Oswald Spenglers Heuptwerk

Oswald Spenglers Heuptwerk

Oswald Spenglers Hauptwerk: „Der Untergang des Abendlandes“. (2 Bde., 1918-22).

Laut Spengler durchlaufen alle Kulturen jeweils einen Zyklus von Blüte, Reife und Verfall. Seine Zyklentheorie faßt er als historische Verlaufsgesetzlichkeit auf, deren Charakter als „Schicksal“ fatalistisch anerkannt werden muß. Unabänderlich sind auch die Formen von Herrschaft und Knechtschaft oder „Rasse“. Spengler sieht seine eigene Zeit in der Periode des Verfalls, die sich jeweils als Periode der „Zivilisation“ (Gegensatz: Kultur) äußert. Aufgrund des Zyklengesetzes prognostiziert Spengler den „Untergang des Abendlandes“.
Die pessimistische Kultur- und Geschichtsphilosophie seines Hauptwerkes wurde nach dem verlorenen 1. Weltkrieg und dem ihn begleitenden Zerfall bürgerliche Werte vom deutschen Bürgertum begeistert rezipiert.

Jesus in the Desert

Jesus in the Desert

What does the figure represent that Jesus encounters in the desert, the land of the spirit? Part I.

The first thing to be noticed is that obviously this devil is not Luciferian, satanic, absolutely evil. He does not represent the dark side. He does not want to seduce Christ to commit a crime, to gratify evil lusts, as, for example, sexual child molestation. Instead he merely represents the NATURAL, concretistic perspective versus a non-literal one. The first temptation is ultimately about social welfare, providing enough to eat for everyone. The second temptation is about performing a spectacular miracle that would make him credible to the masses as someone to put their hopes on. And the last one is about becoming a political world leader, who would by no means have to be a cruel despot, but could just as well be a wise and just ruler, a benefactor of the world, bringing a long-lasting period of peace and the flowering of culture. These are the devil’s offers. The issue here is not the choice between good and evil. In fact we see that as far as the semantic substance of the goals is concerned, the devil and Jesus are not at all apart. Both were thinking in the same direction. Jesus showed the same concern for people being fed and he would later teach his followers to pray, “Give us this day our daily bread,” he performed numerous miracles, and he also conceived himself as the ruler of the world. The only difference is that Jesus gives to the goal shared by both a fundamentally other meaning. “My kingdom is NOT of THIS world”, “Blessed are they who have NOT seen, and yet have believed”, and Man shall NOT live by BREAD alone, but by every word that proceedeth out of the mouth of God.” What is at stake in the dispute between the devil and Jesus was beautifully highlighted by Dostoevsky in his parable, “The Grand Inquisitor.”
Jesus and the devil are by no means divided by the strict opposition between good and evil, which is a horizontal opposition much like that between right and left. No, both aim for the good, namely “bread” and “kingdom.” There is no dispute between them about the goal itself. Theirs is the vertical difference within one and the same semantic content or concept, e.g., “kingdom”, between “of this world” and “NOT of this world.” Jesus negates and inwardizes the notion of “kingdom” into itself. It is the case of the sophisticated difference between two different modes or styles of understanding of the same desire, between a naturalistic, external sense of “bread” or “kingdom” and an inner, logical sense, between the literal and the spiritual, between positivity here and logical negativity over there. Rather than rejecting “kingdom” altogether and opting for something totally different, Jesus pushes off from and sublates, sublimates, distills, evaporates the concept of “kingdom.” What a kingdom that is not of this world is he cannot show. It does not exist as a positive fact. It is logically negative and exists only for, i.e., if there is, a soulful understanding. He overcomes the worldly naturalism of the meaning of the words used and opens up a new dimension and inner depth of meaning of the same words that did not exist before.
What we witness here in this scene is the first-time conquest or birth of this new objective soul dimension, the dimension of spirit as logical negativity through the process of negating the natural desire or the naturalistic understanding of the desire. Jesus sees through the superficiality of the literal (political) kingdom. He gets a clearer, deeper self-understanding about his actual desire. He for the first time becomes aware that he is indeed striving for “kingdom,” but also comes to realize that he would only fool himself if he gave in to this wish for “kingdom” in the external sense of literal, political power as offered by the devil, and that that sense of kingdom would not at all give him what his soul in truth needs. Instead of the clash of two opposite theses, we find the logical movement from a preliminary thesis to a deeper, more sophisticated one.

— Wolfgang Giegerich, PhD

Roland Lukner

Roland Lukner

Prof. Roland F. Lukner

Roland F. Lukner

Prof. Roland F. Lukner, Jahrgang 1934, lebt in Nashville (Tennessee). Er wuchs in Salzgitter, Niedersachsen auf, nahe Kneitlingen und Schöppenstedt, im Herkunftsgebiet Till Eulenspiegels, dessen Geist ihn bei Museumsbesuchen von Kindheit an ergriff und zeitlebens nicht mehr losließ. Die Museumsgründung lag mitten im Toben des Zweiten Weltkriegs. Sein Keim ist der Triumph, die Selbstbehauptung des menschlichen Geistes, die Selbstäußerung seines Wertes und die Erneuerung des Lebens inmitten lebensgefährdender Bedrohung und totaler Zerstörung.

Die vorliegende Arbeit stellt die Krönung einer langjährigen und intensiven, in die Tiefe gehender Beschäftigung mit dieser Figur dar.

Nach seiner Emigration in die USA studierte er an mehreren Universitäten mit Masterabschlüssen neuere Germanistik und Psychologie. Seit 1965 unterrichtete er als Assistenzprofessor an amerikanischen Colleges und an der Tennessee State University in Chattanooga. Der Schwerpunkt seines Forschungsinteresses lag auf den Gebieten der Literaturwissenschaft, der europäischen Geistesgeschichte und dem Wesen und der Entfaltung des Bewusstseins.

Seine Bücher hat bei bei folgenden Verlagen veröffentlicht: Edition Forsbach und Ibidem-Verlag und sind auch bei Amazon zu haben:

Vom-Umgang-Seele-mit-Menschen 

 

Fontane hat die Gesellschaft als einen dialektischen P r o z e s s betrachtet

Fontane hat die Gesellschaft als einen dialektischen P r o z e s s betrachtet

Unsere ganze Gesellschaft ist aufgebaut auf dem Ich. Das ist ihr Fluch, und daran muss sie zugrunde gehen. Die Zehn Gebote, das war der Alte Bund; der Neue Bund aber hat ein anderes, ein einziges Gebot, und das klingt aus in: ‚Und du hättest der Liebe nicht … .‘
Ich respektiere das Gegebene. Daneben freilich auch das Werdende, denn eben dies Werdende wird über kurz oder lang abermals ein Gegebenes sein. Alles Alte, soweit es Anspruch darauf hat, sollen wir lieben, aber für das Neue sollen wir recht eigentlich leben. Und vor allem sollen wir den großen Zusammenhang nie vergessen. Sich von ihm abschließen heißt sich einmauern, und sich einmauern ist Tod.
Fontane hat die Gesellschaft als einen dialektischen P r o z e s s betrachtet, als eine von Widersprüchen vorangetriebene Entwicklung. Dubslav Stechlin, die Hauptgestalt in seinem Roman „Der Stechlin“ zeichnet sich durch seinen ironisch-selbstreflektierten Sprachgebrauch aus, setzt „hinter alles ein Fragezeichen“, hegt eine „Passion“ für „Paradoxe“ und kennt undogmatisch keine absolute Wahrheit: „Unanfechtbare Wahrheiten gibt es überhaupt nicht, und wenn es welche gibt, so sind sie langweilig.“
„Alt“ und „neu“ werden in der Gesinnung der Liebe zur Einheit, die nur dann auseinanderbricht und zum unheilvollen Gegensatz werden kann, wenn sich die Bindung zur einheitsstiftenden, höheren Wirklichkeit löst. Das bemerkenswerte und geradezu unbequeme an der so recht aus der Liebe kommenden Humanität ist, dass sie letztlich unbestimmbar bleibt, sich in keinem Programm und keiner Lehre gänzlich erschöpft. Die wahre Menschlichkeit bildet kein geschlossenes System, sie lässt sich begrifflich nicht bestimmen. Lorenzen drückt das am Grabe Stechlins so aus: „Er war kein Programmedelmann …, wohl aber ein Edelmann nach jenem alles Beste umschließenden Etwas, das Gesinnung heißt.“ Abgesichert wird diese Gesinnung der Liebe gegen das einseitig Alte oder Neue durch eine allseitige Skepsis, denn seinem ganzen Wesen nach machte der alte Stechlin hinter alles ein Fragezeichen“. In Zeiten des Übergangs ist die Skepsis eine Voraussetzung des Humanen – dann vor allem, wenn sich das Neue durch seine Unfehlbarkeit empfiehlt, und ebendeshalb leicht ins Unmenschliche entartet.

Friedensverhandlungen mit den Comanche-Häuptlingen:

Friedensverhandlungen mit den Comanche-Häuptlingen:

John O. Meusebach, amerikanischer Staatsbürger, sagte 1847 nach den Friedensverhandlungen mit den Comanche-Häuptlingen:
„Wenn mein Volk für eine Zeitlang mit Euch gelebt hat und wenn wir uns gegenseitig besser kennen, dann mag es vorkommen, dass einige heiraten möchten. Bald werden unsere Krieger Eure Sprache lernen. Wenn sie dann wünschen, ein Mädchen aus Eurem Stamm zu heiraten, sehe ich darin überhaupt kein Hindernis, und unsere Völker werden so viel bessere Freunde. … Mein Bruder spricht von einer Mauer zwischen den roten Männern und den Bleichgesichtern. Ich schätze meine roten Brüder nicht geringer, weil ihre Haut dunkler ist, und ich halte nicht mehr vom Volk der Weißen, nur weil ihre Hautfarbe heller ist.“

Büste von John. O. Meusebach, Fredricksburg, Texas
von Charlotte A. Tremper, Skulpteurin

Günter Grass würdigte Schulze als einen der „großartigen Erzähler“ der neuen Bundesländer.

Günter Grass würdigte Schulze als einen der „großartigen Erzähler“ der neuen Bundesländer.

Ingo Schulzes Buch „Adam und Evelyn“ besteht fast ausschließlich aus Dialogen,

im Film gibt es viel weniger Text, da ist sehr viel reduziert worden, gerade auch bei den dramatischen Auseinandersetzungen.
Bei den Gesprächen über die Verfilmung kam der Vorschlag, an dem Punkt aufzuhören, an dem die beiden in den Westen gehen. Warum wird denn so oft aufgehört, wenn der Westen kommt? Diese Geschichte handelt nicht nur von der DDR, sondern auch von dem Neuen, das danach kommt. Dieser undifferenzierte Blick, das Abhaken als Unrechtsstaat, hat viel Verwüstung angerichtet.
Die Akzente der Figuren im Film sind andere. Im Buch ist Adam auf den ersten Blick politischer, auch widerständiger. Im Film wird er es auf eine andere Art, ich würde sogar sagen, auf eine grundsätzlichere Art. Adam geht in der DDR nicht einer entfremdeten Arbeit nach. Es ist ja nicht so, dass man sagen könnte, vorher schlecht, danach gut – oder umgekehrt. Den Druck wegzugehen, hatte ich nie. Es war ein Wechsel von Freiheiten und Abhängigkeiten. Am Landestheater in Altenburg hatten wir 1988 einen unglaublichen Freiraum. Wir befanden uns im Zentrum einer ideologisch und geistig geführten Auseinandersetzung. Es hat mich verwundert, dass die DDR-Oberen sich so schnell und ohne Blutvergießen zur Seite schieben ließen. Als die Mauer fiel, fragte ich mich, warum rennen die jetzt alle in den Westen, lasst uns das doch erst mal hier zu Ende bringen. Plötzlich konnte man ja auch eine Zeitung machen und sich auf der Straße versammeln, ganz legal! Als Schriftsteller empfinde ich eine Verantwortung mitzumachen. Aber für eine ständige politische Auseinandersetzung muss man geboren sein! Die Literatur lebt von den Widersprüchen und der Gleichzeitigkeit verschiedener Wahrheiten. Für die Politik ist das eher ein Problem. Für das, was passiert ist, tragen in allererster Linie die Ostdeutschen die Verantwortung. Als die Mauer fiel, hatte das für mich absolut nichts mit irgendwelchen Vereinigungsgedanken zu tun: Wie sollte das gehen, mit zwei so unterschiedlichen Systemen? Viele Dinge, die damals auch im Westen kritisiert wurden, haben sich eher verfestigt, statt sie in Frage zu stellen. Warum denken Ärzte immer noch wie Geschäftsleute? Warum wurde damals nicht über eine wirklich neue Verfassung abgestimmt? Und warum kann man nicht mal darüber reden, wie sich das Recht auf Arbeit und Wohnung durchsetzen ließe, für ein von Existenzangst freies Leben? Wohnungen sollten den Gesetzen des Profits entzogen werden.

Theodor Fontane: erster literarischer Künstler der seelischen Immanenz („Interiority“):

Theodor Fontane: erster literarischer Künstler der seelischen Immanenz („Interiority“):

– Entdecker des Begriffs Achtsamkeit und somit der psychologischen Wahrheit:

„Fontanes Erzähler ist kein ‚allwissender‘, ‚auktorialer‘ Erzähler, sondern ein ‚beobachtender Erzähler‘, der seine Figuren selbst sprechen lässt. Dadurch wird eine Deutungsoffenheit erzeugt“. „Was der Mensch tut, ‚gehört ihm nur zum Teil‘“.
Richard Moritz Meyer würdigt Fontane in seiner GESCHICHTE DER DEUTSCHEN LITERATUR DES 19. JAHRHUNDERTS des Jahres 1900 als wichtigsten Begründer des realistischen Gesellschaftsromans in Deutschland, dessen Erzähler ein Beobachter und Lernender sei, was Fontane zu einem großen Bahnbrecher mache, der nur in der Neuzeit zu Hause sei. Meyer: „Er will lernen.“ Er lasse seine Figuren quasi selbständig in einem Problemzusammenhang wie in einer Versuchsanordnung operieren, was seine Gesellschaftsromane zu modernen Experimentalromanen mache.
– Entdecker der Geschichtlichkeit der Seele:
„…während sich realistische Romane immer auf allgemein geteilte Wirklichkeitsannahmen, Normen und ‚Selbstverständlichkeiten“ beziehen müssen, um als Realitätsillusion zu wirken, ist es nach Fontane nicht die unwichtigste Aufgabe der Kunst, diese Realitätsannahmen zugleich als historische und damit veränderliche auszuweisen.“

Vom armen B. B.

Vom armen B. B.

Ich, Bertolt Brecht, bin aus den schwarzen Wäldern.
Meine Mutter trug mich in die Städte hinein
Als ich in ihrem Leibe lag. Und die Kälte der Wälder
Wird in mir bis zu meinem Absterben sein.

In der Asphaltstadt bin ich daheim. Von allem Anfang
Versehen mit jedem Sterbesakrament:
Mit Zeitungen. Und Tabak. Und Branntwein.
Misstrauisch und faul und zufrieden am End.

Wir sind gesessen ein leichtes Geschlechte
In Häusern, die für unzerstörbare galten
(So haben wir gebaut die langen Gehäuse des Eilands Manhattan
Und die dünnen Antennen, die das Atlantische Meer unterhalten).

Von diesen Städten wird bleiben: der durch sie hindurchging, der Wind!
Fröhlich machet das Haus den Esser: er leert es.
Wir wissen, dass wir Vorläufige sind
Und nach uns wird kommen: nichts Nennenswertes.

Bei den Erdbeben, die kommen werden, werde ich hoffentlich
Meine Virginia nicht ausgehen lassen durch Bitterkeit
Ich, Bertolt Brecht, in die Asphaltstädte verschlagen
Aus den schwarzen Wäldern, in meiner Mutter, in früher Zeit.

Die Kleingeistigkeit der ahnungslosen westlichen Zivilisation und ihrer sich ausbreitenden Globalisierung.

Die Kleingeistigkeit der ahnungslosen westlichen Zivilisation und ihrer sich ausbreitenden Globalisierung.

 

Das Leben im Kaiserreich war dominiert vom wilhelminischen Gesellschaftsdenken und der Herrschaft der Konventionen.

Frauen trugen enge Schnürkorsetts, Männer lüfteten ihre Hüte zum Gruß und angestoßen wurde auf das Wohl des Kaisers.
Durch die fortschreitende Industrialisierung erlebte Deutschland unter Wilhelm II. (1859-1941) bis zum Ausbruch des 1. Weltkrieges einen wirtschaftlichen Aufschwung, der den sozialen Wandel mit bewirkte. Zwar blieben auch im Kaiserreich Besitz, Geschlecht und Klassenzugehörigkeit die bestimmenden Faktoren, die Lebensweg und sozialen Aufstieg vorgaben, zeitgleich bildeten sich durch die wirtschaftliche Blüte aber neue Gesellschaftsklassen heraus. Neben dem Adel trat das Wirtschaftsbürgertum in den Vordergrund, gefolgt vom Bildungsbürgertum und der neuen Mittelschicht, die mehr und mehr auch aus ‚Angestellten‘ bestand, einer noch relativ neuen Berufsgruppe.
Ausdruck fand das gut situierte Bürgertum in einer überbordenden Wohnkultur, in der alles gesammelt und ausgestellt wurde. Reproduktionen bekannter Gemälde wie beispielsweise Arnold Böcklins (1827-1901) „Die Toteninsel“ genauso wie Kronleuchter, Gobelins und Nippes. Plüsch und Schwulst werden auch im Binnenraum des Hauses u Kennzeichen einer Epoche, die es aufgrund der unerhörten Steigerung der materiellen Mittel auf das Luxurieren, auf den demonstrativen Konsum hin angelegt hatte.
Die bürgerliche Wohnstube wird somit zum Zeugnis des wilhelminischen Kleingeistes.

— Nach Katharina Beisiegel, „Weltflucht und Fantasiewelten“. In: ERNST LUDWIG KIRCHNER.

Theodor Fontane, das Germanentum und Richard Wagner.

Theodor Fontane, das Germanentum und Richard Wagner.

 

Fontane reagierte heftig auf Richard Wagners Germanenkult – hier steigerte sich die Abneigung bis zu körperlichen Abwehrreaktionen.

Bei seinem Besuch der Bayreuther Wagner-Festspiele im Jahre 1889 verließ er trotz des teuer bezahlten Tickets beim „Parsifal“ nach wenigen Tönen fluchtartig den Konzertsaal: „Mir wird immer sonderbarer und als die Ouvertüre zu Ende geht, fühle ich deutlich ‚noch 3 Minuten und Du fällst ohnmächtig oder todt vom Sitz.‘ … Gott sei Dank, wurde mir auf mein Pochen die Tür geöffnet und als ich draußen war, erfüllte mich Preis und Dank.“ „Hundert Mark waren futsch“, resümierte Fontane.

Ein Wagnerianer auf dem Thron.

Die wilhelminische Zeit, von 1888-1918, wird geschichtlich als ruheloses Reich verstanden. Ambivalenz sei seine Signatur gewesen, dem Aufbruch der Abschied zugestellt. Tradition blieb noch machtvolles, suggestives Ritual. Preußische Adler hockten auf öffentlichen Gebäuden und evozierten eine Kontinuität, die längst im Bröckeln war. Bunte Kavalleriedefilees, siegestrunkene Kaisermanöver und glanzvolle Stapelläufe täuschten eine Sicherheit vor, die längst verloren war.
Ein Wagnerianer saß auf dem deutschen Thron. Wilhelm II. versuchte, stets im Mittelpunkt zu stehen, Stil und Stimmung zu prägen. Stets in Bewegung, vielfach auf Reisen, hielt er lärmende Reden; er wollte Härte zeigen, als Prototyp männlicher Kraft erscheinen; sein Leben war jedoch nur eine sorgfältige Maskerade; in Wahrheit zeigte er „weibische Züge“, hatte eine zarte Gesundheit, eine empfindliche Seele. Eine ahnungslos gegen sich selbst gerichtete Natur.
Die Defizite seiner Erziehung bestimmten sein Psychogramm: das bedrückende Verhältnis zu den Eltern, die überstrengen und verkrampften Methoden seines Erziehers, der Minderwertigkeitskomplex, den er wegen seines verkrüppelten linken Armes empfand, während er doch ganz aufs Männlich-Soldatische hin erzogen wurde.
Dieser Mann, dieser Propagandist des Militarismus und Imperialismus hatte den Ehrgeiz, opernhaft das darzustellen, was die Mehrheit des Volkes wünschte: Macht, Größe, Glanz, weshalb das loyale Bürgertum in Wilhelm II. die Verkörperung des Ideals sah. Die bourgeoise Phantasie war täglich angeregt und aufgeregt durch die Persönlichkeit des Kaisers. In allem letzte und höchste Instanz, fand Wilhelm II. nirgends Widerspruch.
Er umgab sich mit einem Geflecht von Männerfreundschaften, gefördert durch sein gebrochenes Verhältnis zum anderen Geschlecht und seine homoerotischen Neigungen. Er sonnte sich in der Liebedienerei seiner Gefährten. Von Besonderer Bedeutung war der Diplomat Philipp Fürst zu Eulenburg. Seine homosexuelle Disposition ließ ihn die Verbindung zum Kaiser besonders eng gestalten.
Mit seiner selbstgefälligen Ignoranz und feudalen Arroganz sowie seinem oberflächlichen Imponiergehabe war Wilhelm II. ein Prototyp der preußischen Offizierskaste, die ihn verehrte. Mit großer Pose und dröhnender Rhetorik verabschiedete er etwa am 27. Juli 1900 in Bremerhaven die zur Niederwerfung des chinesischen Boxeraufstandes and Bord gehenden Truppen. Vergeblich versuchte sein Staatssekretär Bernhard Fürst von Bülow den Pressebericht der Hunnenrede mit ihrem Ungeist zu unterbinden, deren rassistisch ausgerichteten Phantasmagorien Deutschlands Größe beschwörten. In ihrem Bekenntnis zu heroischem Deutschtum waren die Ressentiments gegenüber anderen Völkern sowie die Vorstellung vom deutschen Wesen, an dem die Welt genesen solle, eingeschmolzen.