Die Eisenbahn kommt

Die Eisenbahn kommt

DIE EISENBAHN verändert die Arbeitswelt

„Trotz allen Katzbalgereien und Streitigkeiten ist die rheinische Eisenbahn dennoch fertiggestellt worden. In der Tat ist nicht so leicht gegen einen Schienenweg so viel demonstriert worden, wie gegen denjenigen, der jetzt von Bingen bis Bonn führt. Von religiösen Fanatikern, welche die Erfindung der Dampfmaschinen für ein Werk des Teufels halten, und von politischen Krebsgängern, welche das Volk gern auf der alten deutschen Postschnecke kriechen sähen, während sie selbst in vierspännigen Karossen dahinjagen, will ich gar nicht reden. Ihre Bestrebungen werden mit der Zeit auf dem Nullpunkt zu stehen kommen. Aber auch viele sonst ganz vernünftige Leute haben sich immer mächtig ereifert, wenn von einer Eisenbahn an den Ufern des Rheins die Rede war. Naturschwärmer riefen: Ihr werdet uns die schönen Felsen und die landschaftlichen Bilder verderben. Idyllische Landhausbewohner ließen sich vernehmen: Ihr stört uns die freundliche Ruhe unserer Wohnungen. Die Fuhr- und Postleute klagten: Unsere Geschäfte gehen zugrunde. Die Schiffer und Dampfschiffer lamentierten: Wofür lässt der liebe Gott denn den Fluss zwischen diesen Bergen herlaufen, als dass wir ihn nicht mit unseren Fahrzeugen ausbeuten? Und dazu meinten noch die Wirte, es wär schon an den Dampfschiffen genug, die Züge der Eisenbahn würden die Gäste in noch rascherem Lauf vorbeiführen. Lauter dummes Zeug! Die Landschaft ist so schön geblieben, wie sie es immer war, die Ruhe ist für den vorhanden, der sie im Herzen trägt, und sonst hat die Konkurrenz die ökonomischen Verhältnisse des Landes eher gebessert wie verschlechtert, denn der Preis der Liegenschaften ist gestiegen und überall wird gebaut und angelegt.“
— Wolfang Müller, der die Diskussionen um die Bahnstrecke im Rheintal verfolgt hatte, beschreibt 1861 die Lage nach dem Bau.
Die Zerstörung von Raum und Zeit.
Als man noch mit der Kutsche fuhr, erlebte man den durchreisten Raum direkt, sogar fast so, als ob man die Strecke gelaufen wäre. Aus dem Fenster der Kutsche sah man die Straße, die Landschaft und die Menschen, an denen man vorbeifuhr, sehr genau.
Die frühen Eisenbahnen fuhren nach heutigem Maßstab sehr langsam. Trotzdem erschien damals den Reisenden die erhöhte Reisegeschwindigkeit, meist kaum mehr als 30 Kilometer in der Stunde, unglaublich hoch. Die mit der Kutsche vertrauten Menschen waren an das Sehen bei großen Geschwindigkeiten nicht gewöhnt. Wenn man aus dem Fenster eines Abteils sah, konnte man die Landschaft kaum erkennen, geschweige denn Einzelheiten oder Menschen.
Die Reise mit der Eisenbahn dauerte natürlich nicht so lang wie eine Kutschreise zum selben Ort. Aber diese Zeit hatte eine andere Qualität. Bei der Kutschenfahrt war das Reisen an sich die Hauptsache, bei der Bahnfahrt war die pünktliche Ankunft am Ziel die Hauptsache. Auch für die Kutsche hatte es Fahrpläne gegeben, aber zur Zeit der Kutschen war das Reisen ohnehin sehr aufwendig gewesen. Nun musste man nur warten, bis man ankam. Das Reisen selbst ging viel schneller, und subjektiv erlebte man es kaum noch. Dafür musste man sich der Logik der Eisenbahn unterwerfen, etwa indem man auf die Minute genau handelte. Die frühen Verfechter der Eisenbahn behaupteten, die Eisenbahn gebe dem Menschen Macht über Zeit und Raum. Die Kritiker fanden im Gegensatz dazu, die Eisenbahn würde Zeit und Raum vernichten, weil man beide nun nicht mehr erleben konnte. Sie glaubten der Mensch verlöre eine wichtige Erfahrung, wenn ihm das Gefühl für Raum und Zeit zwischen zwei Orten abhanden käme.

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