Fontane hat die Gesellschaft als einen dialektischen P r o z e s s betrachtet

Fontane hat die Gesellschaft als einen dialektischen P r o z e s s betrachtet

Unsere ganze Gesellschaft ist aufgebaut auf dem Ich. Das ist ihr Fluch, und daran muss sie zugrunde gehen. Die Zehn Gebote, das war der Alte Bund; der Neue Bund aber hat ein anderes, ein einziges Gebot, und das klingt aus in: ‚Und du hättest der Liebe nicht … .‘
Ich respektiere das Gegebene. Daneben freilich auch das Werdende, denn eben dies Werdende wird über kurz oder lang abermals ein Gegebenes sein. Alles Alte, soweit es Anspruch darauf hat, sollen wir lieben, aber für das Neue sollen wir recht eigentlich leben. Und vor allem sollen wir den großen Zusammenhang nie vergessen. Sich von ihm abschließen heißt sich einmauern, und sich einmauern ist Tod.
Fontane hat die Gesellschaft als einen dialektischen P r o z e s s betrachtet, als eine von Widersprüchen vorangetriebene Entwicklung. Dubslav Stechlin, die Hauptgestalt in seinem Roman „Der Stechlin“ zeichnet sich durch seinen ironisch-selbstreflektierten Sprachgebrauch aus, setzt „hinter alles ein Fragezeichen“, hegt eine „Passion“ für „Paradoxe“ und kennt undogmatisch keine absolute Wahrheit: „Unanfechtbare Wahrheiten gibt es überhaupt nicht, und wenn es welche gibt, so sind sie langweilig.“
„Alt“ und „neu“ werden in der Gesinnung der Liebe zur Einheit, die nur dann auseinanderbricht und zum unheilvollen Gegensatz werden kann, wenn sich die Bindung zur einheitsstiftenden, höheren Wirklichkeit löst. Das bemerkenswerte und geradezu unbequeme an der so recht aus der Liebe kommenden Humanität ist, dass sie letztlich unbestimmbar bleibt, sich in keinem Programm und keiner Lehre gänzlich erschöpft. Die wahre Menschlichkeit bildet kein geschlossenes System, sie lässt sich begrifflich nicht bestimmen. Lorenzen drückt das am Grabe Stechlins so aus: „Er war kein Programmedelmann …, wohl aber ein Edelmann nach jenem alles Beste umschließenden Etwas, das Gesinnung heißt.“ Abgesichert wird diese Gesinnung der Liebe gegen das einseitig Alte oder Neue durch eine allseitige Skepsis, denn seinem ganzen Wesen nach machte der alte Stechlin hinter alles ein Fragezeichen“. In Zeiten des Übergangs ist die Skepsis eine Voraussetzung des Humanen – dann vor allem, wenn sich das Neue durch seine Unfehlbarkeit empfiehlt, und ebendeshalb leicht ins Unmenschliche entartet.

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