Ein Gemälde von 1811 wurde 1918 wieder gefunden

Ein Gemälde von 1811 wurde 1918 wieder gefunden

Heinrich von Kleist (1777-1811) (Gemälde, entstanden 1811, aufgefunden 1918).

Erzählungen: Michael Kohlhaas (1804).
Die von Kleist geschaffenen Gestalten, obgleich es historische sind, leben in der gegenwärtigen Welt fort. Die Spannweite zwischen dem Gewicht einer Gesellschaft und von der seelischen Not einzelner lässt sich am besten erzählend vermitteln, und durch eine solche Spannweite zeichnen sich seine Novellen aus. Sie leuchten in eine gestörte Ordung der Dinge hinein, die einzelne zu Betroffenen solcher Störungen macht: eine erzählte, tief beunruhigte Welt! So wird auch in MICHAEL KOHLHAAS etwas Ungeheuerliches erzählt. Das Erzählen – das ist durchaus neu – verliert seine erzählerische Behaglichkeit.
Kleist schreibt in einem Brief: „ Die Zeit scheint eine neue Ordnng der Dinge herbeiführen zu wollen, und wir werden davon nichts als bloß den Umsturz der alten erleben.“ Mit dem Umsturz der alten Ordnung, ohne dass eine neue in Sicht wäre, haben es die Erzählungen Kleists immer erneut zu tun. Das macht sie im eigentlichen Sinne unerhört. Es ist das Adverb „zugleich“ – das Paradoxe, Dialektische konstellierend – , das alles durcheinander bringt und sogleich nach Vertiefung, Verfeinerung des Bewusstseins und dessen Wandel verlangt. So bereits im berühmten Einleitungssatz des MICHAEL KOHLHAAS: „An den Ufern der Havel lebte, um die Mitte des sechzehnten Jahrhunderts, ein Rosshändler, namens MICHAEL KOHLHAAS, Sohn eines Schulmeisters, einer der rechtschaffensten zugleich und entsetzlichsten Menschen seiner Zeit.“ Der Knecht des Rosshändlers erleidet auf der Tronkenburg schändlichste Misshandlungen. Aber Kohlhaas seinerseits überbietet gar die Gewalttätigkeit. In der Erzählung wird gefoltert, gemordet und hingerichtet. Nirgends kehrt man weder zur alten Ordnung zurück, wenn ihre Störungen erst einmal sichtbar geworden sind, noch wird die neue Ordnung als der ideale Staat oder die ideale Gesellschaft geschildert.
Stets decken Kleists Erzählungen nur eine von Menschen gemachte Ordnung auf, für die sie selbst verantwortlich sind – nicht irgendein Schicksal. Kritik an gesellschaftlichen Ordnungen ist eines der bestimmenden Elemente in jedem Text Kleists. Sie ist in hohem Maße Institutionskritik. Die Familie als der tragende Pfeiler einer jeden bürgerlichen Gesellschaft ist eine dieser Intitutionen; sicher diejenige, die den Betroffenen die nächste ist.
Das Bild der Familie, das die Novellen Kleists vermitteln, ist kein gutes Bild. Wenn in ihnen so oft Ungeheuerliches geschieht, so geschieht es vor allem hier. Die Geschichte des Michael Kohlhaas macht offenkundig, welche Gewaltherrschaft sich einzelne Familien wie diejenige des Junkers Wenzel von Tronka anmaßen; aber sie macht auch deutlich, dass sich treusorgende Familienväter in Mordbrenner verwandeln können, wenn die Ordnung der Dinge aus den Fugen gerät.
In solcher Kritik wird die Kirche nicht verschont. Die Unmittelbarkeit des religiösen Gefühls ist eines, die Institution, die es nicht selten erstickt, ein anderes. Auch Luther, der Kohlhaas nicht gerecht wird, wenn er hinsichtlich dessen, was diesem widerfahren ist, erst einmal an Obrigkeit und Ergebung erinnert. Aber die sicher vehementeste Institutionskritik im Erzählwerk Kleists gilt der Handhabung des Rechts durch staatliche Gewalt und Justiz. Schon hier ist Justizkritik mit Bürokratiekritik identisch. (Vgl.: Franz Kafkas Romane, z. B., DER PROZESS.) Die Kohlhaas-Geschichte als einer regelrechten Prozessgeschichte mit ihren unüberschaubaren Rechtswegen, ihren unerreichbaren Instanzen und Geheimschreibereien erweist sich als das völlige Gegenteil dessen, was es an Unmittelbarkeit unter Menschen geben kann. Um eine solche Unmittelbarkeit ist es Kohlhaas zu tun, ehe er zum Rechtsbrecher wird.
Die Not, in die Kleists Menschen geraten, ist vornehmlich seelische Not, und nicht wenige von ihnen geraten außer sich, wenn die Ordnung der Dinge aus den Fugen gerät. Das Außersichsein zeigt an, dass die Kommunikation gerade unter Menschen, die sich die Nächsten sind, durchweg nicht gelingen will. Die gestörte Ordnung bezeugt sich vornehmlich als gestörte Kommunikation. Aber vielfach deckt sie nur auf, was latent schon immer vorhanden war: in einer von kapitalistischer Wirtschaft und juristischen Regelungen bestimmten Gesellschaft kann eine Atmosphäre des Vertauens nicht gedeihen.
Kommunikation beruht auf sprachlichem Geschehen, und die jeweilige Körpersprache als Zeichensprache hat man einzubeziehen. Vorwiegend im Gebiet der Sprache oder der Sprachen wird die Verbindung zwischen der Gesellschaft und der seelischen Welt des Einzelnen hergestellt. Im sprachlichen Geschehens kommt der mündlichen Rede die höhere Bedeutung zu: der Aussprache und dem Diskurs unter Menschen von Angesicht zu Angesicht. Das Gespräch ist bei Kleist ein hoher Wert. Wie ähnlich bei Hölderlin, der den Wert des Gesprächs in der ungewöhnlichen Personifizierung umschreibt – „seit ein Gespräch wir sind“ – gehört es zu den Höhepunkten sprachlichen Geschehens. Um so bedrohlicher nehmen sich auf dem Hintergrund solcher Einschätzungen die misslingenden Gespräche aus.
Die sicher bedeutungsvollste Ebene sprachlichen Geschehens ist die Sprache der Sprachlosigkeit – ein überaus differenziertes Zeichensystem – , das zwar das Gespräch voraussetzt, aber doch zugleich über die Redeformen hinausführt und einen Bereich des Seelenlebens erschließt. Auch das Sprachlose äußert sich in verschiedenen Formen. Von größter Bedeutung sind Blicke und Gebärden, Signale, die keineswegs mit dem Unbewussten identisch sind, denn Bewusstsein ist an den Formen der sprachlichen Phyiognomik in mehrfacher Hinsicht beteiligt. So wird Kohlhaas als einer beschrieben, „der sich auf das Gesicht des Großkanzlers gar wohl verstand“. Es ist nicht einfach ein Ausdruck seines Unbewussten, übrigens ein antiquierter Begriff. Das Seelenvolle bedeutet bei Kleist weit mehr: wo immer er das Wort „Seele“ gebraucht, gebraucht er es in einem über das sogenannte Unbewusste hinausführenden Sinn. Die Formen gelingender Kommunikation sind nicht einem Unbewussten zu verdanken, und umschrieben wird mit dem Wort „Seele“ auch nicht allein ein Bezirk des individuellen Selbst, sondern etwas, das den anderen als den geliebten anderen einbezieht. Auf den Höhepunkten des Geschehens stellt sie sich wie von selbst ein. Entscheidendes wird im Konjunktiv gesagt, weil es gar nicht anders gesagt werden kann, denn das Haus der Seele hat in der Realität keine Entsprechung.
— Nach Walter Müller-Seidel, NACHWORT. „Sämtliche Erzählungen und andere Prosa“. Reclam.

 

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