebensaufgabe nicht in egoistischer Einpöklung abgestorbener Dinge suchen“.
Diese Erfinder und Entdecker deutet Lorenzen als Vorboten einer politischen Veränderung der Gesellschaft, wobei sich deren Merkmale „demokratisch“, „weit“ und „frei“ gegenseitig bedingen: „wohin wir sehen, stehen wir im Zeichen einer demokratischen Weltanschauung. Eine neue Zeit bricht an. Ich glaube, eine bessere und eine glücklichere. Aber wenn auch nicht eine glücklichere, so doch mindestens eine Zeit mit mehr Sauerstoff in der Luft, eine Zeit, in der wir besser atmen können. Und je freier man atmet, je mehr lebt man.“
--- Nach Iwan-Michelangelo D'Aprile, "Fontane: Ein Jahrhundert in Bewegung". Rowohlt Verlag, 2018.

„Im Anfang war die Tat!“

„Im Anfang war die Tat!“

Das deutsche Wirtschaftswunder.

Im Anfang war die Tat!“ – Goethe, FAUST I, 1237.

Heinrich Böll, „Es wird etwas geschehen. Eine handlungsstarke Geschichte. (1954).
Zu den merkwürdigsten Abschnitten meines Lebens gehört wohl der, den ich als Angestellter in Alfred Wunsiedels Fabrik zubrachte. Von Natur bin ich mehr dem Nachdenken und dem Nichtstun zugeneigt als der Arbeit, doch hin und wieder zwingen mich anhaltende finanzielle Schwierigkeiten – denn Nachdenken bringt so wenig ein wie Nichtstun -, eine sogenannte Stelle anzunehmen. Wieder einmal auf einem solchen Tiefpunkt angekommen, vertraute ich mich der Arbeitsvermittlung an und wurde mit sieben anderen Leidensgenossen in Wunsiedels Fabrik geschickt, wo wir einer Eignungsprüfung unterzogen werden sollten.
Schon der Anblick der Fabrik machte mich mißtrauisch: die Fabrik war ganz aus Glasziegeln gebaut, und meine Abneigung gegen helle Gebäude und helle Räume ist so stark wie meine Abneigung gegen die Arbeit. Noch mißtrauischer wurde ich, als uns in der hellen, fröhlich ausgemalten Kantine gleich ein Frühstück serviert wurde: hübsche Kellnerinnen brachten uns Eier, Kaffee und Toaste, in geschmackvollen Karaffen stand Orangensaft; Goldfische drückten ihre blasierten Gesichter gegen die Wände hellgrüner Aquarien. Die Kellnerinnen waren so fröhlich, daß sie vor Fröhlichkeit fast zu platzen schienen. Nur starke Willensanstrengung — so schien mir – hielt sie davon zurück, dauernd zu trällern. Sie waren mit ungesungenen Liedern so angefüllt wie Hühner mit ungelegten Eiern. Ich ahnte gleich, was meine Leidensgenossen nicht zu ahnen schienen: daß auch dieses Frühstück zur Prüfung gehöre; und so kaute ich hingebungsvoll, mit dem vollen Bewußtsein eines Menschen, der genau weiß, daß er seinem Körper wertvolle Stoffe zuführt. Ich tat etwas, wozu mich normalerweise keine Macht dieser Welt bringen würde: ich trank auf den nüchternen Magen Orangensaft, ließ den Kaffee und ein Ei stehen, den größten Teil des Toastes liegen, stand 318 auf und marschierte handlungsschwanger in der Kantine auf und ab.
So wurde ich als erster in den Prüfungsraum geführt, wo aufreizen- den Tischen die Fragebogen bereitlagen. Die Wände waren in einem Grün getönt, das Einrichtungsfanatikern das Wort »entzückend« auf die Lippen gezaubert hätte. Niemand war zu sehen, und doch war ich so sicher, beobachtet zu werden, daß ich mich be- nahm, wie ein Handlungsschwangerer sich benimmt, wenn er sich unbeobachtet glaubt: ungeduldig riß ich meinen Füllfederhalter aus der Tasche, schraubte ihn auf, setzte mich an den nächsten Tisch und zog den Fragebogen an mich heran, wie Choleriker Wirtshausrechnungen zu sich hinziehen.
Erste Frage: Halten Sie es für richtig, daß der Mensch nur zwei Arme, zwei Beine, Augen und Ohren hat?
Hier erntete ich zum ersten Male die Früchte meiner Nachdenklichkeit und schrieb ohne Zögern hin: » Selbst vier Arme, Beine, Ohren würden meinem Tatendrang nicht genügen. Die Ausstattung des Menschen ist kümmerlich. «
Zweite Frage: Wieviel Telefone können Sie gleichzeitig bedienen?
Auch hier war die Antwort so leicht wie die Lösung einer Gleichung ersten Grades. »Wenn es nur sieben Telefone sind«, schrieb ich, »werde ich ungeduldig, erst bei neun fühle ich mich vollkommen ausgelastet. «
Dritte Frage: Was machen Sie nach Feierabend?
Meine Antwort: »lch kenne das Wort Feierabend nicht mehr — an meinem fünfzehnten Geburtstag strich ich es aus meinem Vokabular, denn am Anfang war die Tat. «
Ich bekam die Stelle. Tatsächlich fühlte ich mich sogar mit den neun Telefonen nicht ganz ausgelastet. Ich rief in die Muscheln der Hörer: »Handeln Sie sofort!« oder: »Tun Sie etwas! – Es muß etwas geschehen — Es wird etwas geschehen —Es ist etwas geschehen — Es sollte etwas geschehen. « Doch meistens – denn das schien mir der Atmosphäre gemäß – bediente ich mich des Imperativs.
Interessant waren die Mittagspausen, wo wir in der Kantine, von lautloser Fröhlichkeit umgeben, vitaminreiche Speisen aßen. Es wimmelte in Wunsiedels Fabrik von Leuten, die verrückt darauf waren, ihren Lebenslauf zu erzählen, wie eben handlungsstarke Persönlichkeiten es gern tun. Ihr Lebenslauf ist ihnen wichtiger als ihr Leben, man braucht nur auf einen Knopf zu drücken, und schon erbrechen sie ihn in Ehren.
Wunsiedels Stellvertreter war ein Mann mit Namen Broschek, der seinerseits einen gewissen Ruhm erworben hatte, weil er als Student sieben Kinder und eine gelähmte Frau durch Nachtarbeit ernährt, zugleich vier Handelsvertretungen erfolgreich ausgeübt und dennoch innerhalb von zwei Jahren zwei Staatsprüfungen mit Auszeichnung bestanden hatte. Als ihn Reporter gefragt hatten: »Wann schlafen Sie denn, Broschek?«, hatte er geantwortet: » Schlafen ist Sünde !«
Wunsiedels Sekretärin hatte einen gelähmten Mann und vier Kin- der durch Stricken ernährt, hatte gleichzeitig in Psychologie und Heimatkunde promoviert, Schäferhunde gezüchtet und war als Barsängerin unter dem Namen Vamp 7 berühmt geworden.
Wunsiedel selbst war einer von den Leuten, die morgens, kaum erwacht, schon entschlossen sind, zu handeln, »lch muß handeln«, denken sie, während sie energisch den Gürtel des Bademantels zu- schnüren. »lch muß handeln«, denken sie, während sie sich rasieren, und sie blicken triumphierend auf die Barthaare, die sie mit dem Seifenschaum von ihrem Rasierapparat abspülen: Diese Reste der Behaarung sind die ersten Opfer ihres Tatendranges. Auch die intimeren Verrichtungen lösen Befriedigung bei diesen Leuten aus: Wasser rauscht, Papier wird verbraucht. Es ist etwas geschehen. Brot wird gegessen, dem Ei wird der Kopfabgeschlagen.
Die belangloseste Tätigkeit sah bei Wunsiedel wie eine Handlung aus: wie er den Hut aufsetzte, wie er — bebend vor Energie — den Mantel zuknöpfte, der Kuß, den er seiner Frau gab, alles war Tat.
Wenn er sein Büro betrat, rief er seiner Sekretärin als Gruß zu: »Es muß etwas geschehen!« Und diese rief frohen Mutes: »Es wird etwas geschehen!« Wunsiedel ging dann von Abteilung zu Abteilung, rief sein fröhliches: »Es muß etwas geschehen!« Alle antworteten: »Es wird etwas geschehen!« Und auch ich rief ihm, wenn er mein Zimmer betrat, strahlend zu: »Es wird etwas geschehen!«
Innerhalb der ersten Woche steigerte ich die Zahl der bedienten Telefone auf elf, innerhalb der zweiten Woche auf dreizehn, und es machte mir Spaß, morgens in der Straßenbahn neue Imperative zu erfinden oder das Verbum geschehen durch die verschiedenen Tempora, durch die verschiedenen Genera, durch Konjunktiv und Indi- kativ zu hetzen; zwei Tage lang sagte ich nur den einen Satz, weil ich ihn so schön fand: »Es hätte etwas geschehen müssen«, zwei weitere Tage lang einen anderen: »Das hätte nicht geschehen dürfen. «
So fing ich an, mich tatsächlich ausgelastet zu fühlen, als wirklich etwas geschah. An einem Dienstagmorgen — ich hatte mich noch gar nicht richtig zurechtgesetzt — stürzte Wunsiedel in mein Zimmer und rief sein »Es muß etwas geschehen!* Doch etwas Unerklärliches auf seinem Gesicht ließ mich zögern, fröhlich und munter, wie es vorgeschrieben war, zu antworten: »Es wird etwas geschehen!« Ich zögerte wohl zu lange, denn Wunsiedel, der sonst selten schrie, brüllte mich an: »Antworten Sie! Antworten Sie, wie es vorgeschrieben ist!« Und ich antwortete leise und widerstrebend wie ein Kind, das man zu sagen zwingt: ich bin ein böses Kind. Nur mit großer Anstrengung brachte ich den Satz heraus: »Es wird etwas geschehen«, und kaum hatte ich ihn ausgesprochen, da geschah tatsächlich etwas: Wunsiedel stürzte zu Boden, rollte im Stürzen auf die Seite und lag quer vor der offenen Tür. Ich wußte gleich, was sich mir bestätigte, als ich langsam um einen Tisch herum auf den Liegenden zuging: daß er tot war.
Kopfschüttelnd stieg ich über Wunsiedel hinweg, ging langsam durch den Flur zu Broscheks Zimmer und trat dort ohne anzuklopfen ein. Broschek saß an seinem Schreibtisch, hatte in jeder Hand einen Telefonhörer, im Mund einen Kugelschreiber, mit dem er Notizen auf einen Block schrieb, während er mit den bloßen Füßen eine Strickmaschine bediente, die unter dem Schreibtisch stand. Auf diese Weise trägt er dazu bei, die Bekleidung seiner Familie zu vervollständigen. »Es ist etwas geschehen«, sagte ich leise. Broschek spuckte den Kugelstift aus, legte die beiden Hörer hin, löste zögernd seine Zehen von der Strickmaschine.
»Was ist denn geschehen?« fragte er.
»Herr Wunsiedel ist tot«, sagte ich.
»Nein«, sagte Broschek.
»Doch«, sagte ich, »kommen Sie!«
»Nein«, sagte Broschek, »das ist unmöglich«, aber er schlüpfte in seine Pantoffeln und folgte mir über den Flur.
»Nein«, sagte er, als wir an Wunsiedels Leiche standen, mein, nein!« Ich widersprach ihm nicht. Vorsichtig drehte ich Wunsiedel auf den Rücken, drückte ihm die Augen zu und betrachtete ihn nachdenklich.
Ich empfand fast Zärtlichkeit für ihn, und zum ersten Male wurde mir klar, daß ich ihn nie gehaßt hatte. Auf seinem Gesicht war etwas, wie es auf den Gesichtern der Kinder ist, die sich hartnäckig weigern, ihren Glauben an den Weihnachtsmann aufzugeben, obwohl die Argumente der Spielkameraden so überzeugend klingen.
»Nein«, sagte Broschek, »nein.«
»Es muß etwas geschehen«, sagte ich leise zu Broschek.
»Ja«, sagte Broschek, »es muß etwas geschehen.«
Es geschah etwas: Wunsiedel wurde beerdigt, und ich wurde ausersehen, einen Kranz künstlicher Rosen hinter seinem Sarg herzutragen, denn ich bin nicht nur mit einem Hang zur Nachdenklichkeit und zum Nichtstun ausgestattet, sondern auch mit einer Gestalt und einem Gesicht, die sich vorzüglich für schwarze Anzüge eignen. Offenbar habe ich – mit dem Kranz künstlicher Rosen in der Hand hinter Wunsiedels Sarg hergehend — großartig ausgesehen. Ich erhielt das Angebot eines eleganten Beerdigungsinstituts, dort als berufsmäßiger Trauernder einzutreten. »Sie sind der geborene Trauernde*, sagte der Leiter des Instituts, »die Garderobe bekommen Sie gestellt. Ihr Gesicht – einfach großartig!«
Ich kündigte Broschek mit der Begründung, daß ich mich dort nicht richtig ausgelastet fühle, daß Teile meiner Fähigkeiten trotz der dreizehn Telefone brachlägen. Gleich nach meinem ersten berufsmäßigen Trauergang wußte ich: Hierhin gehörst du, das ist der Platz, der für dich bestimmt ist.
Nachdenklich stehe ich hinter dem Sarg in der Trauerkapelle, mit einem schlichten Blumenstrauß in der Hand, während Händels Largo gespielt wird, ein Musikstück, das viel zu wenig geachtet ist. Das Friedhofscafe ist mein Stammlokal, dort verbringe ich die Zeit zwischen meinen beruflichen Auftritten, doch manchmal gehe ich auch hinter Särgen her, zu denen ich nicht beordert bin, kaufe aus meiner Tasche einen Blumenstrauß und geselle mich zu dem Wohlfahrtsbeamten, der hinter dem Sarg eines Heimatlosen hergeht. Hin und wieder auch besuche ich Wunsiedels Grab, denn schließlich verdanke ich es ihm, daß ich meinen eigentlichen Beruf entdeckte, einen Beruf, bei dem Nachdenklichkeit geradezu erwünscht und Nichtstun meine Pflicht ist.
Spät erst fiel mir ein, daß ich mich nie für den Artikel interessiert habe, der in Wunsiedels Fabrik hergestellt wurde. Es wird wohl Seife gewesen sein.

Die Henkersmahlzeit

Die Henkersmahlzeit

Er hat nicht gewusst, dass es so gutes Essen gibt. Sein Lebtag ist ihm so etwas nicht begegnet. Er hat gemeint, die Henkersmahlzeit käme nur in Redensarten vor.
Meister Tilmann ist auch ein Meister des Heilens. Doch das Gefühl ist nicht zurückgekehrt in seine gequetschten Finger. Er schließt die Augen. Er hört die Hühner im Stall nebenan scharren, er hört das Schnarchen des Mannes, der sein Fürsprecher hat sein wollen und jetzt angekettet im Heu liegt. Während er kaut, versucht er, sich vorzustellen, dass er nie erfahren, wie der Prozess dieses Mannes ausgeht. Er wird dann nämlich tot sein. Er wird auch nicht erfahren, wie das Wetter übermorgen ist. Er wird dann tot sein. Oder ob es morgen Nacht wieder regnet. Aber das ist ja auch egal, wen interessiert schon der Regen.

Nur seltsam ist es doch: Jetzt sitzt du noch hier und kannst alle Zahlen herbeten, aber übermorgen wirst du entweder ein Luftwesen sein oder aber eine Seele, die in einem Menschen oder Tier wieder zur Welt kommt und sich an den Müller, der du noch bist, kaum erinnert – aber wenn man so ein Wiesel ist oder ein Huhn oder ein Spatz auf dem Zweig und nicht einmal weiß, dass man einmal ein Müller gewesen ist, der sich mit der Bahn des Mondgestirns beschäftigt hat, ja wenn man so von Ast zu Ast hüpft und nur über Körner und natürlich die Bussarde nachdenkt, denen man entkommen muss, was für eine Bedeutung hat es dann eigentlich noch, dass man einst ein Müller war, von dem man nichts mehr weiß?
Claus isst weiter. Wieder versucht er, es sich vorzustellen: Die Häuser da draußen, die Vögel am Himmel, die Wolken, der braungrüne Erdboden mit Gras und Feldern und all den Maulwurfshügeln im Frühling, denn die Maulwürfe wirst du nicht los, mit keinem Kraut und keinem Spruch, und der Regen natürlich – all das weiterhin, aber er nicht.
Nur kann er sich das nicht vorstellen. Denn immer wenn er sich eine Welt ohne Claus Ulenspiegel ausmalt, schmuggelt seine Einbildung genau jenen Claus Ulenspiegel, den sie wegschaffen sollte, wieder hinein – als Unsichtbaren, als Auge ohne Körper, als Gespenst. Wenn er sich aber wirklich ganz und gar wegdenkt, so verschwindet die Welt, die er sich ohne Claus Ulenspiegel vorstellen möchte, mit ihm. So oft er es auch versucht, es ist immer das Gleiche. Darf er daraus schließen, dass er in Sicherheit ist? Dass er gar nicht weg sein kann, weil die Welt ja schließlich nicht verschwinden darf und weil sie aber verschwinden müsste ohne ihn?

Er betrachtet die Wand des Stalls. Wenn man kurz vor Mitternacht den Namen des Allmächtigen anruft, dann erscheint eine Tür, und man kann sich davonmachen. Das Problem wären nur die Ketten, denn um die loszuwerden, bräuchte man den Absud von Zinnkraut: er müsste also mit Ketten fliehen und unterwegs Zinnkraut finden, aber Claus ist müde, und sein Körper schmerzt, und jetzt ist auch nicht die Jahreszeit für Zinnkraut.
Und es ist schwierig, anderswo neu anzufangen. Früher wäre es gegangen, aber jetzt ist er älter und hat nicht mehr die Kraft, wieder ein ehrloser fahrender Geselle zu sein, ein verachteter Taglöhner am Rand irgendeines Dorfes, ein von allen gemiedener Fremder. Man könnte nicht einmal als Heiler arbeiten, weil das auffallen würde. Nein, gehängt zu werden ist leichter. Wie sagte es noch Meister Tilmann? „Hängen ist nichts. Das geht schnell. Du steigst aufs Gerüst, kaum versiehst du dich, stehst schon vor dem Schöpfer.“
Und wenn es so sein sollte, dass man sich nach dem Tod an das, was vorher war, erinnert, so könnte einen das im Weltwissen weiter voranbringen als zehn Jahre des Suchens und Forschens. Vielleicht liegt es an dem Wein und der warmen Wohligkeit, die Claus zum ersten Mal im Leben erfasst, jedenfalls will er nicht mehr hinaus. Mag die Wand bleiben, wo sie ist.

Claus überlegt. Es ist offensichtlich, dass er etwas falsch gemacht hat in seinem dummen Kopf, sonst wäre er nicht hier. Aber er weiß nicht so recht, was es eigentlich war, was in seinem kurzen Leben, in dem es ohnehin nicht viel Ordnung gab, passiert ist. Mal ist er hier gewesen, mal dort, dann anderswo, und dann war er plötzlich im Mehlstaub, und die Frau war unzufrieden, und die Knechte hatten keinen Respekt, und jetzt ist er in Ketten, und das ist schon alles gewesen.
Claus reibt sich die Stirn. Seine Ketten klirren. An der Stirn fühlt er den Abdruck des Lederbandes. Höllisch weh getan hat es, er erinnert sich noch an jede Sekunde, die er geheult und gebettelt hat, aber Meister Tilman hat es erst gelockert, als er noch einen weiteren Hexensabbat erfunden und beschrieben hat. „Genau zwölftausend?“
„Natürlich“, sagt der Mann im Heu.

--- Nach Daniel Kehlmann, TYLL.

Der Mensch kommt in der Moderne weder mit der Geburt noch durch Lernen, auch nicht durch „Entwicklung“ zur Welt, weil psychologisch die Welt für die Seele in zwei unvereinbare Extreme auseinandergefallen ist. Damit hat sich für das Bewusstsein eine Verlagerung des Orts der Wahrheit hin zu dem stattgefunden, was nur eine herausgefällte „Hälfte“ ist. Wir leben heute in einer psychologisch dissoziierten Welt.
Der neuzeitliche Mensch verdankt jetzt sein zur Welt Kommen der psychologischen Wahrheit, eines Mehrwerts – von der Seele unter Mitwirkung des Menschen schöpferisch erzeugt – durch den sich die Menschwerdung des Menschen ereignet, religiös gesprochen seine Wiedergeburt.
Das besagt, dass es sich nicht um die Auffindung und Gewinnung von etwas schon, wenn auch zunächst nur verborgen, Vorhandenem handelt, sondern um etwas ganz und gar Neues, das in der „Natur“ nicht vorkommt. Es ist „künstlich“, reiner Überfluss über das Natürliche hinaus, gewissermaßen ein unnützes „Nichts“, weil es nichts positiv in der Natur des Menschen Vorfindliches ist. Aber diesem „Nichts“ verdankt der Mensch in unserer Zeit seine Menschwerdung
Dieses „Nichts“, durch den sich überhaupt erst die Menschwerdung ereignet, erfolgt nur immanent, nicht empirisch, in der Weise der Er-innerung, nur innerhalb seiner realen Menschlichkeit in ihre eigene innere Tiefe hinein. Dabei geht es wohlgemerkt nicht um eine Erinnerung in oder an etwas längst Gegebenes, das nur zunächst unbewusst oder vergessen gewesen wäre.

The Soul as the Source and Origin of the Art of W. Kandinsky and Russian Peasant Law.

The Soul as the Source and Origin of the Art of W. Kandinsky and Russian Peasant Law.

After the emancipation of the peasants in Russia, the government gave them economic self-government, which made them, unexpectedly for many, politically mature, and an own court, where, to some extent, the judges who were elected by the peasants are authorized to resolve disputes and punish criminal offences as well. And it was here that the peasants came up with the humane principle, according to which to punish severely those who had committed wrongs of a more minor nature, and to punish lightly or not at all those who were guilty of offences of a more serious type. The peasants’ term for this is: “According to the individual person.” No rigid law was formed (such as in Roman law – especially JUS STRICTUM!), but rather an utterly flexible and democratically free form that is not determined by outward appearance, HOWEVER exclusively by the INNER MIND.
When it comes to imposing a penalty on the offender, then the district court frequently considers whether the culprit has become delinquent for the first time, or whether he has frequently come in conflict with the law, WHAT SORT OF PERSON HE IS AT ALL, and whether he has made or denied a confession.
Roman law that captivated me by the keen, conscious, highly refined construction, but could not, the Slav, ultimately satisfy me as a much too cold, overly rationalized, rigid logic; the history of Russian law and peasant law, which, as the opposite to Roman law, put me in great admiration as the liberation and fortunate solution to the fundamental law, and which won my profound love.

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Ikonenmalerei, Rechtsprechung und Wassily Kandinskys Kunstidee, Teil II

Ikonenmalerei, Rechtsprechung und Wassily Kandinskys Kunstidee, Teil II

Die nebensächlichen Formen, die ich der Kunst stellte, fielen allmählich. Sie fallen zugunsten nur einer einzigen Forderung: der Forderung des INNEREN  Lebens im Werke. Hier bemerkte ich zu meiner Überraschung, dass diese Forderung auf der Basis gewachsen ist, die der moralischen Wertungsgrundlage entspricht. Ich bemerkte, dass diese Kunstanschauung christlich ist und dass sie in derselben Zeit die nötigen Elemente zum Empfang der „dritten“ Offenbarung, der Offenbarung des Geistes, in sich birgt.

In diesem Sinne ist auch das oben erwähnte Bauernrecht christlich und soll dem heidnischen römischen Recht entgegengestellt werden. Die innere Qualifikation kann bei kühner Logik so erklärt werden: diese Handlung ist bei diesem Menschen kein Verbrechen, wenn sie bei anderen Menschen im allgemeinen für ein Verbrechen angesehen wird. Also: in diesem Falle ist ein Verbrechen kein Verbrechen. Und weiter: absolutes Verbrechen existiert nicht. (Welcher Gegensatz zu nulla poena sine lege!) Noch weiter: nicht die Tat (Reales), sondern ihre Wurzel (Abstraktes) bildet Böses (und Gutes). Und schließlich: jede Tat ist gleichgültig vom moralischen Standpunkt aus. Sie steht auf der Kante. Der Wille versetzt ihr den Stoß – sie fällt nach rechts oder nach links. Die äußere Biegsamkeit und die innere Präzisität ist in diesem Fall bei dem russischen Volk sehr entwickelt, und ich glaube nicht zu übertreiben, wenn ich eine starke Fähigkeit zu dieser Entwicklung überhaupt bei den Russen anerkenne. Es ist also kein Wunder, wenn Völker, die sich in den oft wertvollen Prinzipien des formellen, äußerlich sehr präzisen römischen Geistes entwickelt haben (man denke an das jus strictum der früheren Periode), sich entweder mit Kopfschütteln oder mit verächtlichem Tadel dem russischen Leben gegenüberstellen. Besonders die oberflächliche Beobachtung lässt in diesem, dem fremden Auge merkwürdigen Leben nur die Weichheit und die äußere Biegsamkeit sehen, die für Haltlosigkeit angesehen wird, weil die innere Präzisität in der Tiefe liegt. Und das hat zur Folge, dass die freidenkenden Russen anderen Völkern gegenüber viel mehr Duldsamkeit zeigen, als ihnen gezeigt wird. Und dass diese Duldsamkeit in vielen Fällen sich in Begeisterung verwandelt.

Die allmähliche Befreiung des Geistes – das Glück unserer Tage – ist für mich die Ursache jenes echten Interesses und des immer häufiger anzutreffenden „Glaubens“ an Russland, von dem frei denkende Deutsche mehr und mehr ergriffen werden. Es berührte mich irgendwie merkwürdig und angenehm, unter meinen Besuchern auch Schweizer, Holländer und Engländer von genau dem gleichen Schlage zu finden. In der Kriegszeit, während meines Aufenthalts in Schweden, hatte ich das Glück, auch Schweden von der gleichen Geistesart zu treffen. So wie die Berge langsam und unaufhaltsam abgetragen werden, ebenso langsam und unaufhaltsam verschwinden die Grenzen zwischen den Völkern. Und bald wird „Menschheit“ kein leeres Wort mehr sein.

KANDINSKY - I spy with my little eye

Kandinsky : L'exposition

Ikonenmalerei, Rechtsprechung und Wassily Kandinskys Kunstidee, Teil I

Ikonenmalerei, Rechtsprechung und Wassily Kandinskys Kunstidee, Teil I

Nach der Emanzipation der Bauern in Russland im Jahre 1861 gab ihnen die Regierung eine wirtschaftliche Selbstverwaltung, die die Bauern für viele unerwartet politisch reif machte, und das eigene Gericht, wo bis zu gewissen Grenzen die von den Bauern unter sich gewählten Richter Streite lösen und auch kriminelle Vergehen bestrafen dürfen. Und gerade hier hat das Volk das menschliche Prinzip gefunden, um geringere Schuld schwer zu bestrafen und schwerere gering oder gar nicht. Der Bauernausdruck dafür ist: „ Je nach dem Menschen.“ Es wurde kein steifes Gesetz gebildet (wie z.B. im römischen Recht – besonders JUS STRICTUM!), sondern eine äußerst biegsame und freiheitliche Form, die nicht durch das Äußere, JEDOCH ausschließlich durch das INNERE bestimmt wird.
Gilt es, dem Schuldigen eine Strafe aufzuerlegen, so zieht das Bezirksgericht sehr oft in Betracht, ob der Schuldige zum erstenmal straffällig geworden ist oder ob er schon öfter mit dem Gesetz in Konflikt geraten ist, WAS ER ÜBERHAUPT FÜR EIN MENSCH IST, und ob er ein Geständnis abgelegt oder geleugnet hat.
Ich wurde von verschiedenen Wissenschaften angezogen: das römische Recht. das mich durch die feine, bewusste, hochraffinierte Konstruktion bezauberte, das mich, den Slawen, aber schließlich als eine viel zu kalte, viel zu vernünftige, unbiegsame Logik nicht befriedigen konnte, die Geschichte des russischen Rechtes und das Bauernrecht, das als Gegensatz zum römischen Recht mich als Befreiung und glückliche, fast ideale Lösung des fundamentalen Gesetzes in große Bewunderung versetzte und meine tiefe Liebe gewann.
Es macht mir eine unendliche Freude, wenn ich daran denke, dass ich das Prinzip der Kunst auf der inneren Notwendigkeit basierte: nachdem mein „Geistiges“ schon als Buch
[„Über das Geistige in der Kunst“] erschien, erinnerte ich mich an dieses juristische Prinzip und bemerkte, dass meine ganze Kunstidee aus dem Boden der Volksseele herausgewachsen war. [Beachte!: „Ich hatte aber den Eindruck, hier käme die Malerei selbst an den Vordergrund, und ich fragte mich, ob man nicht noch viel weiter auf diesem Wege gehen könne. Seitdem sah ich die russische Ikonenmalerei mit anderen Augen, das heißt, ich „bekam Augen“ für das Abstrakte in der Malerei.“ – Nina Kandinsky in dem Vorwort zu der Ausstellung „George Braque – Wassily Kandinsky – Pablo Picasso“. Das Geistig-Abstrakte der Ikonenmalerei, vermittelt durch die Seele des russischen Volkes, wird hier als die eigentliche Wurzel von Kandinskys Kunstidee konstatiert!]
In herzlicher Dankbarkeit erinnere ich mich der wahrhaft freundlichen und warmherzigen Hilfe durch Prof. A.N. Filippov, durch den ich zum ersten Mal von dem humanen Prinzip des „Je nach dem Menschen“ hörte, das vom russischen Volk bei der Verurteilung krimineller Vergehen zu Grunde gelegt und von den Bezirksrichtern angewandt wird. Dieses Prinzip stützt sich beim Urteil weniger auf die ÄUßERE Tatsache des Vergehens, als auf seine INNERE Quelle – die Seele des Täters. Welche Nähe zur Grundlage der Kunst!
--- Aus: „Rückblicke“, 1913, von Wassily Kandinsky. (Von mir erstellt.)

Wassily Kandinsky cover by Mozart Piano concerto No.23 A major 1st. movement

KANDINSKY! Der offizielle Film zur weltweiten Ausstellung

What is restorative justice?

What is restorative justice?

Glenn Funk, Tennessee Davidson County District Attorney General, wants a restorative justice program in Nashville. Mayor Megan Barry and other officials have signaled their support, and a pilot program is being developed in Juvenile Court. Funk said restorative justice program “can create a more fair justice system and better serve the community of Nashville.“
The basics of restorative justice.
Expert calls restorative justice ‚more victim-focused than the traditional court system. Graham Reside, a professor and administrator in the Vanderbilt University Divinity School, called it an alternative to arrests, trials and jail time that is „more victim-focused than the traditional court system.“ In restorative justice systems, an offender could still be arrested and investigated, but rather than going through a trial, the case would be routed to a more conversational process that included the offender, the victim and a mediator, among others. During that conversation, the parties would be able to express their points of view — the victim would get to say how the crime hurt them and the offender could explain their motivation. Then all parties would work to come up with a resolution. Sometimes the resolution includes jail time, but it’s typically more creative and unconventional.
“The current system really puts a lot of pressure on you not to accept responsibility,” Reside said, referencing how defendants are often encouraged not to plead guilty, and that often victims only speak during sentencing hearings. „This system has more possibilities for healing whereas the other system seems to be creating deeper and deeper wounds on both sides,“ Reside said. „That’s a kind of perverse reality in our criminal justice system.“
Restorative justice aims to limit jail time and stop people from committing more crimes. Evidence suggests that offenders who go through restorative justice are less likely to commit more crimes, particularly young people. It also tends to shrink the jail population, which saves government costs. The system has gained traction in recent years as part of a growing bipartisan effort to reform the criminal justice system. “Some of the people that are closest to this are interested in seeing this flourish,“ Reside said. „The current system has some problems,“ he said. „This seems to have some legs and might work.“
The mayor’s Youth Violence Summit recommended restorative justice. Continue reading

The Use of a Special Painting Therapy Method in Patient Groups

The Use of a Special Painting Therapy Method in Patient Groups

ABSTRACT:
A new special method for painting art therapy for patients in a group setting is presented and described in detail, which met with a favorable response with patients. It has helped the patient by introducing him into an active community, confronting him with a novel situation to cope with and help him to relax.
A definite decrease of aggression was noted during the sessions with often difficult patients, which is the result of catharsis, alleviation of
boredom, reduction of feelings of helplessness in face the authority by establishing a trusting fellow-artist relationship with the therapist.
Withdrawal symptoms are counteracted by providing a favorable setting for development of a trusting relationship, encouragement of self-expression in nonverbal form, safe from recrimination frequently encountered by verbal expression of anger, for example. Visual participation tends to set into action the patient’s expression by by-passing the conscious mind and thus the learned inhibitions. Symbols expressed in color and form appear less open to erroneous conclusions by the therapist than verbalized symbolism and can contribute to more awareness and insight leading to healing. The frequent tactile stimulation and interaction inherent in the process of painting may help the patient to overcome eventually a perceptive dysfunction through sufficient kinesthetic
  feedback.
 

INTRODUCTION:
At the request of a group of patients who expressed interest in his artistic endeavors, the author started demonstrating to his patients how to paint and, in this process, developed a new technique which lends itself to very spontaneous self-expression with simple yet very effective nonverbal means without any prior training. Patient response was so favorable that from this initial demonstration regular painting sessions developed as a form of therapy which he then continued. This Painting therapy was done with a special method – where the therapist takes the role of a fellow-painter – and in which primary emphasis is placed on productivity, and interpersonal interaction in a suitable nonthreatening environment.

TECHNIQUE:
Sessions are offered two times per week, each lasting for a period of about 2 hours. Patients are invited but not required to attend; at their discretion they may participate actively or merely observe. No coercive effort is made. Since, however, productivity and interaction are the major therapeutic goals, there is a considerable vocal reinforcement for both painting and attendance.
Of the options to paint or merely observe, a remarkably high number of patients choose to actually paint. Tempera on wet paper is the primary medium offered and it is demonstrated how to first outline a picture  by drawing with a Japanese ink stick. It remains at the discretion of the patient in which medium he wants to work; however, the great majority follow the example of the therapist and use the following simple technique: a large sheet of paper, approximately 22 by 18 inches in size, is spread on a table top and thoroughly wetted with water; lines and outlines for an initial sketch of the subject are drawn with the Japanese inkstick; subsequently, common, nontoxic, tempera paints are applied with a brush or other suitable means, such as hands, pencils, etc.
The therapist executes mainly portraits of patients. It is during the painting of these portraits that a large amount of the nonverbal communication between patient and therapist occurs establishing a trusting relationship.
The therapist seats the patient and then proceeds to wet the paper on which the portrait is drawn. Next, he begins to draw. It is at this point that one can begin to discern nonverbal communication of import. The patient is seated at the end of a long table. The therapist stands diagonally across the corner of the table with the paper flat on the table. The therapist then places his left arm on the edge of the paper outstretched toward the patient. Thus, a communicative effort leading to solidarity between the patient and the therapist occurs the subject of the portrait and the therapist.
The painting of the portrait is accomplished by a large number of glances, scowls, smiles and other facial expressions. Through observation, a pattern of glances directed toward the patient or subject of the portrait has been discerned. The average duration of time needed for the execution of the portrait is approximately 11 – 15 minutes. During this time, glances follow an inverted bell-shaped path.
At the beginning of the portrait, during the first 4 minutes, is the highest incidence of glances directed toward the subject with a mean number of 26; at approximately 6 – 7 minutes, during the middle period of the painting, this drops to an average number of 8 per minute;
  towards the end of the portrait the number of glances rises again to 18 per minute. The number of glances correlates with certain aspects of executing a portrait. To ascertain proper relationships numerous glances are needed when in the beginning the shape of the face with mouth, nose and – most important – the eyes are outlined. Applying the paint and developing the color scheme during the middle period of the portrait, the portrait being expressionistic in type, does not require a high level of glances and attention directed toward the patient subject. The increase in frequency of glances toward the end is correlated with finishing touches, particularly about the eyes.
Scowls also occur. Thes scowls, however, are scowls of concentration, not anger of frustration and the patient perceives them as such. Also, smiles occor, particularly when the portrait is going well and the patient, in turn, smiles back. All of this serves to accomplish a trusting relationship between the two.
Patients observe with fascination how a picture emerges from a wet neutral background and takes shape and becomes alive, participating actively or passively in the creative process.
As the session last 2 hours, the patients frequently choose to execute more than one painting. During the entire session the therapist is continuously engaged in painting the portraits of patients.
At the end of each session, the paintings – still wet – are placed on the floor and all people present congregate around them. Going from one picture to the next, the therapist discusses each painting with the patient who created it – offering his appreciation and encourages the patient to talk about his work and to explain it. The patient may confirm or reject the therapist’s comments; he may offer further elucidation of his original statement. Throughout this exchange, the therapist offers positive reinforcement for the work and encourages further self-expression. All paintings are considered worthy of praise – as a form of very personal expression – regardless of their artistic merit.

THEORETICAL FORMULATIONS:
Painting Therapy succeeds in achieving three objectives: By painting and discussing their work, the patients are placed in an interacting group. Communication, on both a verbal and nonverbal level is required not only for the discussion of the picture, but also if it is to be executed. For example, the patient may need blue paint and may have to approach another patient to obtain it.
The patient is confronted with the threatening feature of working in a new medium, in a new setting; thus perhaps, we may mobilize his emotional and somatic defense forces. Even if the patient chooses not to paint, he is still in a novel and threatening situation, i.e., to resist in the face of peer pressure and not to paint.
Painting Therapy helps to quiet and relax the patient. This effect is certainly most profound as in many sessions over a 10-year period not a single violent or disruptive act has been observed. This is especially striking as some of the patients who attended were reported to be unruly and difficult to manage. Even patients from the Forensic Division function and interact well in Painting Therapy sessions.
 
DISCUSSION OF THE MECHANISMS IN PAINTING THERAPY LEADING TO A DECREASE OF AGGRESSION:
It is exceedingly rare that the subject of a portrait exhibits restlessness during the execution of the portrait. Patients typically sit und watch both the therapist-painter and the portrait growing from his hand with much interest. As to the reasons for the lack of aggressive overtones in the therapy sessions, no firm hypothesis has been established. Whatever the cause of active anger, it is nevertheless certainly present. Yet there has not been a single case of expression of anger during Painting Therapy in the author’s 10 years of experience. It thus appears that the expression of anger and irritability is accomplished through means other than verbal or physical outbreaks, i.e., CATHARTHIS IS ACCOMPLISHED THROUGH THE ACT OF PAINTING. Thus, Painting Therapy benefits the patient’s response.
Furthermore, Painting Therapy as training in a socially more acceptable form of catharsis may have long-term benefits. Boredom and feelings of helplessness and impotence in the face of authority are considered to be major factors in tipping the scales toward producing violent responses. Painting Therapy introduces a new and, therefore, beneficial event into the routine life of the patient.
One of the reasons violent activity and assaults by patients occur is due to a feeling of helplessness in the face of powerful authorities who can determine the patient’s fate and which can and will exacerbate latent resentments stemming from earlier arbitrary treatment at the hands of significant figures in his life. In our experience the therapist is perceived as a fellow-artist, not in an authoritarian position. Thus, resentment and feelings of helplessness do not occur, hostility is virtually absent and violent behavior has not erupted. It is felt that the irritability and anger expressed is a natural sequel to the misunderstanding of the environment which would create fear and therefore hostility.

THE EFFECT OF PAINTING THERAPY ON WITHDRAWAL SYMPTOMS:
Numerous studies cite the importance of the development of a trust relationship between the patient and therapist in this regard. By its very nature, Painting Therapy encourages a trusting relationship. This occurs because of the unorthodox position of the therapist, who, during the first part of the session in particular, appears only as an artist, engaging in the same behavior as the patients. Thus, no fear and hostility result and peer relationships, trusting in nature, is built. At the very worst, conditions favorable for this development ARE met. Even during the discussion part of the therapy, when therapist and patient engage in discourse concerning the appearance, intent and meaning of the pictures, it is done in a manner of artistic exchange rather than in the traditional therapeutic sense.
It has been established that motoric expression as employed in painting therapy is executed directly by by-passing consciousness of emotionally charged complexes. In painting the visual participation during the creation of a picture seemed to directly stimulate the patient’s own responses, setting in motion motoric expression, not only by by-passing the conscious mind but also by inhibiting other forms of learned behavior. Even the autistic child responds more directly to rhythmic stimuli rather than to a verbal relationship, because rhythmic stimuli appeal immediately to the subconscious mind.

THE ROLE OF PAINTING THERAPY IN THE PROCESS OF HEALING:
Painting Therapy  attempts to restore healthy mental functioning and insight simultaneously. It does not appear that they occur naturally hand-in-hand; one can lack insight – yet maintain a relatively healthy mental functioning. Yet, both are necessary for the development of a non-pathological personality. If healthy mental functioning does not necessarily lead to insight nor if the opposite process occurs, it seems reasonable to attempt to benefit the patient in both areas, rather than relying on the occurrence of one as a natural outgrowth of the other.
Painting Therapy affords the patients an avenue of expression in nonverbal form. Furthermore, poor verbalization in patients is frequently due to fear of recrimination, not due to an actual disorder. A picture holds no fear for the patient – color and form are not considered damning, only words. In addition, Painting Therapy presents a remarkable opportunity for the study of symbolization. A clear understanding of the symbols the patient utilizes is necessary for the patient to benefit from the therapy. Attention must be paid to the separation between archetypal symbols and personal symbolizations. Due to the nonverbal nature of painting therapy, the possibility of the obfuscation of symbolization is markedly reduced.

TACTILE SENSATION IN ART THERAPY:
There exists a far greater probability of occurrence of tactile interaction between the patient and the environment during Painting Therapy than during verbal modalities, due to utilization of the brush touching the paper, wetting the paper and other essential acts necessary to produce a picture. Perception is understood as a four-fold process: reception, registration, processing, and feedback. At each stage, even perception at a peripheral sense organ, organizing processes lawfully select and shift accents of stimulus attributes. What is essential to the whole matter though, is that each of the four acts of the perceptual process must be accomplished in order to obtain proper perceptual registration. Otherwise, perceptual dysfunction remains. Through the presentation of constant tactile stimulation in Painting Therapy, one may accomplish sufficient feedback in kinesthetic form, not only visual and auditory, that perceptual dysfunction is overcome. This, of course, is a long-term process.

CONCLUSION:
A new special method of Painting Therapy described above provides a treatment modality for patients which helps to introduce the patient to an active community, confronts him with new responsibilities and risks in personal interactions and helps him to relax through a nonthreatening and nonverbal form of approach.
Possible mechanisms leading to the observed decrease of aggression are catharsis, alleviation of boredom, reduction of feelings of helplessness in the face of authority through establishing a trusting fellow-artist relationship with the therapist.
Withdrawal symptoms can be decreased and social interaction enhanced by providing favorable conditions for the development of a trusting relationship in a nonthreatening group.
Painting Therapy strengthens healthy mental functioning through participation in the creative process, actively or passively, which appreciates the patient as a potentially creative individual, and – if his portrait is painted – his human face is given value.

— Dr. Hans J. Vorbusch, psychiatrist-artist. 1977. (Modified by me.)