Die Vermessung der Welt, 19. Teil

Die Vermessung der Welt, 19. Teil

Unterwegs zum geheimnisumwitterten Kanal zwischen Orinoko und Amazonas.

Die Tage in Caracas waren schnell vergangen. Die Besteigung des Silla mussten, sie ohne Führer unternehmen, weil sich herausstellte, dass kein Eingeborener je auf dem Doppelberg gewesen war. Auf dem Gipfel wurden sie von einem Schwarm pelziger Bienen belästigt. Der Gouverneur hatte sie gewarnt: Das Wichtigste sei, sich nicht zu rühren. Nicht zu atmen. Abzuwarten. Nach einer Viertelstunde lösten die Tiere sich von ihnen und schwirrten davon.
Zu ihrem Abschied wurde im Theater von Caracas ein Konzert unter freiem Himmel gegeben. Glucks Akkorde stiegen in die Dunkelheit der klaren Nacht voller Sterne. Ihm habe, flüsterte Humboldt, Musik nie viel gesagt.
Mit Maultieren brachten sie in Richtung des Orinoko auf. Um die Hauptstadt breiteten sich Ebenen aus, Tausende Meilen weit, ohne Baum, Strauch oder Hügel. Zwei Wochen waren sie unterwegs gewesen, als Hütten auftauchten, Menschen ihnen entgegenkamen.
In Calabozo trafen sie einen alten Mann, der noch nie das Dorf verlassen hatte. Trotzdem besaß er ein Laboratorium mit Messgeräten und einen Apparat, welcher zwischen gegeneinander rotierenden Rädchen, helle Funken erzeugte. Diese rätselhafte Kraft habe er entdeckt, rief der Alte. Das mache ihn zum großen Forscher!
Beeindruckend, sage Humboldt, aber das Phänomen nenne sich Galvanismus und sei in der ganzen Welt bekannt. Er selbst habe etwas dabei, was gleiche Wirkungen erzeuge. Er zeigte die Leydener Flasche und wie man mit einem Fell rieb, um haarfein verästelte Blitze entstehen zu lassen.
Der Alte kratzte sich schweigend am Kinn.
Humboldt klopfte ihm auf die Schulter und wünschte viel Glück weiterhin.
Sie kamen an einen Teich. Bonpland zog sich aus, stieg hinein, zögerte, stöhnte und sank der Länge nach um. Im Wasser lebten elektrische Aale. Die Tiere konnten Schläge auch ohne Berührung verteilen. Der Schlag war durch kein Instrument zu erkennen, nur am Schmerz, den er zufügte. Und er war ungeheuerlich, der Schmerz, so stark, dass man nicht begriff, was mit einem vorging. Er wurde einem erst mit Verzögerung bewusst und in der Erinnerung immer stärker; er kam einem vor wie etwas, das mehr der Außenwelt als dem eigenen Körper angehörte.
Sie reisten weiter. Bonpland hinkte, seine Hände waren gefühllos. Noch Tage danach tanzten Funken durch Humboldts Blickfeld, wenn er – er hatte auch was abbekommen – die Augen schloss. Lange blieben seine Knie so steif wie die eines alten Mannes.
Im hohen Gras fanden sie ein ohnmächtiges Mädchen, wohl dreizehn Jahre alt, in zerrissener Kleidung. Bonpland träufelte ihr Medizin in den Mund, sie spuckte, hustete und begann zu schreien. Jemand müsse ihr Furchtbares angetan haben, sagte Bonpland.
Bonpland gab ihr Wasser, sie trank hastig. Essen wollte sie nicht. Er half ihr auf die Füße. Ohne ein Zeichen der Dankbarkeit riss sie sich los und rannte davon.
Vermutlich die Hitze, sage Humboldt. Kinder verliefen sich und würden ohnmächtig.
Bonpland sah ihn eine Weile an. Ja, sagte er dann. Vermutlich.
In der Stadt San Fernando verkauften sie ihre Maultiere und erstanden ein breites Segelboot mit einem Holzverschlag, Lebensmittel für einen Monat und zuverlässige Gewehre. Humboldt erkundigte sich nach Ruderern, die Erfahrung mit dem Fluss hatten. Man wies ihn zu vier an einer Schenke setzenden Männern.
Humboldt fragte, ob sie den Kanal zwischen Orinoko und Amazonas kennen würden.
Natürlich, sagte einer.
Es gebe ihn nicht. Alles ein Gerücht, sagte ein anderer.
Humboldt schwieg verwirrt. Wie auch immer, sagte er dann, er wolle diesen Kanal vermessen, er brauche erfahrene Ruderer.
Was zu gewinnen sei, fragte ein Dritter.
Geld und Wissen.
Geld ist besser, sagte sein Kumpane.
Geht in Ordnung, sagte Humboldt.
Auf dem Weg zur Herberge folgte ihm ein struppiger Schäferhund. Humboldt blieb stehen, der Hund kam heran und drückte die Nase gegen seinen Schuh. Als Humboldt ihn hinter den Ohren kraulte, rülpste er, dann winselte er glücklich, wich zurück und knurrte Bonpland an.
Der gefalle ihm, sagte Humboldt. Offenbar habe er keinen Herrn. Den nehme er mit.
Das Boot sei zu klein, sagte Bonpland. Der Hund sei bissig und rieche nicht gut.
Man werde sich schon verstehen, sagte Humboldt und ließ den Hund in seinem Herbergszimmer schlafen.
Von Hunden sei nie die Rede gewesen, sagte einer der Ruderer, als die beiden am nächsten Morgen zum Boot kamen.
Es gebe Zwerghunde mit Flügeln, wo die Leute wahnsinnig seinen und rückwärts sprächen, sagte ein zweiter. Das habe er selbst gesehen.
Er auch, sagte jener. Aber jetzt seien sie ausgerottet. Gefressen von den sprechenden Fischen.
Seufzend bestimmte Humboldt die Position der Stadt, wieder einmal waren die Karten ungenau gewesen. Dann legten sie ab.

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